• Betonformsteine

    Betonformsteine

    Baukästen für die Freiraumgestaltung

Jahrelang war eine Wand aus expressionistisch geformten Betonsteinen unter wuchernden Hecken und Sträuchern verborgen geblieben. Erst Ende 2015 wurde sie neben dem Volkskunstmuseum in Dresden entdeckt - einer von vielen Schätzen der DDR-Alltagskunst, auf die man in den Städten des ehemaligen Ostens immer wieder stößt. Als Gegenstück zu den glatten, flächigen Plattenbauten sollten die plastisch gestaltete Betonformsteine, etwa 60 mal 60 Zentimeter groß und zu ornamentalen Wänden gefügt, die Außenräume zahlreicher Großwohnsiedlungen schmücken und gliedern. Nur wenige der skupturalen Wände stehen heute unter Denkmalschutz. Oft wurden sie mit oder ohne die sie umgebenden Gebäuden abgerissen und vernichtet, wie im März 2016 auf dem Robotrongelände in Dresden geschehen.

Kunst am Bau hieß in der DDR „architekturbezogene Kunst“ und war von Anfang an fester Bestandteil von Bauprojekten. Ab 1952 wurden zunächst ein bis zwei Prozent der Bausumme von Gesellschafts- und Verwaltungsgebäuden für die künstlerische Ausgestaltung eingeplant. Sieben Jahre später bezog man auch die Wohngebäude mit ein. Mit einem Budget von 0,2, später mit 0,5 Prozent der Bausumme sollten besonders die Zentren der neu gebauten Großwohnsiedlungen entsprechend gestaltet werden. Das konnte in Form von Wandbildern und -reliefs geschehen, durch die Gestaltung von Giebelwänden, später auch durch freistehende Skulpturen. Die ab den 1960er Jahren entwickelten Wände aus Formsteinen fielen ebenfalls in die Kategorie der architekturbezogenen Kunst.

Trends aus Weimar und Dresden

Bei der Ausgestaltung der neuen Großwohnsiedlungen kam es quasi zu einem Boom bei den Betonformsteinen, die Gestaltungsvariationen schienen unbegrenzt. Besonders hervorzuheben sind die durchbruchplastischen Formsteinsortimente des Bildhauers Hubert Schiefelbein, damaliger Dozent und später Professor an der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar. Etwa zur gleichen Zeit entwickelten die Künstler Karl-Heinz Adler und Friedrich Kracht von der Genossenschaft „Kunst am Bau“ in Dresden Gestaltungsbaukästen aus Betonformsteinen mit eckigen, runden, sowie durchbrochenen Formen. Sowohl Schiefelbeins, als auch Adlers und Krachts Formsteine sind in der gesamten Republik verwendet worden.

Ganz im Sinne der Plattenbausystematik wurden die industriell gefertigten Formsteine aus gegossenem Beton hergestellt. Durch das Drehen und Spiegeln eines Einzelelements konnten unterschiedliche Gestaltungsmotive erzeugt werden. Besonderes Merkmal von Hubert Schiefelbeins Entwürfen ist der geschwungene Durchbruch - die schräge, konvex oder konkav gestaltete Führung durch den Kubus. Jede von Schiefelbein entworfene Wand hat durch die asymmetrische Gestaltung der Bausteine automatisch zwei unterschiedliche Ansichten.

Geschwungener Durchbruch

Im Rahmen seiner Tätigkeit an der HAB Weimar entwarf der Bildhauer Hubert Schiefelbein eine ganze Serie von Formsteinen für die landschaftliche Gestaltung. Wichtige Impulse für diese Arbeiten bekam Hubert Schiefelbein von seinem Vorgänger Siegfried Tschierschky, der sich theoretisch und praktisch mit Druchbruchplastiken beschäftigte, jedoch vornehmlich für den Hochbau. Schiefelbein sah seine Strukturwände im Freiraum, als trennendes, verbindendes, gliederndes Element. Nichtsdestotrotz ist Tschierschkys Einfluss auf Schiefelbeins Werk deutlich erkennbar. Beiden war es wichtig, die Stärke der Materialien, besonders der Wand, wieder zu betonen, da die Architektur selbst sich zunehmend aus flächigen Elementen zusammensetzte. Bei den Plattenbauten wurde die Tiefe des Baukörpers wenig bis gar nicht betont.

 

Die Kooperation mit dem Landschaftsarchitekten Erhard Kister vom Wohnungsbaukombinat Erfurt gab Hubert Schiefelbein die Möglichkeit, die Elemente im konkreten Kontext der Erfurter Großwohnsiedlungen zu entwerfen und dort auch zu realisieren. Später sind seine Wände auch in anderen Städten und Siedlungen eingesetzt worden.


Dresdner Formsteinbaukasten

In Dresden erweiterten die Künstler Karl-Heinz Adler und Friedrich Kracht die Idee der unterschiedlich kombinierbaren Formsteine durch einen Baukasten, der auf zwölf Grundformen aufbaut. 1968 stellten sie ihr erstes „Beton-Formstein-Programm“ vor. Mit vertikaler, horizontaler, diagonaler, geschwungener oder gestreut ornamentaler Linienführung der Grundelemente erweiterten sie die gestalterischen Möglichkeiten beträchtlich. Diese reichten vom einfachen Reihen eines Formsteins über kompliziertere, ornamentale Gestaltungen, bis hin zu freien dynamischen Entwürfen auf ausgedehnten Flächen. Die einzelnen Steine konnten dabei geschlossen oder durchbrochen hergestellt und sowohl als Wandverkleidung als auch für freistehende Wände und Plastiken verwendet werden.

Das Formsteinprogramm wurde erst Anfang der 1970er Jahren tatsächlich umgesetzt. Es ist ein Ergebnis der gestalterischen und wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit der Produktionsgenossenschaft bildender Künstler „Kunst am Bau“, Dresden, und dem VEB Stuck und Naturstein, Berlin, der die Steine herstellte, lieferte und schließlich verbaute.

Ein weites Feld

Neben den prominenten Entwürfen von Hubert Schiefelbein und den Dresdener Künstlern der Genossenschaft „Kunst am Bau“ gibt es etliche Varianten von Wänden aus Betonformsteinen, deren Autoren uns nicht immer bekannt sind.

 

Quellen 

„Hubert Schiefelbeins Betonformsteine im Bezirk Erfurt“ von Felix Rössel, in „Kunstvolle Oberflächen des Sozialismus: Wandbilder und Betonformsteine“, Weimar 2014

„Formsteine“ von Karl-Heinz Adler und Friedrich Kracht, in „Form + Zweck“ 2/1972

„Produktionsgenossenschaft Kunst am Bau Dresden – 1958-1990“ von Antje Kirsch, Katalog der Ausstellung, Dresden 2013

„Robotrongelände Dresden - Keimzelle der Mikro-Elektronik für Silicon Saxony“ von Thomas Kantschew, www.das-neue-dresden.de 

 

Redaktion: Anja Thompson