• Altstadt Bernau

    Altstadt Bernau

    Wohnungsbau im historischen Maßstab

1976 beschloss die SED die Neubebauung des historischen Kerns Bernaus. Sie sollte neben den Altstadtbereichen in Gotha und Greifswald exemplarisch für den Wiederaufbau „auf der Basis vorhandener Technologien mit industriellen Methoden“ stehen. Ziel war es, die „Maßstäblichkeit“ historischer Architektur aufzugreifen.

Geringer Denkmalwert?

Zu jener Zeit umfasste das Bernauer Zentrum circa 1.000 Wohneinheiten in 286 Gebäuden, die zu mehr als 95 Prozent vor 1900 errichtet wurden. Die architektonische Substanz reichte bis ins 17. Jahrhundert zurück, umgeben von einer aus dem 14. Jahrhundert stammenden Stadtmauer.

Laut offiziellen Stellen befanden sich Ende der Sechzigerjahre mehr als 60 Prozent der Wohneinheiten im maroden Zustand. Dazu kam ein vermeintlich geringer Denkmalwert. So wurde der Abriss des Großteils der baulichen Substanz und darauf folgender Neubau beschlossen. Von 1979 bis 1989 sollten in drei Bauabschnitten 1.300 Wohneinheiten verwirklicht werden. Verantwortlich für den Stadtumbau war der Architekt Wilfried Stallknecht, der davor schon im Kollektiv von Hermann Henselmann die Wohnungsbauten am Berliner Platz der Vereinten Nationen (damals Leninplatz) verantwortete.

Anlehnung an Historisches

Stallknecht entwarf die Wohnungsbaureihe WBR SL 3600. Das System erlaubte, bis zu fünf Segmente zusammenzufassen und damit höchst flexibel zu planen. Dies bedeute mehr Variabilität bei den Grundrissen. WBR SL 3600 ermöglichte zudem Grundrisslösungen mit Loggien, Erkern und Vorsprüngen und damit unterschiedliche Fassadengliederungen, die an die Formensprache der Altbausubstanz erinnern sollten.

Somit äußerte sich in den Planungen trotz der Radikalität des Bebauungsplans eine bis dahin in der DDR unbekannte Rücksicht auf den baulichen Kontext. Auch wurden die Straßenzüge und unbebauten Stadträume beibehalten, und  eine zwei- bis viergeschossige Bebauung sollte sich an der ursprünglichen Kubatur der Gebäudemassen orientieren. Steildächer, wie sie die Altbauten bedeckten, lehnte Stallknecht hingegen als traditionell und unwirtschaftlich ab.

Farbkonzept

Ein weiteres Novum im Städtebau der DDR war das Farbkonzept für die Fassaden, das von Stallknecht und Herbert Kuschy entworfen wurde, und das Gebäude in grau, rot, grün und gelb vorsah. Auch beim Fassadenmaterial bemühte Stallknecht sich um Vielfalt und verblendete den Beton mit unterschiedlichen Sorten Natursteinsplit oder Spaltklinker. Nach der Wende wurden die Farbgebungen bei der Sanierung bzw. Wärmedämmung jedoch teilweise zerstört.

Besondere Bauten

Prägnantester Neubau war das viergeschossige und 170 Meter lange Laubenganghaus. Es wurde  1985 errichtet und beherbergte Ladenlokale im Erdgeschoss sowie 141 Wohneinheiten vom Typ WBR SL 3600, verteilt auf drei Wohngeschosse. Das Gebäude wurde auf der Rückseite durch Laubengänge horizontal erschlossen. Die Fassade bestand neben der Ladenzeile aus Loggien, deren Trennwände und Brüstungen variierend gestaltet waren. 2000 bis 2001 wurde das Gebäude saniert. Dabei wurde unter anderem die Fassade neu gestaltet und ein Durchbruch für eine neu angelegte Straße erschaffen.

Zudem entwarfen Stallknecht und seine Mitarbeiter ein Café (1985) und eine Gaststätte (1979), die an historischen Gebäuden, dem Pulverturm bzw. dem Steintor, errichtet wurden, jedoch nicht in Plattenbauweise. Auch rekonstruierten sie das Kantorhaus aus dem späten 16. Jahrhundert, das älteste erhaltene Fachwerkhaus der Stadt.

Zweiter und dritter Bauabschnitt

Der zweite Bauabschnitt wurde Anfang der 1980er-Jahre geplant und ab Mitte des Jahrzehnts umgesetzt. Die Realisierung erfolgte ohne Wilfried Stallknecht, der 1984 in den Ruhestand ging. Während die erste Phase von Flächenabriss geprägt war, gingen die weiteren Planungen stärker auf die bestehende Bausubstanz ein. So wurden unter anderem circa 60 vorhandene Wohneinheiten restauriert. Auch erhielten dort, wo Altbau und Neubau direkt zusammentrafen, die Plattenbauten die ursprünglich verpönten Steildächer.

Dies kann als eine Antwort auf eine international wachsende Sensibilität gegenüber der historischen Stadt gewertet werden, wie sie sich im Europäischen Denkmaljahr 1975 manifestierte. Ein weiterer Grund lag jedoch im Materiellen: So erkannten die Städtebauer, dass der Neubau in der Altstadt Bernaus kaum günstiger ausfiel als eine Rekonstruktion der Gebäude. So setzte man in den 1980er-Jahren auch im sozialistischen Städtebau verstärkt auf Erhalt und die gewonnenen Einsichten flossen in die Sanierungsprojekte im Rahmen der Feierlichkeiten zum 750. Jubiläum Berlins ein.

Quellen

  • Engler, Harald, Wilfried Stallknecht und das industrielle Bauen. Ein Architektenleben in der DDR, Berlin 2014
  • Hübler, Manfred und Hübler, Mechthild, Zur Gestaltung des Stadtkerns von Bernau – Planung und Realisierung, in: Architektur der DDR 3/85, S. 164–168
  • Entwerfen im System. Der Architekt Wilfried Stallknecht“, Bauwelt 23 | 2009

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Redaktion: Roland Ernst, 
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