• Claus Asam

    Recycling

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Als Bauingenieur ist Claus Asam sowohl an der TU Berlin, als auch beim Bundesinstitut für
Bau-, Stadt- und Raumforschung tätig. Jahrelang hat Asam sich mit dem Recycling von Plattenbauteilen beschäftigt. Heute baut er ein digitales Plattenbau-Archiv auf.

„Die Betonqualität ist hervorragend“

Herr Asam ...

… seit dem Jahr 2000 beschäftigen sie sich mit der Prüfung von Plattenbauteilen. Was war dabei ihre erstaunlichste Entdeckung?

CA: Dass die Platten von der Substanz eine sehr gute Qualität besitzen, insbesondere die Betonqualität ist sehr hoch. Im nicht bewitterten Bereich konnten wir eine hervorragende Qualität feststellen. Das haben wir in dem Sinne nicht erwartet, weil es damals bei den Untersuchungen überwiegend um die energetische Ertüchtigung ging - man sollte irgendwas mit der alten Fassade machen. Und die Außenfassade, weil sie eben sehr stark verwittert war, zeigt erst einmal schlechte Betonoberflächen und auch Betonqualitäten. Aber die innere Substanz, also die Wände, die Decken, die waren hervorragend. 

Die DDR wird ja häufig mit Mangelwirtschaft gleichgesetzt. Waren die Plattenbauten in Ostdeutschland statisch minimal ausgelegt?

CA: Ja, ich würde schon sagen, dass die Statik weitestgehend ausgereizt war. Aber es wurde nach der heutigen Norm sicher bemessen. Zur damaligen Zeit gab es in Deutschland die DIN und in der DDR die TGL. Die DIN-Norm war in Teilen etwas strenger. Nach 2000 kam es zur europäischen Harmonisierung, wo dann die DIN zu Eurocodes umgewandelt wurden. Und die Eurocodes greifen in Teilen die Ideen der TGL wieder auf. 

Sie hatten die Idee aus rückgebauten Platten neue Gebäude zu errichten. Welche Projekte aus recycelten Platten sind unter ihrer Beteiligung realisiert worden?

CA: Das erste Projekt, das wir als reines Testgebäude geplant hatten, hat der Architekt Carsten Wiewiorra zum sogenannten Plattenpalast umgebaut. Danach kam ein großes Einfamilienhaus in Mehrow, das im Zuge eines Forschungsvorhabens noch vom Bauministerium unterstützt wurde. Und danach, fast baugleich gab es ein Projekt in Schildow, das waren zwei Einfamilienhäuser auf einem Grundstück. Danach war ein bisschen Pause, dann kam noch ein privater Bauherr, der 2008 ein Einfamilienhaus in Karow realisiert hat. Da war ich als Fachingenieur nur noch beratend tätig.

Wie war die Resonanz bei den Wohnungsbaugesellschaften? Gab es Interesse einer Zusammenarbeit?

CA: Von den Wohnungsbaugesellschaften, die die Platten für die Neubauprojekte gespendet hatten, kamen einzelne Mitarbeiter vorbei und haben sich das angesehen. Aber dass die Wohnungsbaugesellschaften sich offiziell an uns gewendet hätten und sich das Konzept hätten erläutern lassen, soweit kam es nicht. Wir waren auch nicht so weit im Gespräch, dass sie uns Rückbauten angetragen hätten. Über die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung mussten wir anfragen, wo in Berlin Rückbau stattfand. Teilweise bekamen wir die Information aus Zeitungen, wo etwas angekündigt wurde. Da sind wir dann einfach hingefahren und haben vor Ort mit der Rückbaufirma einen Handel gemacht. 

Wie weit darf ein Spendergebäude vom neuen Bauplatz entfernt sein, damit es lohnt, die Platten zu nutzen?

CA: Anfangs dachten wir, das müsste so nah wie möglich stattfinden, im Bereich 50 km. So war das bei unseren ersten Projekten. Nachdem das alles ausgewertet war, haben wir nochmal Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen gemacht und uns Angebote bringen lassen. Da haben wir Entfernungen bis 500 km untersucht. Es kommt ganz darauf an, wie groß die Bauvorhaben sind, die man dann realisiert und wie gut die Logistik geplant ist. 

Wird heute überhaupt noch rückgebaut?

CA: Zurzeit ist mir nichts bekannt. In ostdeutschen Bundesländern wird sicherlich noch vereinzelt teilrückgebaut, dort wo man städtebauliche Korrekturen macht. Aber in den Größenordnungen, wie damals, als es 2001 losging und der Rückbau mit Milliarden subventioniert wurde, nicht mehr. 

Jetzt bauen sie ein Plattenbau-Archiv auf in Zusammenarbeit mit der FH Potsdam. Woher kommen die Unterlagen?

CA: Das Archiv selber ist beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung angesiedelt. Die Unterlagen wurden damals vom Institut für Erhaltung und Modernisierung, dem IEMB, direkt von der Bauakademie der DDR übernommen - sehr viele Unterlagen zum Bauen in der DDR. Das IEMB wurde dann vom Bundesinstitut mitsamt seinen Mitarbeitern und dem Archiv übernommen. Es enthält Unterlagen des kompletten Bauwesens von 1948 bis 1990, was in der DDR geplant und gebaut wurde. Meiner damalige Kollegin Brigitte Mann ist es zu verdanken, dass es das Archiv in seiner Form heute noch gibt. Als junger Kollege, der damals an Rückbauten arbeitete, brachte sie mir die Begrifflichkeiten und Techniken bei. Ganz nebenbei fuhren wir des Öfteren zu Archivauflösungen oder besuchten Kollegen, die privates Archivmaterial loswerden wollten. Unser Archiv konnte so ständig verbessert werden. 

Welche Art von Unterlagen wird es dort geben?

CA: Der Bestand reicht von städtebaulichen Untersuchungen über Typenuntersuchungen, Beschreibungen von Typengebäuden, wie sie gebaut wurden, welche Einrichtungen sie haben und auch wie Kombinationen dieser Typen möglich sind. Bei Wohnungen zum Beispiel konnte man durch Verschiebung der Sektionen und Wände  unterschiedliche Wohnungsgrundrisse mit demselben Typ erzeugen. Dann gibt es Informationen zur Statik und der ganzen Elementplanung, Schal- und Bewehrungspläne, Montagepläne die man dann braucht um so ein Betonelement herzustellen, zu montieren beziehungsweise zu demontieren. In Deutschland ist es meines Wissens das umfassendste Archiv zur Thematik „Bauen in der DDR“. 

Wer wird Zugang zu dem Material haben?

CA: Es ist ein öffentliches Spezialarchiv, das momentan bei uns im Referat betreut wird. Die Anfrage ist für jeden Bürger kostenlos. Und da wir Personal einsparen müssen haben wir uns entschlossen, das Ganze zu digitalisieren. Wenn ich der Öffentlichkeit ein Archiv über das Internet zur Verfügung stellen will, dann brauche ich eine systematische Archivstruktur und die wird jetzt gerade von der FH Potsdam mit tatkräftiger Unterstützung von Brigitte Mann wiederhergestellt.  

Ist Plattenbautechnik heute noch aktuell?

CA: Auf jeden Fall. Die Tendenz geht in Teilen ja wieder zum Fertigteilbau. Gerade im hochwertigen Bauen. Auch in Spezialbauweisen hat man sich wieder komplett abgewendet von der Ortbauweise. Die Wirtschaftlichkeit ist da auf jeden Fall gegeben, weil es unschlagbare Vorteile bietet, dass ich sehr schnell bauen kann und sehr exakt bauen kann. Die DDR hat das damals erkannt und es dann zentral eingeführt. Wenn ich einmal Logistik und Struktur aufgebaut habe, kann ich das sehr effizient umsetzen. 

Aber nochmal einen Exkurs: wieso hat die DDR das so gemacht? Die BRD wollte das eigentlich nach dem Krieg auch machen. Aber da gab es die Gewerkschaften, die ihre Handwerker schützen wollten. Die DDR hat einfach rigoros gesagt: „Nee, da wird jetzt nichts mehr gemauert, ihr geht jetzt in das Werk und macht Stahlbetonbauer.“ 

Müssen die Gebäude einheitlich sein, damit es sich rechnet? 

CA: Je homogener desto wirtschaftlicher, rein für die Erstellung gedacht. Heute zählt nicht nur schnell, einfach und viel Bauen sondern Gebäude müssen mehr Qualitäten aufweisen. Unser Anspruch an die Wandelbarkeit von Gebäuden ist gestiegen. Umnutzungsfähigkeit ist z.B. eine Qualität die höher monetrarisiert wird. Und auch die architektonische Qualität wird beurteilt, die Innenraumhygiene und Behaglichkeit und vieles mehr. Dann relativiert sich das alles wieder. 

Das Interview führte Anja Thompson.

Plattenvereinigung in Bildern

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TIPP

Mit dem kreativen Wiederverwenden von Plattenbauteilen beschäftigt sich auch Angelika Mettke.

 

Film
Redaktion: Anja Thompson
Bild: Wolfgang Gaube
Regie: Uta Kolano & Wolfgang Gaube
Eine Produktion von DOKWORKERS im Auftrag der WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte mbH