• Wohnungsbau in der Sowjetunion

    Wohnungsbau in der Sowjetunion

    Die Politik der Platte

Moskau, Dezember 1954: Leonid Poljakov konnte stolz sein auf sein architektonisches Lebenswerk. Mit nur 43 Jahren hatte man ihn für das Moskauer Hotel Leningradskaja mit dem Stalin-Preis ausgezeichnet, dem Oscar der sowjetischen Architektur. Poljakov galt als Vertreter des vorherrschenden dekorfreudigen „Zuckerbäckerstils“. 1954 sollte dies dem ausgezeichneten Architekten zum Verhängnis werden.

Nikita Chruščëv entdeckt die Baupolitik

Rückblende ins Jahr 1953: Der Tod Stalins hatte zum Machtpoker geführt. Der Bauernsohn und potenzielle Stalin-Nachfolger Nikita Chruščëv galt als erfahrener Politiker in Landwirtschaftsfragen. Als bislang vernachlässigtes Thema entdeckte er nun die katastrophale Wohnungssituation, ausgelöst durch die verheerenden Kriegszerstörungen, die Landflucht und eine auf die Eliten ausgerichtete Baupolitik. Zwar hatte es unter Stalin erste Musterprojekte zur Rationalisierung gegeben, doch die breite Masse konnte die reich verzierten Arbeiterpaläste nur von außen bewundern.

 

1954 zeigte Chruščëv seinen Führungsanspruch mit zwei Aktionen. Im Frühjahr rief er die Neuland-Kampagne aus, um Kasachstan neben der Ukraine zur Kornkammer des Landes zu machen. Den zweiten Impuls setzte er auf dem Allunions-Baukongress im Dezember. Am letzten Konferenztag rechnete Chruščëv mit der bisherigen Baupolitik ab. Seine Ansprache gilt heute als architekturtheoretisches Manifest der sowjetischen Nachkriegsmoderne. Chruščëv inszenierte sich als Fürsprecher des industrialisierten Bauens. Bei seinen Redenschreibern muss es sich um Architektur-Spezialisten gehandelt haben, sodass er die Einsatzbereitschaft der Bauarbeiter loben und über den Vorteil vorfabrizierter Betonteile fachsimpeln konnte. Damit unterstrich der gelernte Schlosser, dass er sowohl vom Planen, als auch vom Bauen etwas verstand: „Wir haben die Verpflichtung, deutlich an Geschwindigkeit zuzulegen, die Qualität zu verbessern und die Kosten zu senken!“

Nikita Chruščëv entdeckt die Baupolitik

Jurij Pimenovs, „Hochzeit auf der Straße von morgen“, 1962. Quelle: RIA No-vosti/Tretjakov-Galerie, Moskau

"Wir sind nicht gegen Schönheit"

Die Architekten der alten Generation, so Chruščëv, wollten sich nur selbst ein Denkmal setzen. Ihre Baukosten seien durch den Fassadenschmuck zu hoch und die Nutzfläche (bezogen auf das Volumen) zu gering. Besonders auf Poljakov schoss er sich ein, dessen Hotel Leningradskaja unwirtschaftlich und übermäßig prunkvoll sei. In weiteren Beispielen diskreditierte Chruščëv die Stalin-Hochhäuser, die Moskaus neue Silhouette prägten, und führte so weitere bis dato einflussreiche Architekten wie Mordvinov, Vlasov, Zacharov, Borezkij und Duškin vor. Aus heutiger Sicht ist dies als Testlauf für die zwei Jahre später eingeläutete Entstalinisierungskampagne zu verstehen. „Wir sind nicht gegen Schönheit. Wir sind nur gegen Überflüssigkeiten!“, fasste Chruščëv zusammen. Mit guten Proportionen, angemessen dimensionierten Fenstern und Türen, sowie Fassaden mit kompositorisch gesetzten Balkonen und Farbakzenten forderte er letztlich eine nüchterne Architektursprache.

Weniger Fassadenschmuck und besserer Mitteleinsatz

Was Chruščëv 1954 gefordert hatte, fand sich 1955 wieder in der Verordnung des Zentralkomitees der KPdSU „Über die Beseitigung der Übermäßigkeit im Planen und Bauen“. So vehement Stalin seinerzeit die Abkehr vom Konstruktivismus durchgesetzt hatte, taten es seine Nachfolger nun mit dem Eklektizismus der 1930er und 1940er Jahre. Die Verordnung mahnte Architekten namentlich ab und erkannte ihre Auszeichnungen ab – darunter Poljakovs Stalinpreis. Positiv zielte sie darauf, Typenprojekte industriell vorzufertigen. Laufende Arbeiten sollten überprüft und optimiert werden: weniger Fassadenschmuck, eine wirtschaftlichere Flächennutzung und ein besserer Mitteleinsatz. Zugleich forderte die KPdSU einen Wettbewerb für Typenprojekte im Bereich Wohnungen, Schulen und Krankenhäuser. „Den Formen und den ökonomischen Lösungen nach muss sowjetische Architektur einfach und streng sein“. Ein Gebäude wirke nicht durch kostbare Verzierungen, sondern durch die harmonische Verbindung von Funktion, Proportion, Material, Konstruktion und qualitätvoller Ausführung.

Weniger Fassadenschmuck und besserer Mitteleinsatz

Nikita Chruščëv sprach häufig, leidenschaftlich und fachkundig vor Bauleuten, hier 1958 auf dem UIA-Kongress in Moskau. Quelle: Philipp Meuser, Die Ästhetik der Platte, Berlin 2015

Die Chruščëvka

Chruščëv konnte die jährliche Fertigstellungsquote bei Wohngebäuden verdoppeln. Überall im Land schossen Häuser aus dem Boden. Bald schon nannte man die meist fünfgeschossigen Zeilenbauten in Erinnerung an ihren politischen Förderer „Chruščëvka“. Vom industriellen standardisierten Bauens profitierten zwischen 1956 und 1965 rund 108 Millionen Sowjetbürger, mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Über 75 Prozent der Gebäude waren industriell vorgefertigt und als Serientyp entstanden. Damit gehört die Chruščëvka ohne Zweifel zum weltweit meistgebauten Typus überhaupt. Allein in Russland schuf man in dieser Art während der Sowjetzeit 290 Millionen Quadratmeter Wohnfläche, bis heute etwa zehn Prozent der gesamten Wohnfläche des Landes. Inzwischen hat man zwar damit begonnen, nicht sanierungsfähige Fünfgeschosser abzureißen, doch wurde der Lebensform Chruščëvka in Moskau – wie schon der Kommunalka – ein eigenes Museum gewidmet.

Quelle

Der ungekürzte Artikel „Politik der Platte“ von Philipp Meuser wurde im Mai 2016 im Themenheft "Umbrüchig" auf der Webseite der Initiative moderneREGIONAL veröffentlicht. Das Heft widmet sich den Prestigeprojekten der Sowjetmoderne: von den Hoffnungen des Konstruktivismus über Stalins Neoklassizismus und die straffe Moderne Chruščëvs bis hin zu den postmodernen Aufbrüchen der Perestroijka.

 

Die Langfassung des Artikels ist auf www.moderne-regional.de zu lesen.

Der Autor

Dr.-Ing. Philipp Meuser ist Architekt und Verleger. Nach dem Architekturstudium in Berlin und Zürich mit Schwerpunkt Geschichte und Theorie der Architektur arbeitet er an Bau- und Forschungsprojekten in den ehemaligen Sowjetrepubliken, sowie kuratorisch zur Ostmoderne.


Links

Plattenkopf Philipp Meuser

Buch "Die Ästhetik der Platte - Wohnungsbau in der Sowjetunion zwischen Stalin und Glasnost"