• WBS 70

    WBS 70

    Die Einheitsplatte

Trotz Vorfertigung und materialsparender Konzeption konnte der Wohnbautyp P 2 die angestrebten Einsparungen nicht erzielen. Zu viele Sonderbauteile und regionale Varianten trieben die Baukosten in die Höhe. Ende der 1960er Jahre sollte deshalb ein Nachfolger her. Diesmal hieß es: weniger Bauteile, reduzierter Typenkatalog und einheitliche Bauweise für alle Landesteile.

Billiger & Schneller

Auf Beschluss der 5. Baukonferenz des Zentralkomitees der SED und des Ministerrats der DDR sollte ab 1970 ein „Einheitssystem Bau“ entwickelt werden. Die Grundlage bildete eine 1969 von Wilfried Stallknecht und Achim Felz im Auftrag des Ministeriums erstellte Studie für eine noch rationellere Massenfertigung von Bauelementen. 

Ausgehend von den Typen P 1, P 2 und QP entwickelten Stallknecht und Felz die Wohnbauserie 70. WBS 70 wurde das am weitesten verbreitete Plattenbausystem der DDR. Alle Bauteile basieren auf einem horizontalen wie vertikalen Raster von 1,20 Meter.

Zurück auf Klassisch

Obwohl auch beim Typ WBS 70 die tragenden Wände sechs Meter auseinanderliegen, verzichteten die Architekten auf die zehn Jahre zuvor entwickelten offenen Grundrisse. Im Vergleich zum Typ P 2 wurde das Konzept des großzügigen Wohnraums mit angegliederter innenliegender Küche wieder aufgegeben – zugunsten von zwei getrennten Räumen für das Wohnen und einer Küche mit Essplatz. Die Treppenhäuser wanderten zurück an die Fassade. Nur das Bad blieb innenliegend. Die typische Dreiraumwohnung ist deutlich kleiner als im P 2. Die Nutzung der Räume wird durch die Größenstaffelung nun klar vorgegeben.

Pionier aus Mecklenburg

Den ersten baureifen WBS 70 plante das Wohnungsbaukombinat Neubrandenburg, er wurde östlich der Altstadt errichtet und war 1973 bezugsfertig. In der Koszaliner Straße 1/3/5/7 erhebt sich bis heute der seit 1983 unter Denkmalschutz stehende Block, der erste seiner Art. Von dort aus begann ein Siegeszug: Mit seinen einzelnen, deutlich sichtbaren Fassadenplatten prägte der WBS 70 wie kein anderer das Stadt- und Landschaftsbild der DDR. Von1972 bis 1990 wurden insgesamt 644.900 Wohneinheiten fertiggestellt.

Chamäleon-Platte

Trotz seiner „Einheitsbauweise“ ist der WBS 70 flexibel wandelbar wie kein anderer Bautyp. Es entstanden vorwiegend 5- und 6-geschossige Häuser, ab 1977 auch Gebäude mit bis zu 11 Geschossen. Die Häusertypen wurden entsprechend gekennzeichnet, z.B. WBS 70/5 für 5-geschossig.

Die verschiedenen Wohnungsbaukombinate entwarfen immer mehr Variationen des Plattenbau-Typs, die ursprüngliche Einheitsplatte wurde zum kreativen Spielball: mit konischen und Sonder-Elementen für abgewinkelte Bauten und Lückenschließungen, Wohn- oder innenliegenden Küchen, mit Erkern oder Giebel-Balkonen, sowie dutzenden unterschiedlichen Loggia- und Wintergarten-Varianten. Es entstanden unzählige Fenster- und Fassadendesigns mit Kunst am Bau, sogar Maisonetten, Mansarden und Atelierwohnungen wurden gebaut. Bei manchem „Altbau“ verraten nur die Plattenfugen den WBS 70 der Postmoderne. Unsere Galerie oben zeigt ausschließlich Bauten des Typs WBS 70 im Originalzustand. Bis 1990 wurden insgesamt 644.900 Wohneinheiten des WBS 70 fertiggestellt.

Innerhalb des 6m-Rasters der tragenden Wandplatten sind die Wände leicht und nicht tragend, und lassen sich daher einfach  entfernen oder versetzen – neue Raumeindrücke entstehen. Aus der klassischen 3-Raum-Wohnung wird dadurch im Handumdrehen ein Loft. Wie leicht das geht, zeigen auch viele Beispiele in unserer Rubrik „Optimierung“.


Quelle

  • Entwerfen im System, Cottbus/Erkner 2009

Bilder dieses Artikels - sofern © bzw. Urheber nicht angegeben - können verwendet werden unter Nennung: Martin Püschel / www.jeder-qm-du.de

Beispiele Wohnungsarten und -größen

  • Einraumwohnung 32,31 m²
  • Zweiraumwohnung 52,93 m²
  • Dreiraumwohnung 60,12 – 66, 27 m²
  • Vierraumwohnung 79,69 m²
  • Fünfraumwohnung 102,48 m²

Eckdaten
(am Beispiel WBS 70/11 von 1977)

  • Laststufe 6,3 t
  • Außenwände in Normalbeton, 3-Schicht-Platten mit Kerndämmung, 26cm dick
  • Innenwände in Normalbeton, 4 bis 15 cm dick
  • Trennwände Vollgips (z.B. Bad), 7cm dick
  • Deckenplatten in Spannbeton, 14 cm dick
  • voll unterkellert
  • Wohnungsgrößen 32,61 bis 86,85 bzw.120 m² bei 5-Zi-Wgn. mit konischem Element