• Platte(s) Land - Eggesin

    Platte(s) Land - Eggesin

    Stadtumbau im ländlichen Raum

Plattenbausiedlungen sind in aller Munde. Ob in Berlin-Marzahn oder Halle-Neustadt - die Platte wird dort einfach erwartet. Doch findet man diese auch andernorts – zum Beispiel auf dem Lande. Das vorpommersche Städtchen Eggesin zeigt, wie man gekonnt mit dem betonierten Erbe umgehen kann.

Vom Dorf zur Stadt

Idyllisch am Flüsschen Randow gelegen entstand ein Straßendorf. Als Eggesin nach dem Entstehen der DDR zum Garnisonstandort auserkoren und schließlich das Elektromotorenwerk ELMO gegründet wurde, wuchs die Bevölkerung rapide an. Das Dorf am Stettiner Haff wurde 1966 zur Stadt. Und diese brauchte Wohnraum: bis 1990 hatte sich die Einwohnerzahl Eggesins fast verdreifacht. Neben kleinen Gründerzeithäusern und einer Fachwerkkirche aus dem frühen 18. Jahrhundert entstanden rund 900 Wohnungen in Plattenbauweise. Ab den 1970er Jahren wuchs vor allem der regionale Typ PN 36-NO in die Höhe. Dieser Gebäudetyp basiert auf der Typenreihe P-Halle (Laststufe 5,0 t) und wurde ausschließlich im DDR-Bezirk Neubrandenburg errichtet. Die 5-Geschosser wurden zum Zuhause für tausende Menschen.

Wohnsiedlungen werden zu Wiesen

Mit der politischen Wende 1990 änderte sich auch in Eggesin alles. Plattenbauten wurden saniert, der Standard wurde erhöht, und gar neue Wohnsiedlungen entstanden. 2001 dann verkündete die Bundesregierung, die Bundeswehr aus Eggesin abzuziehen. Mit fatalen Folgen vor allem auch für die Wohnungswirtschaft. Allein im Bereich Adolf-Bytzeck-Straße wurde 11 Wohnblöcke komplett abgerissen – Wohnungen für gut 1.000 Menschen. Doch Abriss war nicht das Allheilmittel. Der Eigenbetrieb Wohnungswirtschaft mischte gemeinsam mit verschiedenen Ingenieursbüros die Karten neu.

Neue Bedürftnisse werden zu Tatsachen

Zwischen 1999 und 2002 wurden die Plattenbausiedlungen umgebaut – und dem kleinstädtischen Charakter angepasst. Die anfängliche Umbaukonzept – reine Sanierung von Fassade und Versorgungstechnik - wurde komplett umgestellt. Die Menschen wollten andere Grundrisse, die den modernen Bedürfnissen entsprechen, und auch Verbesserungen des Wohnumfelds. Ein Kraftakt begann: Die Häuser in den Gebieten Max-Matern-Straße, Adolf-Bytzeck-Straße und Waldstraße wurden zurückgebaut. Es entstanden unterschiedliche Traufhöhen, individuelle Fassadenteile, barrierefreie Zugänge und Parks.

Im Visier der Forscher

In den Jahren 2000-2002 begleitete die Brandenburgische Technische Universität den Stadtumbau in Eggesin mit dem BMBF-Forschungsprojekt "Rückbau industrieller Bausubstanz - großformatige Bauelemente im ökologischen Kreislauf. Teilprojekt Eggesin."

Alle Hintergrundinformationen dazu erfährt man auf den Seiten der BTU Cottbus.

Individuell, ökologisch, beispielhaft

Der flexible Plattenbau ließ einiges zu: Die Wohnungen erhielten komplett neue Grundrisse, Bäder mit Fenster, oder auch Wohnküchen. Es gibt sogar Apartments mit Dachterrasse und Rundumblick oder Erdgeschosswohnungen mit Terrasse und Garten. Altersgerechtes Wohnen und Bauen nach der Energiesparverordnung waren andere Schlagworte. Die ehemaligen Scheiben aus 5-Geschossern wandelten sich zu munteren bunten Bauten mit Satteldach, Erkern und Gärten. Die An- und Umbaumaßnahmen gliedern die Fassaden vertikal und brechen damit die Flächigkeit der Gebäudefronten. Auf einigen der Dächer produzieren heute private Unternehmen Solarstrom. Die Platte ist nicht wiederzuerkennen.

Individuell, ökologisch, beispielhaft

Der Kubus wandelt sich
© Archiv Stadt Eggesin

Von wegen Eigenheim!

In einem umgebauten PN 36-NO aus den Jahren 1976/77 lebt Heinz Püschel, er ist 81 Jahre jung. Zwei Mal ist er in den letzten 10 Jahren umgezogen, von Platte zu Platte – im Alter, da sagt er, wollte er mehr in die ‚City‘. In seiner Wohnung im Erdgeschoss hängen die Trophäen von der Jagd, auf der Terrasse im Garten steht ein selbstgebautes Vogelhäuschen. Für seine Frau war der neue stufenlose Zugang zur Wohnung ideal. Die Sonne scheint und er schaut raus in den Park mit den vielen Bäumen:

„Anfangs haben wir im Einfamilienhaus gewohnt. Meine Freunde leben bis heute im Eigenheim - mit völlig verschachtelten Räumen. Und die fragen mich, warum ich hier wohne“.

Er lacht und lässt den Blick durch das große Wohnzimmer schweifen:

„Seit 1971 wohne ich im Plattenbau – ich finde das wunderbar!“

 

Quellen / Info / mit bestem Dank

Im Interview

Von wegen Eigenheim!