• Platz der Vereinten Nationen

    Platz der Vereinten Nationen

    Plattenbau in Höchstform

Industriell gefertigte Wohnbauten müssen nicht zwangsläufig als monotone, rechtwinklige Kisten daherkommen. Die Bebauung am Platz der Vereinten Nationen (bis 1992 Leninplatz) in Berlin zeigt ein ganz anderes Bild – hier bekam die Platte 1967 die Kurve. Städtebau auf höchstem Niveau.

Der Wettbewerb

1967 schrieben der Minister für Bauwesen und der Oberbürgermeister von Ost-Berlin einen Ideenwettbewerb „zur Lösung der städtebaulich-architektonischen und bildkünstlerischen Gestaltung des Leninplatzes“ aus. Fünf Institutionen wurden zur Teilnahme aufgefordert. Den ersten Preis erhielt das Kollektiv um Hermann Henselmann der Deutschen Bauakademie, Institut für Städtebau und Architektur. Nach Ansicht des Preisgerichts hat es

„eine geglückte Platzkomposition geschaffen und das vorhandene Produktionsprofil der Berliner Bauindustrie variantenreich berücksichtigt.“

Entwurf Henselmann

In einer großen Geste formte DDR-Stararchitekt Hermann Henselmann den zentralen Verkehrsknotenpunkt als Eingang zum Ostberliner Stadtzentrum. Sein Wettbewerbsentwurf sah ein siebenstufig gegliedertes Hochhaus vor, das die Kulisse für die skulpturale Leninbibliothek im Zentrum des Platzes bildet.

Zwei Elfgeschossige geschwungene Wohnbauten rahmen das Ensemble ein und verleihen ihm gleichzeitig seine Dynamik. Henselmann schaffte Verbindungen sowohl auf der Ost- West-Achse zwischen Alexanderplatz und der nach Marzahn und Hellersdorf führenden Landsberger Allee als auch in Süd-Nord-Richtung vom Strausberger Platz zum Volkspark Friedrichshain.

Entwurf Henselmann

Wettbewerbszeichnung, Bild: IRS

Gelenkte Platte

Für den Entwurf der beiden geschwungenen Gebäude – von ihren Bewohnern auch Schlange und Bumerang genannt – entwickelte der Architekt Wilfried Stallknecht aus Henselmanns Team das System der Wohnbauserie P 2 weiter. Die grundlegende Neuerung waren trapezförmige Sonderachsen für den Elfgeschosser P 2/11. Damit konnte man trotz industriell gefertigter Bauteile endlich aus der starren Geometrie des rechten Winkels ausbrechen. Konkave und konvexe Gebäudeformen waren plötzlich möglich. Einzige Voraussetzung: Wegen der Kranbahnführung musste die Krümmung bei beiden Gebäuden gleich sein.

Toller Entwurf - reduzierte Ausführung

Die Ausführungsplanung erstellten Mitarbeiter des Wohnungsbaukombinats Berlin unter der Leitung von Heinz Mehlan. Obwohl es sich beim Leninplatz um ein wichtiges Prestigeobjekt handelte, wurden die anspruchsvollen Planungen der Architekten aus ökonomischen Gründen nur in reduzierter Form umgesetzt.

Die von Henselmann entworfene Leninbibliothek musste einer monumentalen Leninstatue des russischen Bildhauers Nikolai Tomski weichen. Wilfried Stallknechts Entwurf des siebenfach getreppten Hochhauses reduzierten die Ausführungsplaner auf eine dreifache Staffelung. Das 24-stöckige Hochhaus war bei seiner Fertigstellung 1970 das höchste Wohnhaus Berlins. Realisiert wurden auch die dynamisch geschwungenen Wohnbauten des Typs P 2/11 mit Stallknechts trapezförmigen Sonderachsen. Über 1.200 Wohnungen schufen die Architekten in den drei Baukörpern des Ensembles.

Platz ohne Zentrum

Heftig umstritten und denkmalpflegerisch fragwürdig war der Abriss des Lenindenkmals im November 1991. Damit nahmen die verantwortlichen Politiker dem Platz seinen architektonischen Ankerpunkt. Der flach angelegte Natursteinbrunnen an derselben Stelle kann den räumlichen Verlust nicht kompensieren. Seit 1995 steht die Gesamtanlage des Platzes unter der Bezeichnung Wohnkomplex Leninplatz unter Denkmalschutz.

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