• Hoyerswerda

    Hoyerswerda

    Versuchslabor der Superlative

Die wechselvolle Geschichte Hoyerswerdas ist auch eine Chronik des Plattenbaus: So schnell die Stadt in den 1960er Jahren wuchs, so rasant schrumpft sie seit der Wende. Auserkoren als erste sozialistische Großsiedlung in Plattenbauweise wurde Hoyerswerda zum Vorbild und Maßstab für das industrialisierte Bauen in der DDR.

Die Ursprünge Hoyerswerdas reichen zwar bis ins Mittelalter zurück, die „Neugründung“ der Stadt lässt sich aber auf den Tag genau datieren: Am 23. Juni 1955 beschloss der Ministerrat der DDR den Aufbau des Braunkohleveredlungskombinates „Schwarze Pumpe“, das später die gesamte Republik mit Stadtgas versorgen sollte.

Um die benötigten Arbeiter an Ort und Stelle zu haben, wurde auch die massive Erweiterung der zwölf Kilometer entfernt liegenden Stadt Hoyerswerda vereinbart. Praktisch aus dem Nichts entstand die Neustadt, nach Stalinstadt (später Eisenhüttenstadt) die zweite sozialistische Modellstadt der DDR.

Besser, schneller, billiger

Während sich die Planung von Eisenhüttenstadt noch an den Vorbildern barocker Stadtbaukunst anlehnte, wurde Hoyerswerda zum Pilotprojekt des industrialisierten Bauens ernannt. Von vornherein war das Ziel gestellt, die Wohnbauten in Großblock- und vor allem in Großplattenbauweise zu errichten.

Seit 1955 beugte sich auch die DDR dem Diktat Chruschtschows: besser, billiger und schneller bauen. Laut Regierungsbeschluss vom Juni 1955 sollten in den kommenden Jahren 48.000 Wohneinheiten auf der grünen Wiese entstehen – gegliedert in sieben Wohnkomplexe und ein Zentrum. Ende der 1960er Jahre wurde die Planung auf 95.000 Einwohner und 15 Wohnkomplexe bis zum Jahr 2000 ausgeweitet.

Den ersten Ideenwettbewerb zur Gestaltung des Zentrums und der Wohnkomplexe gewann ein Kollektiv aus Halle. Im Anschluss an den Wettbewerb entstand 1957 der erste Bebauungsplan unter der Leitung des Architekten Richard Paulick. Als Chefarchitekt war der Gropius-Schüler Paulick von 1956 bis 1960 maßgeblich am Aufbau von Hoyerswerda beteiligt.

Idee vom neuen Bauen

Wie viele seiner Kollegen, war auch Paulick ein großer Verfechter des industrialisierten Bauens. Er sah darin das geeignete Mittel, um Baukosten zu senken und gleichzeitig den Bauablauf zu beschleunigen. 1958 forderte Paulick in einem Vortrag:

„Unser Ziel beim Aufbau Hoyerswerdas ist es, die Anwendbarkeit dieser Prinzipien der technologischen Unifizierung, der Produktion und Montage im Takt- und Fließverfahren am Aufbau einer ganzen Stadt auszuprobieren. Also aus dem Aufbau von Hoyerswerda einen planerisch-ökonomischen, konstruktiven, technologischen und baukünstlerischen Großversuch zu machen. ( ...) Das Ziel muss sein: die völlig industriell gebaute Stadt.“

Im Mai 1957 begannen die Bauarbeiten am Wohnkomplex I der Neustadt. Parallel dazu nahm das erste vollmechanisierte Großplattenwerk der DDR in Groß-Zeißig bei Hoyerswerda die Produktion auf. Geplante Jahreskapazität: 7.000 Wohneinheiten.

Ein Großteil der Gebäude im ersten Bauabschnitt wurde bereits in Großtafelbauweise erstellt. Dennoch hielten die Planer am Prinzip geschlossener Gebäudeensembles fest.

Städtebau entlang der Kranbahn

In den folgenden Jahren beeinflusste die Funktionsweise der industriellen Baustelle den Städtebau in zunehmendem Maße. Der Verlauf der Kranbahn, der Aktionsradius der Hebezeuge, die Lagermöglichkeiten der Platte bekamen Vorrang vor raumgestalterischen Überlegungen. Das führte zu monoton aneinandergereihten Zeilenbauten ohne urbanen Charakter. Schon die Ausführung der Wohnkomplexe II und III entfernte sich von Paulicks ursprünglicher Planung. Die Satteldächer der ersten Bauabschnitte wichen einer Bauweise mit Flachdächern. Insgesamt zehn Wohnkomplexe entstanden bis in die späten 1980er Jahre. Dabei dominierten die Plattenbautypen P1 und P2 das neu geschaffene Stadtbild. 

Plan und Wirklichkeit

Mit der Planung von Hoyerswerda wurde ein Maßstab gesetzt, der für die meisten Neubaugebiete der DDR in den folgenden Jahren verbindlich werden sollte. Dennoch blieb dem Pilotprojekt der Erfolg verwehrt. „Trotz dieser Mitte der 1960er Jahre einsetzenden Bemühungen, wenigstens die Peripherie der Stadt mit dichteren Bebauungsstrukturen abzurunden, fehlt es Hoyerswerda an jeglicher urbanen Atmosphäre“, schrieb der Kunsthistoriker Thomas Topfstedt 1988.

Die Haupterschließungsstraße verkam zu einer reinen Verkehrsachse ohne gesellschaftliche Einrichtungen. Hinzu kam die lange Bauverzögerung im Zentrum. Das eigentliche Herzstück der neuen Stadt blieb viele Jahre lang leer. Erst 1968 wurde hier das erste Kaufhaus eröffnet. 

Stadtumbau Ost

Rund 150.000 Arbeitsplätze wurden nach der Wende in der Region abgebaut, weshalb auch viele, gerade junge Familien fortzogen. Früh kam es zu sozialen Spannungen. 1991 erlangte Hoyerswerda durch ausländerfeindliche Krawalle traurige Berühmtheit. Die einst so begehrten Platten verwaisten und verfielen infolge des Leerstands. 1997 wurden die ersten Wohnblöcke abgerissen. Seit 2002 greift das Förderprogramm Stadtumbau Ost, mit umfangreichem Rückbau von Wohnbebauung und Aufwertungsmaßnahmen für das Wohnumfeld. 71.000 Einwohner hatte die Stadt zu ihren Hochzeiten, heute sind es nur noch rund 37.000.

Kunstvoll

Bevor im November 2009 die Bagger anrollten, übernahmen Kinder und Jugendliche das Kommando in einem leerstehenden Wohnblock des WK 10. Wie man aus dem Namen "Malplatte" schließen kann, wurde das Gebäude innen wie außen nach Herzenslust verschönert. Es wurde gemalt und gesprüht, Installationen wurden eingerichtet. So entstand eine lebendige Auseinandersetzung mit der Architektur, die für viele Jahre selbst vor Leben strotzte. Die "Malplatte" ist inzwischen Geschichte, die spannenden Arbeiten bleiben der Nachwelt aber zum Glück erhalten und sind auf der Internetseite des Projektes zu sehen.

 

Infos

Film

 

  • Dorit Baumeister über die Kunst- und Kulturprojekte in unseren Plattenköpfen