• Rostocker Altstadt

    Rostocker Altstadt

    Hanseatisches aus Platten

Idyllische Plattenbauten – gibt es so etwas überhaupt? Im Fall Rostocks gibt es das: Wohngebäude aus Fertigteilen bilden die kleinteilige Struktur der nördlichen Altstadt und sind bei den Rostockern auch nach 1989 beliebt geblieben.

Jahrelang lag das Gebiet zwischen Stadthafen und Universität jedoch brach. Bomben zerstörten im zweiten Weltkrieg die nördliche Rostocker Altstadt stark. Stalinistische Prachtbauten entlang der neuen Magistrale (die heute wieder Lange Straße heißt), gebaut in den 1950er Jahren, kappten mehrere historische Straßenverbindungen hin zum Hafen. Der Blick zum Wasser wurde dadurch verbaut. Außerdem nutzte die sowjetische Armee den Hafen als Umschlagplatz, wodurch er für die Bewohner Rostocks in der Nachkriegszeit quasi zur Sperrzone wurde.

Nachempfundenes Altstadtflair

Anfang der 1980er Jahre, nachdem im Norden der Stadt bereits riesige, neue Wohngebiete entstanden waren (siehe auch Plattengalerie Rostocker Norden), richteten die Stadtplaner ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Innenstadt. Sanierung, Rekonstruktion und Neubau im historischen Kontext waren die Top-Themen des Jahrzehnts. Viele der Altbauten in der nördlichen Altstadt waren allerdings inzwischen abgerissen worden, nachdem man das Gebiet jahrzehntelang sich selbst überlassen hatte.

 

Zwischen und neben einzelnen, erhalten gebliebenen Altbauten, planten und bauten Rostocker Architekten ab 1984 mehrgeschossige Wohngebäude als Plattenbauten in hanseatischem Stil. In kleinen Quartieren mit insgesamt mehr als 600 Wohneinheiten gestalteten die Planer des Kollektivs von Oberingenieur Erich Kaufmann die neuen Wohnbauten in Anlehnung an die historische Stadtstruktur, ohne diese jedoch zu rekonstruieren. Trotz der neuen Architektursprache knüpften sie durch den Einsatz von Fassadenmaterialien, wie Spaltklinker und weißem Putz an die Rostocker Architekturtradition an.

 

 

Platte mit regionalen Motiven

Grundlage für die altstadttauglichen Plattenbauten war die neue Wohnbauserie WBR 83, die nach Aussage von Ingenieur Erich Kaufmann auch weniger Stahl und Zement benötigte, als die Vorgänger-Serien. WBR 83 erlaubte Lückenschließungen, sowie Hof- und Eckbebauungen und war variabel genug für das maßstäbliche Bauen in der Innenstadt. Aus vier Grundsegmenten ließen sich die vier- bis sechsgeschossigen, giebelartigen Wohnbauten zusammensetzen.

Zeichnungen und Pläne

Verantwortlich für das Gesamtprojekt zeichnete Oberingenieur Erich Kaufmann als Chefarchitekt des Wohnungsbaukombinats Rostock, Kombinatsbetrieb Forschung und Projektierung.

Der Städtebau entstand im Büro für Stadtplanung unter der Leitung von Prof. Dr.-Ing. Rolf Lasch.

Generalauftragnehmer war das VEB Wohnungsbaukombinat Rostock, Kombinatsbetrieb 3.

Fünf Giebel am Universitätsplatz

Ein viel zitiertes Beispiel gelungener DDR-Architektur ist das Fünfgiebelhaus am Universitätsplatz im Rostocker Zentrum: ein Plattenbau, dem man die Montagebautechnik so gar nicht ansieht. Obwohl das Fünfgiebelhaus häufig als Plattenbau bezeichnet wird, handelt es sich dabei allerdings um eine Mischbauweise. Keller-, Erd- und Zwischengeschoss entstanden überwiegend in Stahlbeton auf der Baustelle, die Fassaden wurden in Mauerwerk errichtet, die Obergeschosse montiert. Dabei sind die Fassaden der Straßenfronten als Baukastensystem in Ergänzung entwickelt worden, die Hoffronten wurden mit Elementen der Plattenbauweise montiert.

Historisch war die Nordseite des Universitätsplatzes von Bürgerhäusern aus unterschiedlichen Bauepochen geprägt. Im Jahr 1942 wurde die gesamte Nordseite durch Bomben zerstört. Die 1943 errichtete, eingeschossige Baracke wurde 1983 entfernt und diese Platzseite erst 1986 durch den Bau des Fünfgiebelhauses wieder hergestellt.

Erlebnis Einzelhaus

Für das Prestigeobjekt am Universitätsplatz schlugen die Architekten schon in der vorbereitenden Studie vor, die Formensprache der Plattenbauweise zu erweitern mit dem Ziel, einen gut gegliederten Innenstadtkomplex zu errichten. Einige Jahre zuvor hatten sie am Eckhaus Breite Straße/Kröpeliner Straße schon Erfahrungen auf diesem Gebiet sammeln können, die sie nun ausbauen wollten.

Die Verwendung von geschosshohen Schaftelementen, zurückgesetzten Brüstungen, sowie vorspringenden Erkern und Balkonen sollte die Wirkung der Vertikalfuge in der Ebene vermindern und insgesamt den Einzelhauscharakter betonen. Sowohl der Wechsel von Giebel- und Traufstellung bei den Dächern, als auch der Versatz der einzelnen Gebäudeteile zueinander trugen ein weiteres dazu bei. Wie wichtig die Qualität dieses Bauobjekts den Architekten war, zeigt sich bis in die kleinsten Details hinein: Professor Peter Baumbach entwarf sogar die Türklinken.

 

 

Quellen

Erich Kaufmann „Gedanken zum innerstädtischen Bauen in der
nördlichen Altstadt von Rostock“ in: Architektur der DDR 11/1984

Architektur der DDR 12/1987, Sonderheft Rostock