• Plattenbau à la Francaise

    Plattenbau à la Francaise

    Wolkentürme, Sternchen und Pyramiden

Neben den sozialistischen Ländern Osteuropas hat Frankreich wahrscheinlich das umfangreichste Bauprogramm in Plattenbauweise hingelegt. Seit den 1950er Jahren investierte der französische Staat viel Geld in den Bausektor. Architekten wie Emile Aillaud, Michel Andrault und Pierre Parat haben nicht nur formal, sondern auch städtebaulich neue Ansätze erprobt. Charmante Details, wie Plattenbaufassaden mit Lochstruktur, gibt es in Marseille zu sehen. 


Staatlich verordnet

Mit subventionierten Darlehen an Organisationen des öffentlichen Sektors und verfahrensrechtlichen Anreizen sollte der Wohnungsbau gefördert werden. Großsiedlungen an der Peripherie französischer Städte schossen wie Pilze aus dem Boden. Gegen Ende der 1960er Jahre waren insgesamt sechs Millionen neue Wohnungen gebaut worden.


1956 wurde mit der Opération 4.000 Logements pour la Région Parisienne (Operation 4.000 Wohnungen für den Pariser Raum) ein Programm zur Einführung und zum Test innovativer Vorfertigungsmethoden im großen Maßstab ausgerufen. Der Ingenieur Raymond Camus hatte sich seine Technik der Großtafelbauweise patentieren lassen. Mit dieser Bauweise, dem sogenannten Procédé Camus, wurden im Pariser Raum insgesamt 110 Wohnblocks als Experimentalbauten errichtet. Der Procédé Camus wurde in viele Länder und sogar bis in die UdSSR exportiert.


Etwa zeitgleich schuf ein nationales Gesetz die Rahmenbedingungen für größere Siedlungsprojekte. Ab 1958 erklärte es große Parzellen Land zur Zone à Urbanisier en Priorité (Zonen von städtebaulicher Priorität). Damit durften örtlichen Verwaltungen das Land enteignen und es den öffentlichen Wohnungsbaubehörden und privaten Bauträgern für den Bau preiswerter Wohnungen zur Verfügung stellen.


In den 1950er und 60er Jahren realisierte der französische Architekt Emile Aillaud zahlreiche Großsiedlungen der besonderen Art. Obwohl auch er die Großtafelbauweise anwendet, bricht er mit seinen Bauten das Prinzip der reinen Massenfertigung auf. Sternförmige Hochhaustürme und mäandernde Wohnbänder lässt er aus den Camus-Platten errichten. Neben detailliert gestalteten Außenräumen gilt seine Vorliebe den Fassadenflächen aus pastellfarbenen Keramikfliesen.

 

 

Plan Construction

Kunstvolle Projekte, wie die Bauten Aillauds blieben allerdings in der Minderzahl. 1970 erkannte die französische Regierung die größtenteils tristen Großsiedlungen der 60er Jahre als städtebauliches Problem, und rief 1971 den Plan Construction ins Leben - mit dem Ziel junge Architekten anzuregen, mit neuen Bauweisen und Formen zu experimentieren. „Mach´s möglich“ lautete der Slogan. Der Plan Construction sollte sowohl zur Innovation, als auch zur Forschung im Wohnungsbau anregen - vom Konzept über die Konstruktion und die Kosten bis zur Lebensweise.


Auch die Architekten Michel Andrault und Pierre Parat suchten nach Wegen, im industriellen Wohnungsbau die typischen Riegel- und Turmgebäude zu umgehen. Angelehnt an das Projekt Habitat67, das auf der Weltausstellung 1967 in Montreal Furore machte, entwickelten Andrault und Parat in den 1970er Jahren Les Maisons Gradins-Jardins, ein Prinzip versetzt gestapelter Wohnungen mit privaten Terrassen. Les Pyramides in Evry bei Paris mit insgesamt 2.000 Wohnungen sind ein Beispiel dieser in den darauffolgenden Jahren vielfach angewendeten Bauweise.

 

Südfrankreich

In Marseille hat der Berliner Fotograf Udo Meinel diese charmante Plattenbausiedlung für uns dokumentiert. La Marine Bleue liegt im Norden der Hafenstadt, im sogenannten Saint Gabriel-Viertel. Sie wurde 1959 fertiggestellt nach Plänen des Architekten Jean Rozan. Auf dem Terrain der ehemaligen Festungsanlagen auf der Anhöhe St. Gabriel sind insgesamt 788 Wohnungen in sechs Gebäuden errichtet worden.

Die relativ einfache städtebauliche Figur nimmt Bezug auf die Siedlung Les Rosier, die vom selben Architekten geplant wurde. Im Zentrum steht ein monumentaler Riegel mit 17 Geschossen, niedrigere Riegel mit 11 und 13 Geschossen folgen dem Verlauf des Hügels. Charmant sind die Details der Plattenbauteile, die mit ihrer Lochstruktur die Fassaden gliedern. Und natürlich der Blick von dort oben auf die Stadt und das Meer.

Durch die Interpretation von Kontrasten und Fragmenten im städtischen Gewebe, zwischen architektonischem Erbe und städtebaulicher Sanierung, möchte ich eine plastische und dokumentarische Momentaufnahme schaffen von diesen Orten in Bewegung zwischen modernem Stadtviertel und sozialer Ausschlusszone.“

Martin Argyroglo

Die Fotos der Pariser Vororte stammen vom Fotografen Martin Argyroglo.

Martin Argyroglo wurde 1983 in Paris geboren. Nach dem Fotografiestudium an der Fachhochschule Goblins hat er sein Studium an der Pariser Kunsthochschule fortgesetzt und 2008 abgeschlossen. Von 2005 bis 2011 war er Assistent des französischen Fotografen Marc Riboud. Heute arbeitet Argyroglo als unabhängiger Fotograf für Architekturbüros, Kulturinstitutionen und Schauspielgruppen.

 

Interessante Links:

Habitat67

Plattenbauten in Frankreich