• P 2

    P 2

    Offenes Wohnen als Experiment

Das Kürzel P 2 bezeichnete eine Wohnungsbaureihe, die das Wohnen in der DDR Anfang der 1960er Jahre mit offenen Grundrissen völlig neu definierte. Durch den erstmaligen Einsatz von weitgespannten Decken mit sechs Metern Länge konnten Wohnungen ohne tragende Zwischenwände gebaut werden. Erklärtes Ziel der Entwicklung: eine ökonomische, ressourcenschonende Bauweise kombiniert mit erhöhtem Wohnkomfort.

Geplant für den flächendeckenden Einsatz in der Republik wurde der Plattenbautyp P 2 zentral vom Institut für Hochbau der Bauakademie entwickelt.  Den Ausgangspunkt bildete die Grundkonzeption P 2 und der im Jahre 1962 errichtete Versuchsbau P 2-Fennpfuhl.

Probewohnen

Nach einem Testlauf mit über 32.000 Besuchern, welche die 15 komplett eingerichteten Musterwohnungen begutachteten und bewerteten, führte die Bauakademie 1963 einen Wohnungsbauwettbewerb durch. Der erste Preis ging an das Kollektiv P 2 mit Wilfried Stallknecht, Herbert Kuschy und Achim Felz. Der denkmalgeschützte Erstling mit vier Wohngeschossen steht heute noch in der Erich-Kuttner-Straße 9/11/13/15 in Berlin-Fennpfuhl.

Als Ergebnis wurden 1964/65 weitere Muster- und Experimentalbauten in Berlin und Frankfurt (Oder) gebaut. Grundlage war die sogenannte Konzeption P 2.12 vom Kollektiv P 2.

Im neuen Gebäudetyp herrschte eine klare Hierarchie der Funktionen. Die Treppenhäuser sowie der Bad-/Küchen-Bereich rückten weg von der Fassade ins Innere des Baukörpers. Dadurch konnte die gesamte Außenwandfläche für die Belichtung der Wohnräume genutzt werden. Charakteristisch für den Typ P 2 ist daher die breite Fensterfront.

Funktion & Reduktion

In der Wohnung selbst sollten die Funktionen Kochen, Essen und Wohnen enger zusammenrücken: Die Architekten wollten den Raum großzügig öffnen und gleichzeitig Platz sparen. Die innenliegende Küche wurde indirekt über den hellen Wohnbereich beleuchtet. Als Verbindungselement zwischen Küche und Wohnraum entwarf Wilfried Stallknecht den legendären raumhohen Vitrinenschrank mit Durchreiche. Da man zunächst noch Gas nutzte, entwickelte das Gasgerätewerk Dessau spezielle Herde, ebenso wurde ein geschlossenes Schonsteinsystem, genannt „SE-Duct“, sowie eine Schwerkraftentlüftung ohne Ventilatoren entworfen.  

Flur und Schlafzimmer erhielten raumhohe Einbauschränke, welche Wände ersetzen konnten. Die Bäder wurden als komplett eingerichtete Sanitärraumzellen am Stück in den Rohbau gehoben. Im Sechs-Meter-Raster entstanden Grundrisse für eine bis sechs Personen.

Für den zehn- und elfgeschossigen Bautyp entwickelten die Architekten ein sogenanntes Verteilergangsystem. Die wenigen Aufzüge halten in den Serienbauten z.B. nur im vierten, siebten und zehnten Stock. Über einen langen Gang auf der Rückseite des Gebäudes erreicht man die nach vorne orientierten Einraumwohnungen oder gelangt zu den Treppenhäusern, die die Drei- und Vierraumwohnungen in den Etagen darüber und darunter erschließen.

In den folgenden Jahren wurden P 2 mit sechs, zehn oder elf Geschossen errichtet. Weitere Typenentwicklungen, wie P 2-Berlin oder P 2-Halle, folgten. Auch die geschwungenen elfgeschossigen Wohnbauten am Platz der Vereinten Nationen oder der Komplex Rathauspassagen mit seiner facettenartigen Fassade basieren auf diesem Typ.

Experimentalbau: P 2.12 Fennpfuhl

Erich-Kuttner-Straße 9/11/13/15, Berlin-Fennpfuhl, 1961-62, fertiggestellt 1963, Willfried Stallknecht, Achim Felz, Herbert Kuschny.

Das Haus verfügt über vier Wohngeschosse, je zwei Wohnungen werden über vier Hauseingänge erschlossen. Das Kellergeschoss ragt zur Hälfte aus der Erde, damit sollten eine bessere Lüftung erreicht sowie Erdaushub eingespart werden. Das Haus steht unter Denkmalschutz.

Experimentalbau: P 2/5-geschossig, Berlin

Storkower Straße Ecke Landsberger Allee, Berlin-Prenzlauer Berg. VEB Hochbauprojektierung Cottbus, AS Finsterwalde, Kollektiv: Werner Fischer, Hermann Paul, Paul Fohler.

Das Haus entstand in Plattenbauweise 5Mp, mit je einem Hauseingang pro Treppenhaus, welches je zwei Wohnungen erschließt. Die Wohnzimmerseite erhielt sechs doppelreihige Loggien-Vorbauten. Es entstanden 60 Wohnungen: 10 Zweiraumwhg. (46,47m²), 46 Dreiraumwhg. (54,75m²) und 4 Vierraumwhg. (62,89m²). Das Gebäude wurde inzwischen saniert, die ursprüngliche Fassadengestaltung ging vollständig verloren.

Experimentalbau: P 2/10-geschossig, Berlin

Schneeglöckchenstraße 13/15, Berlin-Prenzlauer Berg. VEB Berlin-Projekt, Kollektiv: Wolfgang Radke, Arno Knuth, Erwin Kochlowski. Auch dieses Gebäude wurde in Plattenbauweise 5Mp errichtet. Hier kamen erstmalig die Verteilergänge zum Einsatz, so konnten über wenige Hauseingänge und Aufzüge alle Wohnungen erreicht werden. Ursprünglich war das EG zur Straßenseite verglast, mit je einer Tür zu einem der sechs Treppenhäuser (Fluchttüren). Zudem gab es einen Haupteingang in der Mitte des Gebäudes, welcher zu den zwei Aufzügen führte. Die drei Verteilergänge befinden sich im EG, 5. und 8. OG, und nehmen die Abstellkammern auf. Die Hausfront mit den Wohnzimmern wurde vollständig von Loggien bedeckt. Insgesamt gibt es 118 Wohnungen: 30 Einraumwhg. (33,32m²), 76 Dreiraumwhg. (54,22m²), 6 Vierraumwhg. (64,22m²), 6 Fünfraumwhg. (81,22m²). Die ursprüngliche Fassadengestaltung mit ihrer Kunst am Bau ging bei der Sanierung komplett verloren.

Experimentalbau: P 2/7-geschossig, Frankfurt (Oder)

Karl-Marx-Straße 7/8, Altstadt Frankfurt (Oder). VEB Hochhausprojektierung Frankfurt (Oder), Kollektiv Hans Tulke, Paul Teichmann, Max Rauh, Ernst Kussatz.

Das Haus bildet die nördliche Fassung des Brunnenplatzes in der Altstadt Frankfurts. Anders als die Bauten in Berlin wurde es nicht in Platten- sondern in Streifenbauweise 2 Mp errichtet. Die Front zum Platz war komplett mit Loggien bedeckt, über welche sich acht Metallbänder als Kunst am Bau hochzogen. Ebenso gab es dort zwei Hauseingänge mit skulpturalem Vordach und je einem Aufzug. Die Seitengiebel boten Platz für Reklametafeln zur Karl-Marx-Straße und eine großformatige Plastik von Fritz Kühn, gerichtet zum Marktplatz/Rathaus. Es gab zwei kunstvoll gestaltete Verteilergänge (EG, 4. OG) und 112 Wohnungen: 31 Einraumwhg. (32,86m²), 64 Dreiraumwhg. (53,58m²), 17 Vierraumwhg. (74,58m²).
Später wurde eine Ladenzeile vor das Erdgeschoss gesetzt. 2003 wurde das Gebäude postmodern überformt, sodass die ursprüngliche Wirkung des Hauses nicht mehr nachvollziehbar ist. 

Das Bild rechts zeigt die Wandplastik von Fritz Kühn (1910-1967) an der Stirnseite des Gebäudes zum Rathaus. Beim Umbau des Experimentalbaus wurde diese abgenommen, mit der Zusage, die Plastik fachgerecht einzulagern und an einem anderen Gebäude wieder aufzuhängen. Letzteres ist bisher nicht geschehen. Foto: Walter Danz, Halle/S. © Fritz-Kühn-Gesellschaft e.V.

Experimentalbau: P 2/7-geschossig, Frankfurt (Oder)