• Pionierlager Artek

    Pionierlager Artek

    Leichtigkeit am Schwarzen Meer

In der Sowjetunion wünschte sich jeder Jugendliche, einmal den Urlaub im "Allunions-Pionierlager Vladimir Il’ič Lenin" am Schwarzen Meer zu verbringen. Artek war nicht nur die größte Einrichtung ihrer Art, sondern auch die älteste und bekannteste. 1925 gegründet, wurde sie in den frühen 1960er Jahren unter Chruščëv ausgebaut. Innerhalb weniger Jahre rüstete man Artek zu einer internationalen Begegnungsstätte mit 8.000 Betten auf, um einen neuen politischen Kurs zu vermitteln: "friedliche Koexistenz", "äußere und innere Öffnung", sowie sozialer und technologischer Fortschritt.

Feriendorf aus neun Bauteilen

Ein junges Architektenkollektiv um Anatolij Polianskij hatte den Wettbewerb 1957 mit einem "Baukasten" gewonnen. Aus vorgefertigten Stahlbetonelementen mit zwei Tragsystemen konnten alle Lagerbauten zusammengesetzt werden: Schlaftrakte, Speisesäle, Ärzte- und Krankenhäuser, Sportanlagen, Verwaltungsbauten, Schulen, Werkstätten, Labors, Spielpavillons, Unterstände, Versammlungsräume und Appellplätze. Ein Sortiment von nur neun Elementen ermöglichte mehrgeschossige Skelettbauten und flächige Überdachungen aus einer sechseckigen "Pilzkonstruktion". Artek unterteilte man in zehn unterschiedlich große Gruppen, trennte die Funktionen und verzichtete auf private Räume. Die relingartigen Geländer, Seitengänge und Flugdächer – Motive der großen luxuriösen Passagierschiffe der 1920/30er Jahre – versinnbildlichten den sozialen Aufbruch und Aufstieg zur Freizeitgesellschaft. Durch lebhafte Farben und zahlreiche Kunstwerke verbreitete Artek eine unbeschwerte, fast kindliche Lebensfreude. Große Glasfassaden erlaubten nicht nur den Ausblick auf die Landschaft, sondern standen auch für Offenheit als neuentdeckte Tugend nach dem Stalinschen Terror.

Teenager- und Architektentraum

Durch diese innovative Formensprache war Artek nicht nur ein Traum für die Jugend des Ostblocks, sondern auch für dessen Architekten bzw. "Planungskollektive". Die weitläufige Anlage stand in der Zeit des "Tauwetters" für den poststalinistischen Stil. Eindrucksvoll hatte Polianskij demonstriert, wie abwechslungsreich und elegant das industrialisierte Bauen trotz der Standardisierung und Vorfertigung aussehen konnte – jenseits vom sozialistischen Klassizismus Stalins. Als in den 1960er und 70er Jahren die Küsten für den Massentourismus erschlossen wurden, formte man die Pionierlager meist nicht als gigantische Bettenburgen, sondern als lockere Anordnung von Teillagern aus. Das Fortbestehen dieser staatlichen, hochsubventionierten Einrichtungen war nach dem Ende der Sowjetunion im Jahr 1991 mehr als schwierig. Noch einige Jahre betrieb die nunmehr ukrainische Leitung Artek als "Internationales Kinderzentrum" weiter, behielt aber die Prinzipien der Kollektiverziehung bei. Um Kontinuität bemüht, bewahrte man bis 2004 auch den baulichen Originalzustand der 1960er Jahre.

Umbau für die Wirtschaftelite

Ohne staatliche Förderung jedoch gingen die Besucherzahlen stark zurück. Unter den weniger werdenden Gästen fanden sich vor allem Russen. Viele ehemalige Funktionäre und Kader, die zu Sowjetzeiten zu den Auserwählten gehörten und in Artek ihre Ferien verbringen durften, wollten dies nun auch ihren Kindern oder Enkeln ermöglichen. Statt Linientreue und Leistungen in der Jugendorganisation, öffnete nun einzig der Geldbeutel die Türen der ehemaligen "Märchenstadt". Wegen der mehrheitlich russischen Gäste wollte die damalige westlich orientierte Regierung Timošenko die hochsubventionierten Ferienanlagen um die Jahrtausendwende offenbar nicht weiter betreiben. Der damalige Direktor Boris Novošilov trat aus Protest in den Hungerstreik und konnte die Regierung damit tatsächlich zu weiterer Förderung bewegen. Der Preis der Rettung: Aus der Modellstadt für die Kollektiverziehung wurde eine Schule für die künftigen Wirtschaftseliten. Um den Ansprüchen der wohlhabenden Jugendlichen zu genügen, musste die Lagerleitung auch die Anlage ertüchtigen. Für einen nunmehr ganzjährigen, rentableren Betrieb dämmte man die Gebäude der vier wichtigsten Teillager mit neuen Wänden. Aus den Schlafsälen für acht bis zehn Personen wurden Zweibettzimmer auf Hotelstandard.

Später Denkmalschutz für Artek?

Dem Gesamtkunstwerk Artek haben die Modernisierung und Erweiterung geschadet. Die filigranen Pavillons wurden in klobige postmoderne Kuben verwandelt. Die Speisesäle mit ihren "Dach-Betonpilzen" wurden überformt. Der fließende Übergang zwischen Innen- und Außenraum ist abhandengekommen. Die sowjetischen Hoheitszeichen, die Lenin-Porträts und Parolen, verfallen oder wurden geschleift. Vier Lagergruppen, leider nicht die repräsentativen am Ufer, sind glücklicherweise noch im Originalzustand erhalten. Artek wäre ein klarer Fall für den Denkmalschutz, doch ein öffentliches Bewusstsein für die baulichen Zeugnisse der Chruščëv-Zeit existiert kaum. Es bleibt abzuwarten, ob auf die russische Annexion der Krim von 2014 die Modernisierung der übrigen Teillager folgt.

Quelle

Der ungekürzte Artikel "Das Pionierlager Artek" von Arne Winkelmann wurde im Mai 2016 im Themenheft "Umbrüchig" auf der Webseite der Initiative moderneREGIONAL veröffentlicht. Das Heft widmet sich den Prestigeprojekten der Sowjetmoderne: von den Hoffnungen des Konstruktivismus über Stalins Neoklassizismus und die straffe Moderne Chruščëvs bis hin zu den postmodernen Aufbrüchen der Perestroijka.

 

Die Langfassung des Artikels ist hier www.moderne-regional.de zu lesen.

Autor

Dr. Arne Winkelmann, geboren 1969, ist Architekturhistoriker und -publizist. Nach dem Studium der Architektur in Weimar und Krakau, promovierte er 2004 im Denkmalfach zum Thema "sozialistische Moderne". 2006 folgte die kulturwissenschaftliche Promotion zum Thema "Kulturfabriken". Er war Redakteur bei "BauNetz", sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt.