• Daniel Fuhrhop

    Daniel Fuhrhop

WiLMA-Projekt in Berlin-Lichtenberg, (c) WBM, Fotograf Michael Lindner

Daniel Fuhrhop

Daniel Fuhrhop studierte an der Technischen Universität Berlin Architektur und Stadtplanung, danach Betriebswirtschaft. Von 1998 bis 2013 leitete er den Stadtwandel Verlag. Seit dem Verkauf arbeitet er als freier Autor, hält Vorträge und bloggt auf www.verbietet-das-bauen.de.

"Verbietet das Bauen!"

Herr Fuhrhop, in ihrer Streitschrift "Verbietet das Bauen!" kritisieren sie unter anderem den Stadtumbau Ost. EU-Fördermittel für Neubau in schrumpfenden Regionen seien sinnlos, wenn gleichzeitig massenweise Wohnbauten abgerissen werden. Plattenbauten sind ihren Thesen nach nicht nur deswegen attraktiv, weil sie nicht erst noch gebaut werden müssen. Sie wirken zudem einem Trend entgegen: dem steigenden Flächenbedarf …

Tatsächlich benötigen wir heutzutage mehr als drei Mal so viel Wohnraum als 1950, nämlich 45 Quadratmeter im Durchschnitt. Plattenbauten sind ein wichtiges Instrument, um diesen Trend entgegenzuwirken und flächeneffizient zu wohnen, aber auch preisgünstig. Denn wenig Fläche bedeutet leider nicht gleich wenig Miete – schauen sie sich beispielsweise die Auswüchse des Wohnungsmarktes an, wo 20 Quadratmeter auch mal 600 oder auch 800 Euro Miete im Monat kosten können.

Die Größe ist dabei meist nicht das Problem, gerade junge Menschen sind sehr mobil und brauchen nicht viel Raum. Bei ihnen sind kleinflächige Wohnungen sehr beliebt. Und auch die Luxus-Mikroappartements sind ja meist nichts anderes als Module und ihrer Baustruktur dem Plattenbau nicht unähnlich. Da lebt es sich in der renovierten Platte viel günstiger.

Umbau ist auch ein wichtiges Thema: In der Platte lassen sich leicht mehrere Räume zusammenlegen, die Räume können sich immer wieder neuen Nutzungswünschen anpassen. Ein Beispiel ist das WiLMA-Projekt in Berlin-Lichtenberg. Hier haben Mieter und Mieterinnen ein ehemaliges DDR-Verwaltungsgebäude erworben und zu Wohnzwecken umgebaut. Fest zum Programm gehören auch neu geschaffene Gemeinschaftsräume. Hier ermöglicht die Platte durch ihre Flexibilität neue Formen des gemeinschaftlichen Wohnens, ganz ohne Neubau.

Das WiLMa-Projekt ist ein Beispiel einer Nutzung durch Anwohner vor Ort. Sie plädieren aber auch dafür, Bevölkerungsgruppen in schrumpfenden Regionen im Osten anzusiedeln und sprechen von "Raumpionieren". Was sind das für Menschen, und wie soll das gelingen?

Es gibt ja die Idee des Stadtschreibers, der für ein Stipendium eine Zeit lang in einen Ort zieht und daraus Inspirationen zieht, das Image der Stadt kulturell aufwerten soll. Ich bin mir sicher, wenn dies in größerem Maßstab geschieht, könnten Städte dadurch eine Sogwirkung erzielen. Warum nicht 100 Künstler und Kreative für ein Jahr lang in einer Stadt mit 10.000 oder 15.000 Einwohnern ansiedeln? Das würde immense kreative Energien freisetzen, die sich sicherlich auch auf die Lebensqualität vor Ort auswirken würden – und andere Menschen anzieht.

Sie möchten, so das abschließende Kapitel ihres Buches, "Mit 50 Werkzeugen Neubau überflüssig machen". Als eine der Maßnahmen, weniger beliebte Großwohnsiedlungen aufzuwerten, schlagen sie eine "vorwegnehmende Historisierung!" vor: Stichwort "Kulturwelterbe Berlin-Marzahn". Was ist damit gemeint?

Historisierung ist eine wichtige Voraussetzung für Wertschätzung. Menschen brauchen anscheinend eine gewisse zeitliche Ferne, um kulturelle Errungenschaften in ihrer Besonderheit wahrzunehmen. Wir erleben das immer wieder, wenn – bleiben wir mal im Bereich der Architektur – plötzlich Baustile gewürdigt werden, die lange Zeit verpönt waren. Derzeit sind es beispielsweise die Gebäude des Brutalismus. Die galten früher als hässliche, schroffe Betonklötze, werden mittlerweile aber zunehmend wegen ihrer besonders markanten Formen geschätzt.

Ich bin mir sicher, so etwas wird auch irgendwann mit den Großbausiedlungen passieren. Solch einen Prozess kann man forcieren, indem man das historisch Besondere, das Zeittypische dieser Art Architektur und Stadtplanung herausstellt.