• MDW

    MDW

    Selbsbefreiung für das wohnende Individium

Kunde als Gestalter

Das „ergänzungsfähige Einzelmöbel“ stellt bis Ende der 1950er Jahre das höchste der Gefühle in Sachen käuflich erwerbbarer Individualität im Wohnalltag dar. Die Serie „602“ der Werkstätten Hellerau bot den Menschen immerhin die Möglichkeit, im Laufe ihres Lebens Möbelstücke desselben Sortiments zuzukaufen. Mit dem System „Montagemöbel Deutsche Werkstätten“ (MDW) schlug der Traditionsbetrieb 1967 völlig neue Wege ein. Das Besondere war: Der Käufer wurde hier selbst zum Gestalter, indem er Teile auswählte, individuell kombinierte und auch selbst zusammenbaute.

Möbel fürs Volk

Das entsprach genau dem Anspruch des diplomierten Formgestalters Rudolf Horn, der das System im Auftrag der Werkstätten Hellerau entwickelte. Horn wollte Objekte entwerfen, die in die Mitte der Gesellschaft hineinwirkten, also für viele Menschen nutzbar waren.

Den Widerspruch der individuellen Lösungen zur Massenfertigung löste Horn mit einem Baukastensystem, dem „komplettierungsfähigen An- und Aufbaumöbel“.

Gemischte Gefühle

Das Montagesystem bestand aus in weißem Schleiflack gehaltenen senkrechten Seitenwänden und Regalen sowie aus Fronten in dunklem Holzfurnier. Diese wenigen Gestaltungsgrundsätze betonten die Vertikale, so dass selbst Reihungen des immer gleichen Aufbaus nicht wie eine flache Strecke wirkten. 1967 wurde MDW auf der Leipziger Herbstmesse erstmals vorgestellt und dort als „Erzeugnis hervorragender Qualität“ mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Vom damaligen Staatsratsvorsitzenden und gelernten Tischler Walter Ulbricht noch mit den Worten „das sind ja nur Bretter“ abgetan, entlockten Zweckmäßigkeit und Schönheit der Neuentwicklung den Experten in der Folge aber durchweg positive Reaktionen.

Eingeholt von der Realität

Die Hoffnung des Entwicklers Horn, die Kreativität jedes einzelnen Kunden zu entfesseln, wurde allerdings enttäuscht. Trotz Auszeichnung schränkte die Wirklichkeit des planwirtschaftlichen Systems die Verwendbarkeit von MDW ein. So wurden nicht alle geplanten zwölf Module hergestellt, sondern nur sechs. Nicht produziert wurden unter anderem der Schreibtisch sowie die Schlafzimmer- und Sitzmöbel. Auch im Möbelhandel wollte man lieber Komplettmöbel verkaufen als Bretterstapel mit Bastelanleitung. Obwohl nach einer internen Analyse die Hälfte der Käufer Selbstmontage bevorzugten, wurden die Deutschen Werkstätten 1974 angewiesen, nur noch teilverklebte Körper anzufertigen. ¹ Das Möbelprogramm „verkam“ schließlich in einem Wust von Nussbaumimitaten, lebte in der Wohnraumgestaltung jedoch als Hintergrund und praktische Ergänzung zu unterschiedlichsten Stilpräferenzen weiter.

¹ aus: Andreas Ludwig, „Hunderte von Varianten“, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 3 (2006) H. 3

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