• Mittelganghaus

    Mittelganghaus

    Das Apartmentwunder

Das Mittelganghaus ging - genau wie der auf dem selben Prinzip aufbauende Wohnturm WHH 17 - auf den Wohnungsbauwettbewerb 1963 zurück. Beide Häuser entstammen der Feder des Kollektivs um Josef Kaiser und erhielten den Ersten 2. Preis.

Für den Wohnkomplex Hans-Loch-Straße (Berlin-Friedrichsfelde) sollte ein Mittelganghaus (Typ Berlin) entworfen werden, welches kleine Apartments aufnimmt. Proportion, Preis und Ausstattung sollten in einem ausgewogen Verhältnis stehen. In der heutigen Schwarzmeerstraße 23/25 wurde das erste Haus dieser Art gebaut. Entwickelt wurde das baureife Mittelganghaus vom VEB Berlin Projekt, Architekten waren Klaus Deutschmann, Ernst Wallis und Peter Brandt. Die Projektierungszeit betrug rund sechs Monate, mit dem Bau des ersten Mittelganghauses wurde im November 1963 begonnen, fertiggestellt wurde es im Juli 1965. Diese Häuser wurden auch je ein Mal gebaut in der Berliner Rhinstraße, in Schwedt (Abriss 2005) und Eisenhüttenstadt (gesprengt 07.10.1998), sowie mehrfach im ehemaligen DDR-Bezirk Schwerin. Abwandlungen entstanden später in der gesamten DDR.

Fakten aus der Schwarzmeerstraße

Das ursprüngliche Mittelganghaus wurde mit 10 Obergeschossen errichtet, in Großplattenbauweise 5Mp mit monolithischem Untergeschoss. Je Obergeschoss gab es 30 Einzimmerwohnungen mit je 25m² Wohnfläche und 8 Zweizimmerwohnungen à 50m² (Giebelseiten). Alle Wohnungen verfügen über einen Balkon. Das Systemmaß beträgt 3.600 mm, die Geschosshöhe 2.800 mm, die Gebäudelänge 87,06 m, die Breite 18,4 m und die Höhe 32,07m (mit Auszugstürmen 33,62 m). Die Baukosten pro Wohnung betrugen 18.510 Mark der Deutschen Notenbank (DDR). 

Funktional und ästhetisch ansprechend

Über einen zentralen Flur werden alle Wohnungen links und rechts erschlossen. Zwei Eingänge mit je einem Treppenhaus und Aufzug erschließen die Etagen. Das Besondere: Weil das Einbringen der Aufzüge in das Gebäude technisch zu aufwendig und teuer geworden wäre – es konnten keinen Standard-Plattenelemente verwendet werden - entschied man sich für eine Neuerung. Treppenhaus und Aufzug wurden vor das Haus gesetzt. Über verglaste Verbindungsbrücken gelangen die Bewohner in den Flur. Dies hat den weiteren Vorteil, dass das Gebäude akzentuiert werden konnte, und nicht rundum gleich aussieht. Der Hauseingang befindet am Treppenhausturm, mittig zwischen Erdgeschoss und 1. OG, erreichbar über eine Treppe.

Die Enden der Flure (Stirnseite der Gebäude) wurden großflächig verglast, die Wände selbst außen mit aufwändigen, bunten Keramiken gestaltet. Eine ähnliche Gestaltung erfuhren die Treppenhaustürme, welche gleichzeitig die Hauseingänge hervorhuben. Diese Fliesungen sind am ersten Mittelganghaus Schwarzmeerstraße 23/25, Berlin, noch original erhalten (Stand Juli 2013). Das mittlerweile abgerissene Mittelganghaus in Schwedt hatte durch die Fliesungen die Kosenamen „Bunte Kuh“ oder „Papageienhaus“.

Kompakt und durchdacht

Die Küche wurde als sgn. Kleinstküche entworfen: Herd mit zwei Platten, Unterschrank mit Arbeitsplatte, zwei Hängeschränke, Spülbecken mit Ablage und Platz für einen Kühlschrank.

Um den Wohnraum optimal zu nutzen, gab es in jeder Wohnung einen raumhohen Einbauschrank, in den Zweizimmerwohnungen auch eine kleine Abstellkammer. Das Bad wurde mit WC, Waschbecken und ebenerdiger Dusche ausgestattet. Küche und Bad wurden als komplett vorgefertigte Einbauelemente entwickelt.

Im Erdgeschoss wurden Gebäudetechnik, Fahrrad- und Gemeinschaftsräume sowie 10 Tiefgaragenstellplätze untergebracht.

Ruhe bitte!

Im Gegensatz zu den bisherigen Bauten wurden für das Mittelganghaus zusätzliche Mittel für den Schallschutz bereitgestellt. Dazu gehören: biegeweiche Schalen in den technischen Räumen, schallabsorbierende Decken in Mittelgängen und Zwischenpodesten, Dämmmaterialien an den Müllschluckern, stark trittschallschluckende Fußbodenkonstruktion der Mittelgänge und Wohnungen, Schallabschirmungen innerhalb der Lüftungsanlagen ect.

Rundum zufrieden

Aus der Beurteilung des Nutzer, im Auftrag der Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft „Deutsch-Polnische Freundschaft“ der Deutschen Post, 1966:

„... Obwohl die Einraumwohnungen mit einer Gesamtfläche von 25 m² nicht sehr groß gehalten sind, äußern die Mieter übereinstimmend, daß der Wohnraum bei entsprechender Möblierung ausreichend ist. Dazu trägt der im Wohnungsvorraum eingebaute, sehr geräumige Wandschrank bei, der die Aufstellung eines speziellen Kleiderschrankes im Wohnraum erübrigt. Als angenehm werden von den Mietern die großen Fensterflächen sowie die jeder Wohnung vorgelagerten Loggien empfunden. Bei den innenliegenden Küchen und Bädern treten keinerlei Beanstandungen auf.“


Interessante Links 

  • Sprengung des Mittelganghauses Eisenhüttenstadt auf Youtube.
  • Fotos Abriss "Bunte Kuh" in Schwedt/Oder - Portal-Schwedt.


Quellen 

  • Deutsche Architektur 6/1966, S. 334-335
  • Deutsche Architektur 10/1963, S. 395-600
  • Deutsche Architektur 5/1967, S. 289-295
  • www.schwedt.eu