• Charta von Athen

    Charta von Athen
    Was braucht der Mensch?

    Visionen der Stadt von morgen

Die Frage nach den grundlegenden Bedürfnissen des Wohnens stellen sich Architekten immer wieder. Sie beschäftigte auch die Avantgarde, die sich 1928 im Rahmen des "Congrès International d’Architecture Moderne (CIAM)" traf, um Fragen des Wohnungsbaus auf quasi wissenschaftlichem Wege zu lösen.

In der berühmten "Charta von Athen" fasste die Architektengruppe ihre städtebaulichen Erkenntnisse zusammen. Auch die Stadtplaner der ehemaligen DDR wendeten Prinzipien daraus an – allerdings erst auf Umwegen.

"Stadtbau kann niemals durch ästhetische Überlegungen bestimmt werden, sondern ausschließlich durch funktionelle Folgerungen."

So lautete eine der ersten Forderungen der Architektengruppe CIAM. Damit wendete sich die 1928 ins Leben gerufene Gruppe von der traditionell gewachsenen Stadt ab, die sie mit ihren Industrieschloten und vollgestopften, dunklen Elendsvierteln als Auslaufmodell betrachtete. Bereits auf den ersten Treffen diskutierten die Planer über moderne Techniken am Bau, Standardisierung und Ökonomie bei der Organisation neuer Stadtmodelle.

Mit Veröffentlichungen wollten sie den Menschen die gesamteuropäische Strömung der Moderne als Lösungsansatz für die drängenden Probleme der rasant wachsenden Industriestädte nahebringen. Auf den Teilnehmerlisten finden sich die Namen der führenden Mitglieder aller avantgardistischen Gruppen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Gerrit Rietfeld, Mart Stam, El Lissitzky, Walter Gropius, Marcel Breuer und Le Corbusier. Letzterer gilt als besonders umstrittene Persönlichkeit. Für die einen war Charles-Édouard Jeanneret-Gris – wie Le Corbuser mit bürgerlichem Namen hieß – ein Visionär, für die anderen der Schuldige an der Entstehung von Wohnghettos. Der Architekt, Stadtplaner, Maler und Möbeldesigner gilt als einer der führenden Köpfe hinter der "Charta von Athen".

Die funktionelle Stadt

Der gebürtige Schweizer und spätere französische Staatsbürger beschäftigte sich früh mit der Thematik schnell wachsender Städte. Die Probleme, die besonders untere Schichten der Bevölkerung betrafen, konnte Le Corbusier in Paris gut beobachten. Als Gegenmodell zum Elend der neuen Slums entwarf er 1922 die „Ville Contemporaine“ – ein Stadtmodell für drei Millionen Einwohner. Das Zentrum sollten mehrere 60-geschossige Wolkenkratzer mit Büros und Wohnraum bilden, eine besondere Rolle spielte die Anbindung an unterschiedliche Transportmittel wie Zug, Flugzeug sowie die Trennung von Autoverkehr und Fußgängern.

Die Vorschläge waren für die damalige Zeit zu radikal, Le Corbusier blieb dem Thema Urbanisierung aber treu. 1935 entwarf er „La Ville radieuse“ , eine Modellstadt, die sich vom Entwurf 13 Jahre zuvor vor allem durch die Aufhebung der sozialen Trennung unterschied. In der „Ville Contemporaine“ war die Bevölkerung noch in Arm und Reich aufgespaltet, nun bestimmte die Familiengröße die Zufteilung der Wohnungen.

Städtebau-Manifest

Im Oktober 1943 veröffentlichte Le Corbusier schließlich im von Deutschen besetzten Paris die „Charta von Athen“– als Manifest des avantgardistischen Städtebaus der Zukunft.

In diesem Papier forderte der CIAM klar strukturierte Städte: Das Zentrum sollte dem öffentlichen Leben – also Handel, Verwaltung und Kultur – vorbehalten sein. Die zweite urbane Ebene sollte ein breiter Ring oder Gürtel bilden: Dieser war für Wohnen, Industrie und Gewerbe vorgesehen, die Bereiche sollten aber streng voneinander getrennt sein. Am Stadtrand sollten schließlich Satellitenstädte entstehen. Ihr alleiniger Zweck war das Wohnen. Hohe Gebäude sollten außerdem genügend Platz für üppige Grünflächen lassen und somit für Lebensqualität sorgen.

Nach der Veröffentlichung 1943 blieb die Charta aber zunächst wenig beachtet. An Bedeutung gewann sie erst einige Jahre später: Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs stand die Schaffung von Wohnraum an oberster Stelle. In ganz Europa griffen Planer für Wohnbauprojekte die Ideen des CIAM und Le Corbusiers auf und so entstanden etwa in Frankreich und Großbritannien wie auch in Deutschland entsprechende Großsiedlungen.

Moderne auf Umwegen

Im Osten Deutschlands war man allerdings zunächst nicht vom neuen Bauen überzeugt. Aus Moskau gab Josef Stalin die Richtung in Architektur und Städtebau vor. Deshalb wandte sich die DDR-Führung nach ersten Versuchen mit Laubenganghäusern auf der Berliner Karl-Marx-Allee (ehemals Stalinallee) schnell vom Bauhaus-Stil ab. An stelle von „amerikanischen Eierkartons“, wie Walter Ulbricht die Laubenganghäuser betitelte, wurden die Architekten der DDR Anfang der 1950er Jahre angehalten, im sogenannten Zuckerbäckerstil zu planen. Zeitgleich entstand im Berliner Westteil mit dem Hansaviertel ein gebautes Exempel der Nachkriegsmoderne. Erst als deutlich wurde, dass billiger Wohnraum unter dem Motto „Paläste für das Volk“ nicht zu haben ist und schon gar nicht in kurzer Zeit, änderte die ostdeutsche Parteispitze ihren Kurs.

Überflüssige Schönheit

Ausschlaggebend waren wiederum die Ereignisse in Moskau. Nikita Chruschtschow löste Stalin im Amt ab und gab dem Städtebau von oben herab eine neue Richtung hin zu einer rein ökonomischen Bauweise. „Wir sind nicht gegen Schönheit, jedoch gegen alle Arten von Überflüssigkeiten“, ließ Chruschtschow die Architekten in seiner berühmten Rede auf der Allunionsbaukonferenz 1954 wissen. Damit begann auch in der DDR die ideologische Überhöhung des Plattenbaus im Laufe der 1960er Jahre. Ab dieser Zeit wurde die Industrialisierung des Bauens zu einer der entscheidenden Etappen in der Entwicklung hin zum Sozialismus stilisiert.


Den Wohnungsbau als zentrales Staats- und Städtebauziel auszurufen, wie es die CIAM-Architekten in den 1930er Jahren taten, das hat allerdings erst Erich Honecker für die DDR der 1970er Jahre getan.

Umsetzung in der DDR

Viele Forderungen der „Charta von Athen“ passten in den Rahmen des Sozialismus. Alles Handeln solle dem Wohle der Gemeinschaft unterstellt sein, das Privatinteresse rücke dagegen in den Hintergrund, die Höhe der Gebäude als dritte Dimension solle genutzt werden. Außerdem forderten die Architekten in der Charta die Planungsfreiheit sowie freie Verfügbarkeit von Grund und Boden. Und nur weil Grund und Boden einfach enteignet wurden, konnten schlussendlich in den sozialistischen Ländern so viele städtebauliche Großprojekte umgesetzt werden. Wie in der Charta gefordert, versuchten auch die DDR-Architekten die Wohnungen in den Plattenbausiedlungen nah am Arbeitsplatz und an den Freizeiteinrichtungen anzusiedeln, sodass die Menschen wenig Zeit für die täglichen Wege aufbringen müssen. Nicht immer gelang dies auch. 


Die Probleme und sozialen Spannungen der Großsiedlungen, die nach den Maximen der Moderne geplant wurden, offenbarten sich oft erst Jahrzehnte später. Seit Ende der 1970er Jahre sah man die „Charta von Athen“ als gescheitert an. Trotzdem haben einige Ideen nach wie vor Bestand. Darunter die Bedeutung von innerstädtischen Grünflächen, Verkehrskonzepten und die Trennung von Wohn- und Industriegebieten.