• Wohnscheiben am Brühl, Leipzig

    Wohnscheiben am Brühl, Leipzig

    Ist die Platte noch zu retten?

Maximales Shoppen plus einzelne Penthaus-Apartments oder doch lieber viel Wohnen mit integriertem Einzelhandel? In der Leipziger Innenstadt sollte ein modernes Wohnensemble der 1960er Jahre einem mehrgeschossigen Einkaufszentrum weichen, um damit den historischen Stadtgrundriss wieder herzustellen. Engagierte Architekten, Stadtplaner und Kunsthistoriker haben sich von 2002 bis 2007 für den Erhalt und Umbau der hochwertigen Bauten ausgesprochen und engagiert – vergeblich.

Modernes Ensemble auf der Höhe seiner Zeit

Durch Bombenangriffe der britischen Luftwaffe wurden im Dezember 1943 große Teile des Leipziger Stadtzentrums zerstört, die Geschäftshäuser am Brühl fielen dem verheerenden Feuer zum Opfer, das noch über eine Woche in der Innenstadt wütete.

Erst 20 Jahre nach Kriegsende wurden die Grundstücke am Brühl wieder bebaut. Anstelle der historischen Pelzhandelshäuser ordneten die Planer drei zehngeschossigen Wohnbauten quer zum Tröndlin-Ring an, zwischen Hauptbahnhof und den nach den Bombenangriffen erhalten gebliebenen Altstadtteilen. Architekt Horst Krantz entwarf und plante die Wohnzeilen am Leipziger Brühl, in Zusammenarbeit mit Günter Gerhardt, Hubertus Berger und Heinz Baldauf. Die Architekten verbanden die Wohnzeilen in der Erdgeschosszone mit eingeschossigen Flachbauten für den Einzelhandel. Zusammen mit dem geschwungenen, "Blechbüchse" genannten Kaufhaus bildeten die Wohngebäude ein homogenes Ensemble.

 

Parkettfußboden inklusive

Für den Standort am Brühl kam dabei erstmals in Leipzig die 5,0 Mp-Bauweise mit raumhohen Wandelementen zum Einsatz, wie sie die VEB Leipzig-Projekt auf der Basis einer Vorfertigungsstätte in Neu-Schönefeld entwickelt hatte. Die Wohngebäude waren als Mittelganghäuser konzipiert, wobei die Wohntrakte jeweils in Querwandbauweise auf der Basis eines 3,60 Meter-Rasters ausgeführt wurden. Im Bereich des 2,50 Meter breiten Mittelganges und in einem letzten Feld am Giebel wechselte die Deckenspannrichtung. Deshalb erschien im Gang keine Rahmenkonstruktion. Die Ausführung der Wohnungen war hochwertig, Parkettfußböden inklusive. Bei den Wohnbauten handelte es sich um Experimental-Bauten, die nur einmal errichtet wurden.

Ziviles Engagement

30 Jahre später, um das Jahr 2000, waren die drei Wohnhäuser zusehends reparaturbedürftig, doch die Eigentümerin, die Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB), unternahm nichts, um die Bausubstanz ihrer Immobilien am Brühl in einem guten Zustand zu erhalten. Eine Gruppe von Architekten, Kunsthistorikern und Stadtplanern, die sich Archleague Leipzig nannten, regte Anfang 2002 die Diskussion um die Zukunft der Wohnscheiben an.

Parallel zu mehreren öffentlichen Veranstaltungen und als Teil der Überzeugungsarbeit gegen den Abriss hatte das Leipziger Architekturbüro DBW (DenkenBauenWohnen) ein Umbaukonzept erarbeitet, bei dem die Wohnscheiben erhalten, aber in ihrer inneren Struktur hätten verändert werden können. Das Konzept sah vor, die Brühlbauten in moderne Apartmenthäuser mit vergrößertem Einzelhandels- und Büroanteil umzubauen. Mehrere der ehemals kleinen Ein- und Zweizimmerwohnungen wären dann zu attraktiven Maisonette-Wohnungen mit offenen Grundrissen und viel Spielraum für die Gestaltung durch die künftigen Bewohner umgebaut worden. Zwischen den Wohnscheiben sah DBW die Möglichkeit, größere Solitäre einzusetzen, für zusätzliche, attraktive Einzelhandelsflächen.

Offener Brief

Bedarf an ausgedehnten Einzelhandelsflächen in Form eines mehrgeschossigen Einkaufszentrums an selbiger Stelle, wie es dem Investor mfi vorschwebte, sah Berhard Tatter im Leipziger Zentrum nicht. Vieles sprach dafür, viel Wohnen und ein wenig Einzelhandel an dieser Stelle zu erhalten. In einem offenen Brief an den Leipziger Oberbürgermeister wandte sich der Verein Architekturraum e.V., dem Tatter ebenfalls angehört, noch Anfang 2007 gegen den Verkauf des Areals an den international tätigen Investor und für den Erhalt und Umbau des Ensembles. Das Wohnensemble gehöre zu den wenigen verbliebenen Zeitzeugen der sozialistischen Moderne, die seit der Wende systematisch aus dem Bild der Stadt, insbesondere der City verschwinden.

Historischer Stadtgrundriss gewinnt

Die Oberen der Stadt Leipzig haben schließlich entschieden: gegen den Erhalt des Ensembles. Die Wohnscheiben am Brühl heute Geschichte – der Abriss fand in den Jahren 2007 und 2008 statt, genau 40 Jahre nachdem sie errichtet wurden. Vorgeblicher Grund war die Wiederherstellung des historischen Stadtgrundrisses. Oder wäre es möglich, dass einfach Geld in die Stadtkassen gespült werden sollte? Die Kaufsumme war allerdings nur "ein Tropfen auf den heißen Stein" im Verhältnis zu den immensen Schulden der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft, ließ sich Architekturkritiker Gerhard Matzig in der Leipziger Volkszeitung zitieren. Was danach kam, die sogenannten "Höfe am Brühl", ist leider wenig überzeugend und hat mit dem historischen Leipzig von vor den Kriegszerstörungen nicht viel gemein. Trotzdem musste die DDR-Architektur weichen. Und wertvoller Wohnraum im Zentrum Leipzigs.

 

Link

www.bruehl-leipzig.net