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    Altstadtplatten und mehr

Die typischen Wohnbauten der Serien P2 und WBS 70 sucht man in Erfurt vergebens. Der Bezirk hatte von jeher seine eigenen Plattenbautypen - die Wohnbaureihe Erfurt. Das Punkthochhaus PH 16 und die Wohnbaureihe 80 (WBR 80) entstanden hier. Letztere wurde in den frühen 1980er Jahren zur altstadttauglichen Platte weiterentwickelt - einsetzbar sowohl in der Innenstadt, als auch in den Neubaugebieten.

Bereits in den 1950er und 60er Jahren gab es großangelegte Pläne für die Umgestaltung Erfurts in eine sozialistische Metropole. Die Tatsache, dass Erfurt im Zweiten Weltkrieg nur vergleichsweise wenig zerstört wurde trug vielleicht dazu bei, dass die Innenstadt im Endeffekt von diesen Plänen verschont blieb.

Maßstabssprung

Neue Wohngebiete in Plattenbautechnik wurden zunächst außerhalb des Stadtzentrums errichtet. Im Norden Erfurts entstanden die “Neubaugebiete” Johannesplatz (1966-72), Rieth (1970-76), Nordhäuser Straße (1974-80) und 1976-81 der Rote Berg. Im Südosten wurden ab 1979 die Stadtteile Herrenberg und Wiesenhügel, sowie ab 1986 Drosselberg und Buchenberg errichtet.

Innerstädtische Plattenbauprojekte blieben vorerst auf die Ringstraße entlang der ehemaligen Stadtmauer begrenzt. So entstanden am östlichen Juri-Gargarin-Ring zwischen 1967 und 1971 vier Punkthochhäuser vom Erfurter Typ PH 16, sowie drei elfgeschossige Wohnscheiben. Bis 1984 wurden weitere Wohnscheiben am südlichen Ring fertiggestellt. Obwohl die Bauten am Rand der Altstadt stehen, beeinträchtigen sie das historische Stadtbild durch ihre schiere Größe und werden als Mauer wahrgenommen.

Neues im Altstadtstil

Noch Mitte der 1970er Jahre gab es Pläne, die nördliche Erfurter Altstadt durch Großformen aus Wohnriegel und -türme zu überformen. Doch zu dieser Zeit wuchs auch das Bewusstsein für den Denkmalwert der historischen Gebäude und Ensembles. 1975 verabschiedete die Volkskammer der DDR das „Gesetz zur Erhaltung der Denkmale in der DDR“, ab 1978 konnten ganze städtebauliche Ensembles unter Denkmalschutz gestellt werden. In Folge dessen fing man an, Altbauten in der Erfurter Innenstadt zu sanieren.

1982 legten die Erfurter Stadtplaner unter der Leitung des Stadtarchitekten Walter Nitsch einen Bebauungsplan für die Nördliche Innenstadt vor, der schließlich auch die Denkmalpfleger zufrieden stellte. Da die Bausubstanz hier in großen Teilen als zu schlecht für eine Sanierung bewertet wurde, kamen Ersatzneubauten vom Typ WBR 85 E zu Einsatz, die die Struktur der Altstadtbebauung nachformen und sich zwischen einzelne Baudenkmale und erhaltenswerte Straßenabschnitte einfügen sollten. In Erfurts erstem sogenannten "Umgestaltungsgebiet" wurde die Serientauglichkeit des neuen Plattenbautyps getestet - am "Funktionsmusterbau Leninstraße", den das Wohnungsbaukombinat bis 1985 in der heutigen Johannesstraße errichtete.


Harmonisierung mit WBS 70

Bei der Entwicklung der altstadttauglichen Platte WBR 85 E strebten die Entwickler eine Annäherung und Harmonisierung mit dem weit verbreiteten Plattenbautyp WBS 70 an. Hebezeuge und Turmdrehkräne hatten zu diesem Zeitpunkt die Fähigkeit 6,3 Tonnen zu heben. Das sollte auch in Erfurt ausgenutzt werden um eine schnellere Montage der Wohneinheiten zu gewährleisten. Während die Decken der „alten“ Erfurter Wohnungsbaureihe 80 aus zehn kleineren Elementen von je 1,20 Metern Tiefe montiert wurden, basierte der Typ WBS 70 auf einem Raster von vier Deckenplatten mit einer Tiefe von jeweils drei Metern. Dieses Raster wurde für die WBR 85 E übernommen, sodass man von der Erfurt-typischen Gebäudetiefe von 13,20 Metern abging hin zu den landesweit verbreiteten zwölf Metern. Damit konnte die Anzahl der Elemente bei der WBR 85 E auf vier bzw. fünf (bei 15 Metern Gebäudetiefe) pro Deckenabschnitt reduziert werden. Nichtsdestotrotz bleibt die WBR 85 E in ihren Details eine regionale Besonderheit.

Etwas fürs Auge

In der DDR war die bildende Kunst nicht nur Beiwerk, sondern integraler Teil der Architektur. Das konnte ein riesiges Wandbild an einem öffentlichen Gebäuden sein, wie zum Beispiel heute noch an den Fassaden der Bibliothek in Erfurt-Rieth zu sehen. Wesentlich mehr Kunst entstand jedoch im Zuges der Errichtung großer Wohngebiete.

Im Bezirk Erfurt verdienen die Durchbruchplastiken Hubert Schiefelbeins und anderer Bildhauer besondere Beachtung. Der Landschaftsarchitekt des WBKs Erfurt, Erhard Kister, beauftragte die Strukturelemente aus unterschiedlich gestalteten, plastischen Betonformsteinen für die Außengestaltung in mehreren Wohngebieten. Die Betonformsteine passen zum typisierten Großplattenbau: sie sind selbst seriell herstellbare, industriell vorgefertigte Produkte, die wie Bausteine skulptural zusammengefügt und später sogar abgebaut und an anderer Stelle wiederverwendet werden könnten.

Erfurter Plattenbau historisch

Eindrücke aus der Zeit, als die Gebäude frisch errichtet waren. Das sechzehngeschossige Punkthochhaus der Erfurter Wohnungsbaureihe, entwickelt von Architekturprofessor Joachim Stahr an der HAB Weimar, wird besonders oft gezeigt. 

"Die neue Platte zum Wohnungsbauprogramm" von Tabea Hilse, in: Altstadtplatten. „Komplexe Rekonstruktion“ in den Innenstädten von Erfurt und Halle, Verlag der Bauhaus-Universität Weimar, 2013

"Ornamente des Plattenbaus" von Felix Rössl, in: Kunstvolle Oberflächen des Sozialismus: Wandbilder und Betonformsteine, Verlag der Bauhaus-Universität Weimar, 2014

"Sechzehngeschossiges Punkthaus der Wohnungsbaureihe Erfurt" von Joachim Stahr, in: Architektur der DDR, Heft 3, Jg. 1969

"Ein interaktives Modell zum Flächennutzungswandel im Transformationsprozess am Beispiel der Stadt Erfurt" von Thomas Ott, Mateo Monographien Band 3, Dissertation 1997


Redaktion: Anja Thompson