• Norbert Lehmann

    Architekturkritik

"Ein Fachwerkhaus mit zwölf Etagen gibt es nicht."

Norbert Lehmann erzählt vom Umgang mit dem städtebaulichen Erbe des Plattenbaus. Für den "Gebrauchsarchitekten" und gebürtigen Westberliner Lehmann ist Plattenbau dabei eine unendlich spannende Problematik:

"Nichts ist so unnormiert wie der Plattenbau."

(Um)Bauen für die Menschen

In den letzten 20 Jahren hat sich der Umgang mit dem Plattenbau grundlegend geändert, berichtet Lehmann. Eher kosmetische Änderungen sollten in der Umbruchsphase nach der Wende den Bewohnern bessere Zeiten versprechen. "Es ging ganz stark darum, dem Plattenbau sein Charakteristikum zu nehmen, und zwar die Fugen", sagt Lehmann. Als Jahre später das "Gespenst Leerstand" auftauchte, half es freilich nicht mehr, ein Haus farbenfroh anzumalen oder den Hauseingang umzugestalten. Da wurde den Architekten, Planern und der Wohnungswirtschaft klar, dass kosmetische Antworten zu wenig sind. Das genaue Hinschauen auf die eigentlichen Wohnbedürfnisse, die Grundidee von Lehmann, kam nun zum Tragen. "Man darf nie aus dem Blickwinkel verlieren, für wen man eigentlich baut", so Lehmann, der sich selbst als "Gebrauchsarchitekt" betrachtet.

Baulich mehr spinnen können als im Osten

Die Bezeichnung Plattenbau begegnete Lehmann zum ersten Mal nach der Wende. Aber "Plattenbau" war und ist für ihn kein Begriff mit einer klaren Definition. Lehmann ist selbst in einer Berliner Großsiedlung aufgewachsen, im Märkischen Viertel. Was nun in Westdeutschland als Neubausiedlung angelegt wurde, galt im Osten als Platte. Im Westen konnten die Kollegen "mehr spinnen", so Lehmann. Denn obwohl auch im Westen mit Platten gebaut wurde, waren es dort weit häufiger Kleinserien, oft sehr spezifisch für einen bestimmten Ort angelegt oder von der Handschrift eines bestimmten Architekten geprägt. Im Osten wiederum trat der Architekt weitaus stärker in den Hintergrund.

Urbane Architektur, städtische Leben

Norbert Lehmann sieht in der urbanen Architektur die Grundlage für das städtische Leben. Sein Architekturbüro für urbanes Bauen und Sanieren, kurzum ARTUS, ist vorrangig im Umgang mit Bestandssubstanz tätig. Beim Plattenbau reizt den Architekten die Aufgabe, Gebäude den heutigen Ansprüchen gemäß umzugestalten und in ein neues Leben zu überführen. Der Westberliner, der seit der Wende fast ausschließlich im Osten tätig ist, versteht sich selber als "Gebrauchsarchitekt". Mit dieser Tätigkeitsbeschreibung umreißt Lehmann seine Philosophie, Architektur nie als reinen Selbstzweck verstehen zu wollen. Stattdessen will er drei Ebenen mit seinem beruflichen Tun bedienen: Als Erstes solle Architektur für den Nutzer funktionieren. Lehmann bringt das auf den Punkt:

"Was der Nutzer nicht annimmt, ist nicht gebrauchsfähig gestaltet worden."

Zweitens solle Architektur so spannend sein, dass man näher hinguckt. Als Drittes bekommt man einen Architekturpreis dafür. Doch ohne das Anfangskriterium Nutzer ist für Lehmann der Rest im Grunde genommen nutzlos.