• Ha-Neu

    Ha-Neu

    Die Plattenbau-Metropole

Am 17. September 1963 beschloss die DDR-Führung den Aufbau einer „Sozialistischen Stadt der Chemiearbeiter“. Es galt Wohnraum zu schaffen für die Arbeiter in den Chemiebetrieben der Buna- und Leuna-Werke. Links der Saale, neben der Altstadt Halles, wurde 1964 der Grundstein gelegt für eine Stadt "in der zu leben für jedermann Glücklichsein heißt".¹

Halle-Neustadt – im Volksmund gern "Ha-Neu" genannt – wuchs unter Chefarchitekt Richard Paulick in Rekordzeit zur Großstadt heran. Dafür wurde am 1. Februar 1964 ein eigenes Werk zur Produktion der Plattenbau-Elemente eröffnet. Bereits am 9. August 1965 ziehen die ersten Mieter in Block 612, heute Akener Bogen. Kurz darauf, im Juli 1967, wird Halle-Neustadt eigenständig und erhält Stadtrecht. Im Oktober 1975 kann die 25.000. Wohnung übergeben werden, sie befindet sich in Block 726, heute Gellertstraße. 1990 lag die Einwohnerzahl Ha-Neus bei über 93.000.

Nikita Chruščëv entdeckt die Baupolitik

Rückblende ins Jahr 1953: Der Tod Stalins hatte zum Machtpoker geführt. Der Bauernsohn und potenzielle Stalin-Nachfolger Nikita Chruščëv galt als erfahrener Politiker in Landwirtschaftsfragen. Als bislang vernachlässigtes Thema entdeckte er nun die katastrophale Wohnungssituation, ausgelöst durch die verheerenden Kriegszerstörungen, die Landflucht und eine auf die Eliten ausgerichtete Baupolitik. Zwar hatte es unter Stalin erste Musterprojekte zur Rationalisierung gegeben, doch die breite Masse konnte die reich verzierten Arbeiterpaläste nur von außen bewundern.

Nikita Chruščëv entdeckt die Baupolitik

Jurij Pimenovs, „Hochzeit auf der Straße von morgen“, 1962. Quelle: RIA No-vosti/Tretjakov-Galerie, Moskau

Block um Block um Block

Auf die Frage, wo man denn wohne, wurde in Ha-Neu nicht wie üblich mit einer Straßenadresse geantwortet – denn es gab keine. Statt Straßennamen wurden dreistellige Blocknummern vergeben, wobei die erste Nummer für den Wohnkomplex stand. An der Magistrale etwa befanden sich die Häuser beginnend mit „0“. Die Zehnerstelle leitete sich daraus ab, die wievielte Straße vom Kreuz Magistrale/S-Bahn aus gesehen wurde. Die Einerstelle bezog sich auf das jeweilige Gebäude. Ab 1990 wurden dann Straßennamen vergeben.

Block um Block um Block

© reinirazzi via Flickr

Block 10

In Halle-Neustadt entstand das größte Wohnhaus der DDR, der 380 m lange „Block 10“. Nach weiterem Ausbau des Viertels erhielt er die Blocknummern 618 bis 621. In nur 6 Monaten Bauzeit wuchsen aus 23.000 Plattenelementen 320 Mehrzimmer- und 536 Einraumwohnungen empor. Der Zehngeschosser wiegt mehr als 100.000 t und wurde geplant für gut 2.000 Menschen. Ein Dachgarten wurde angelegt, einige Räume zu einer Kinderkrippe mit 160 Plätzen ausgebaut, auch ließ man drei Durchgänge in das Haus ein, um Fußgängern den Weg nicht zu versperren. Fertiggestellt am 31. Juli 1967 findet man „Block 10“ heute an der Straße Am Gastronom/Zerbster Straße 25-43. Das Haus aus der Luft bei google maps.

Die Unvollendete

Neustadts Zentrum wurde nie fertiggestellt, zudem fehlte eine Straßenbahnanbindung an die Altstadt von Halle (Saale). In den 1970er Jahren wird die „Neustädter Passage“ gebaut, eine Einkaufsmeile auf zwei Ebenen mit Fachgeschäften, Poliklinik und Post. 1976 eröffnet das Kaufhaus. Erst 1979 wird der Grundstein für Ha-Neus einzige große Kultureinrichtung gelegt, das Kino „Prisma“ (abgerissen 1999).  

Wendepunkte

1990 wird für Halle-Neustadt dann doch ein Rathaus gebaut, nimmt aber seine Funktion nie war: Per Bürgerentscheid wird die Plattenbau-Metropole am 6. Mai 1990 nach Halle (Saale) eingemeindet. Umfangreiche Sanierungsarbeiten beginnen. Doch trotz des vielen Grüns und massiver Verbesserung der Infrastruktur (wie neuen Straßenbahnlinien und Shoppingcentern), kehren viele Menschen dem Quartier den Rücken: Mit Stand 2012 hat sich die Einwohnerzahl Ha-Neus seit 1990 mit knapp 45.000 mehr als halbiert. Hauptgründe dafür sind der demographische Wandel und der Wegfall der Industrie-Arbeitsplätze. Als Wohnort jedoch ist Halle-Neustadt nach wie vor beliebt – gerade für umgebaute Häuser stehen die Mieter Schlange, wie am Oleanderweg.

Im Detail mögen sich die Visionen der Planer nicht erfüllt haben - und doch bieten sich mitten im Ballungsraum Halle-Leipzig durchgrünte Möglichkeiten, dass Leben in Ha-Neu Glücklichsein heißt.

 

Quellen

  • Stadtchronik der Volkshochschule Halle (Saale)
  • ¹ aus der Rede zur Grundsteinlegung, 15.08.1967


Interessante Links

  • Das preisgekrönte Musikvideo von Jan Schönwiesner und Amon Tobin spielt teils in Halle-Neustadt: Vimeo
Wendepunkte

      Wappen von Halle-Neustadt bis 1990