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    Neubrandenburg

    Mittelalter meets Plattenbau

Neubrandenburgs Schicksal entschied sich im April 1945, als die Stadt zur Festung erklärt wurde. Innerhalb weniger Stunden war im Verlaufe der Kriegsfronthandlungen der historische Stadtkern zu 84 Prozent zerstört. Der in Neubrandenburg ansässige Architekt Heinrich Tessonow präsentierte schon 1946/47 erste Wiederaufbaupläne, die jedoch nicht verwirklicht wurden. Erst 1952 erfolgte die Grundsteinlegung zum Wiederaufbau, gleichzeitig mit der Ernennung Neubrandenburgs zur Bezirksstadt und der Ansiedelung großer Industriebetriebe. Die landwirtschaftlich geprägte Kleinstadt stieg damit in den Rang eines politischen Zentrums der DDR auf.

Mittelalterlicher Stadtkern

Bereits in den 1950er Jahren wurde die Bebauung innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern weitgehend wieder hergestellt, damals noch in monolithischer Bauweise. Das schachbrettartige, mittelalterliche Straßenraster konnte beibehalten werden. Die vier Stadttore, sowie zahlreiche Wiekhäuser innerhalb der Stadtmauer wurden in den 1970er Jahren rekonstruiert. Ab 1984 plante das Kollektiv Iris Dullin-Grund und Günther Gisder die Ergänzung für zwei Wohnquartiere im Stadtkern in Plattenbauweise und schafften damit rund 200 neue Wohnungen im Zentrum. Im Vergleich zu Städten wie Greifswald oder Rostock war das ein eher kleines Projekt innerstädtischen Plattenbaus. Mit differenzierten Straßenräumen und Wohnhöfen passen sich die Neubauten an die historische Stadtstruktur an.

Gestaltung Karl-Marx-Platz

Zu DDR-Zeiten als Karl-Marx-Platz entworfen, heißt der Neubrandenburger Marktplatz heute wieder Marktplatz. In den 1960er Jahren erhielt die Platzanlage ihre endgültige Gestaltung. Die Bebauung auf der Ostseite des Platzes fand Anfang der 1960er Jahre ihren Abschluss als viergeschossiges Gebäude im Stil der nordischen Renaissance. Die vertikale Dominante auf der Nordseite des Platzes bildet der sogenannte Kulturfinger. Nach mehreren Wettbewerben in der 1950er Jahren, deren Ergebnisse allesamt verworfen wurden, gewann Iris Dullin-Grund 1960 den Wettbewerb für ein „Haus der Bildung und Kultur“ mit dem Ensemble aus einem Turm und einem angegliederten Flachbau. Die junge Architektin war damals in Berlin im Entwurfsbüro von Hermann Henselmann tätig. Zehn Jahre später wurde sie Stadtarchitektin Neubrandenburgs und behielt diese Position bis zur Wende. Gegenüber, auf der Südseite, nahm das Hotel „Vier Tore“ die gesamte Platzfront ein. Bereits 1955 bis 1957 wurde der erste Bauabschnitt als Ziegelbau mit Steildach errichtet. 1969 bis 1972 folgte der Neubau als viergeschossiger Betonbau in monolithischer Bauweise kombiniert mit Elementen der WBS 70. Im September 2016 begannen die Abrissbagger ihr Werk an dem einhundert Meter langen Bau. Das renommierte Hotel in bester Lage muss einem Einkaufszentrum weichen.

Wohnen außerhab der Stadtmauern

Nach Ansiedelung großer Industriebetriebe im Neubrandenburg der Nachkriegszeit, stieg die Einwohnerzahl rasant. Die Ausfallstraßen säumten bald Elfgeschosser und ab 1970 entstanden auf den die Stadt umgebenden Hochflächen Neubaugebiete im großen Stil. Die Oststadt mit insgesamt 8.000 Wohnungen, in drei Bauabschnitten errichtet, wurde in den 1970er Jahren zum Experimentierfeld des industriellen Bauens. Hier steht heute noch der Prototyp der republikweit verwendeten Plattenbauserie WBS 70, die im Neubrandenburger Wohnungsbaukombinat entwickelt wurde. Im Süden entstand 1975/76 das eher kleine Wohngebiet Lindenberg nahe dem Kulturpark mit 1032 Wohnungen. Durch die Ausnutzung der natürlichen Geländestruktur habe viele Lindenberger das Privileg einer grandioser Aussicht über die Tollenselandschaft. Im Norden kam 1976 das Wohngebiet „Auf dem Datzeberg“ hinzu, eine Trutzburg auf der Anhöhe, akzentuiert mit Elfgeschossern. Datzeberg erhielt 3.000 Wohnungen. Ende der 1970er Jahre wurden die Gebiete um die Ausfallstraßen herum verdichtet: das Wohngebiet Leninstraße mit 1.000, sowie das Katharinenviertel mit 900 Wohnungen. Nach der Wende wurde in fast allen Wohngebieten massiv zurückgebaut, teils durch Komplettabriss von Gebäuden, teils durch Rückbau einzelner Geschosse. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen (Stand Januar 2017).

Kunst am Bau

Neubrandenburg historisch