• WHH 17

    WHH 17

    Revolution der Stadtsilhouette

Mit dem Umlenken zum industriellen Wohnungsbau läutete die DDR mit dem Viertel um die westliche Karl-Marx-Allee und die Schillingstraße eine Mischung aus sozialistischer Moderne und International Style in Berlin ein. Architekt Josef Kaiser war beteiligt mit so aufregenden Bauten wie dem Café Moskau oder dem Kino International.

Zur Akzentuierung der Einkaufsmeile Schillingstraße entwarf er 1963 für den VEB-Berlin-Projekt einen revolutionären Wohnturm, das „Punkthaus Schillingstraße“ – den WHH 17. Die Abkürzung für das schlanke Gebäude bedeutet Wohnhochhaus 17 Stockwerke. Das Hochhaus baut auf dem Prinzip des Mittelganghauses auf, und ging als Ergebnis des Wohnungsbauwettbewerbs 1963 hervor. Mittelganghaus und WHH 17 erhielten dabei den Ersten 2. Preis.

Die Höhenwirkung des ersten WHH 17 an der Schillingstraße 30, fertiggestellt 1966, wird heute durch die spätere Umbauung von Häusern des Typs WHH-GT 18 gestört. Der Anbau mit Treppenhaus und die kunstvolle Mosaikwand des Eingangsbereichs sind nahezu original erhalten. Die Lamellen der Treppen-Loggien waren ursprünglich blau-weiß gestreift. Auch die Loggien waren anfänglich bunt: die Brüstungen neapelgelb, die Decken blau, die Wände weiß.

Kompaktheit und Proportion

Das Punkthaus Schillingstraße sollte der Beginn einer Serie 17-stöckiger Bauten sein, welche als städtebauliche Dominanten dienen. Der filigrane Turm in ursprünglicher Form beherbergt 240 Einraumwohnungen mit Innenbad und Kochzeile im nur 13,89 m² kleinen Wohnraum. Jede Wohnung verfügt über eine Loggia. Auf einer Grundfläche von nur 18,83 m x 37,84 m befinden sich auf 16 Stockwerken je 15 Wohnungen. Der WHH 17 wurde in den Berliner Stadtgebieten an prägnanten Stellen gebaut.

Aufzüge, Müllabwurf und Fluchttreppenhaus liegen auf der Nordseite des Gebäudes, in einem auskragenden Anbau. Zur Belichtung im Inneren setzte Kaiser Fenster an die Enden des T-förmigen Flurs. Die Fassadenplatten wurden werkseitig verputzt oder mit Keramiken belegt.

Heute wird der WHH 17 z.B. als Studentenwohnheim oder Seniorenhaus genutzt, die kompakten Wohnungen mit Balkon bieten die ideale Grundlage für selbstbestimmtes Wohnen bis ins hohe Alter. Ein Bespiel dafür findet man in der Singerstraße 83, Berlin-Friedrichshain. Grundrisse und Elementesortiment des WHH 17 waren die Grundlage für den gleichzeig entwickelten Typ ‚Mittelganghaus‘ mit 10 Geschossen.

Neue Türme

1964 übernahm Dresden die Konstruktionsweise des WHH 17 für den Aufbau der kriegszerstörten Stadt. Die Silhouette Dresdens, zuvor vorwiegend durch Kirchtürme bestimmt, änderte sich: Als Auftakt am Hauptbahnhof, oder auch entlang der Elbhänge in Johannstadt ragen die Hochhäuser als neue Dominanten in den Himmel. Die Grundrisse wurden schrittweise geändert, das Duschbad wurde vergrößert, weil die Kochzeile in den Flur wanderte. Es entstanden Abwandlungen für Studentenwohnheime und größere Wohnungen mit und ohne Balkon, mit 12 bis 17 Geschossen.

Alles über die Wohnhochhäuser Dresdens ist nachzulesen in der Broschüre Zeitzeugnisse, Heft 4, „Typisch“ von Prof. Gisela Raap, erschienen im Sächsischen Archiv für Architektur und Ingenieurbau.

WHH17 in der Kunst

Die neuen Wohnhochhäuser Dresdens haben verschiedene Künstler, wie z.B. Victor Schlötzer und Karl Erich Schaefer, in Gemälden verewigt. Auch in der Gegenwart ist der WHH 17 künstlerisch präsent: 2003 wurde von Anja Bohnhof und Karen Weinert eine Fotoserie veröffentlicht, mit 10 Innenaufnahmen eines WHH 17. Fünf der leer stehenden  Wohnungen befinden sich auf der rechten, fünf auf der linken Seite des Gebäudes. Die Arbeit zeigt in ihrer streng formalen und grafischen Ästhetik den Wandel der Zeit. Die Gestaltung von genormter Küche mit Durchreiche sind individuelle Spuren der letzten Mieter.

 

Quellen

Bilder dieses Artikels - sofern © bzw. Urheber nicht angegeben - können verwendet werden unter Nennung: Martin Püschel / www.jeder-qm-du.de

Wir danken den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden/Kunstfonds sowie insbesondere Prof. Gisela Raap (Dresden) für die freundliche Unterstützung.