• Greifswalder Altstadt

    Greifswalder Altstadt

    Experimenteller Stadtumbau

Wer durch die nördliche Greifswalder Altstadt spaziert, könnte meinen, die Stadt habe das gleiche Schicksal erlitten, wie viele andere deutsche Städte – Zerstörung eines Großteils der Gebäude durch Bomben während des Zweiten Weltkriegs und Wiederaufbau mit modernen Mitteln. Fakt ist: Greifswald überstand den zweiten Weltkrieg ohne Bombenschäden.

Neben Bernau und Gera wurde Greifswald Anfang der 1970er Jahre zum städtebaulichen Experiment erklärt. Zum ersten Mal in der Geschichte der DDR war es erklärtes Ziel der sogenannten „sozialistischen Umgestaltung“, sich an die gewachsene Struktur der Altstadt mit ihren Bürgerhäusern anzupassen und die neuen Wohn- und Gesellschaftsbauten in das historische Raumgefüge zu integrieren.

Traurige Voraussetzung war der miserable Zustand eines Großteils der Bestandsgebäude. Über Jahrzehnte hinweg wurde die Altstadt dem Zahn der Zeit überlassen. Die Verantwortlichen ließen die Bausubstanz zunehmend verfallen, ob gewollt oder aus Mangel an passenden Materialien, sei dahingestellt.

Platten für historische Stadtgestalt

Der mittelalterliche Grundriss der Greifswalder Altstadt basiert auf dem klassischen Rasterprinzip, dieses begünstigte die Anwendung der Plattenbauweise. Für das Bauen in der Innenstadt sollten Elemente des WBS 70 Anpassung Rostock (WBS 70 AR) modifiziert werden.

Ein langer Vorbereitungs- und Planungsprozess ging dem Umbau voran. Ganze acht Jahre vergingen nach Start des Forschungsprojekts, bis die Baugruben im ersten von drei sogenannten Umgestaltungsgebieten ausgehoben wurden.

 

Für die Neugestaltung orientierten sich die Architekten an Höhe und Größe der Gründerzeitbauten des südlichen Umgestaltungsgebiets am Markt. Damit übertrugen sie den Maßstab der reicheren Quartiere auf den Randbereich im Norden, sodass das nördliche Gebiet kompakter und homogener wirkt, als vor dem Abriss. Trotzdem sollten innerhalb der einheitlichen Wohnblocks Einzelhäuser ablesbar bleiben. Auch die Beziehungen der Straßen und Plätze zu „dominierenden Baukörpern“, womit die hohen gotischen Stadtkirchen gemeint waren, sollten beibehalten werden. Die geschützten Baudenkmale wurden in die Neubaustrukturen eingebunden, wobei die Neubauten dominierten, da sie weit in der Überzahl waren.

Umbau im großen Stil

Das Konzept der Greifswalder Umgestaltung geht auf den Stadtarchitekten Frank Mohr zurück, in Zusammenarbeit mit Achim Felz von der Bauakademie. Der Entwurf für die Neubauten kam vom Kollektiv von Gerhard Richardt mit Egon Hartmann, Kurt Lingner, Wolfgang Bachmann, und Frieder Hofmann vom VEB Wohnungsbaukombinat Rostock. Frank Mohr weist nach, dass mit etwa 70 Prozent gleichen oder gering veränderten Elementen aus der laufenden Serie und mit den vorhandenen Ausrüstungen die gegebene Produktionsbasis ausgenutzt werden kann - unter der Voraussetzung einer rechtwinkligen Bebauungsstruktur, zusammenhängender Baukörper mit 40 Wohneinheiten und einem durchgängigen Raster von 3,60 Metern.

 

Dem Umbau ging ein Flächenabriss voran, der für das Umgestaltungsgebiet 1 den Abriss von circa 270 Wohneinheiten vorsah. 340 Wohnungen sollten neu errichtet, weitere 50 bis 60 instandgesetzt werden. Erst 1978 startete man, die neuen Wohngebäude zu errichten, 1981 war das Umgestaltungsgebiet 1 im Wesentlichen fertiggestellt.

Die städtebauliche Lösung für das zweite und das dritte Gebiet entwarf Georg Döll vom Greifswalder Büro für Stadtplanung, während Stadtarchitekt Frank Mohr 1987 in die Bezirksplanung wechselte. Obwohl die Konzepte für den zweiten Bauabschnitt schon 1981 bis 82 entwickelt wurden, musste mit der Realisierung bis 1986 gewartet werden, bis die neue Wohnungsbaureihe 83 (WBR 83) in Greifwald eingesetzt werden konnte.

 

Im Umgestaltungsgebiet 3 wurde das in den Gebieten U1 und U2 erprobte in größerem Maßstab angewandt. Während im U1 350 und im U2 205 Wohnungen neu gebaut wurden, waren für das U3 bis 1990 875 Wohnungen geplant, ein Großteil davon konnte bis 1989 tatsächlich realisiert werden.

 

 

Experiment geglückt?

Flächenabriss tut immer weh. Trotzdem wurde das „Experiment Greifwald“ unter DDR-Fachleuten als gelungener Umgang mit einem verfallenden Altstadtgebiet angesehen. Mit einer relativ geringen Zahl von Gestaltungsvarianten wurde ein lebendiges Stadtbild erzeugt. Erklärtes Ziel der Planer war es nicht, historische Formen nachzuahmen, sondern strukturelle Analogien zu den handwerklichen Gestaltungsmitteln zu schaffen.Als positiv ist zu bezeichnen, dass mit der Umgestaltung große Teile des verfallenden, mittelalterlichen Zentrums als Wohnstandorte wiedergewonnen wurden.

 

Der Erfolg des Experiments lässt sich außerdem an der Zahl seiner Folgeprojekte ablesen. In der ersten Hälfte der 1980er Jahre wurden quer durch die Republik Plattenbauten in Innenstädte integriert, wie beispielsweise in Erfurt und Cottbus. An der Ostsee entstand das „neue“ Rostocker Hafenviertel. Betrachtet man den Abwechslungsreichtum in der Fassadengestaltung, so stellt die Greifswalder Altstadt andere norddeutsche Projekte innerstädtischer Umgestaltung der 1980er Jahre in den Schatten.

 

 

Außerhalb der Altstadt

Der weitaus größere Anteil an Neubauten in Plattenbauweise wurde, wie in den meisten Städten der DDR, außerhalb der Altstadt errichtet. An einigen Gebäude der Großsiedlungen kann man interessante Baudetails und Schmuckelemente entdecken.