• Baubezogene Kunst

    Baubezogene Kunst

    Werbung für die ideale Gesellschaft

Viel Natur, Blumenmuster, Sonnenstrahlen und spielende Kinder, etwas Lenin und geballte Fäuste, und natürlich Technik, Wissenschaft und Raumfahrt – das ist die Bandbreite der Motive, die an Gebäuden der ehemaligen DDR zu sehen sind. Egal, ob als Mosaik, Sgraffito, Wandmalerei, in Beton, Stein, Keramik oder Backstein ausgeführt, meist steht der "neue" Mensch im Mittelpunkt.


Die zwischen 1950 und 1989 geschaffen Werke waren nicht als bloße schmückende Elemente gedacht, etwa um eine etwas zu schlichte geratene Architektur aufzuhübschen. Die Ideologie-Vermittlung durch den sozialistischen Staat war und blieb bis Ende der 1980er Jahre das erklärte Ziel dieser Kunstgattung. Ein optimistisches Lebensgefühl, der Aufbruch, der neue Mensch und seine Gesellschaft waren die zentralen Inhalte der Umerziehung zum sozialistischen Menschen in der DDR. Die Architektur diente als Leinwand dafür, allgegenwärtig im Alltag der Bevölkerung.


Auftraggeber Staat

Schon früh in der Geschichte der DDR wurde die Kunst zur Staatsangelegenheit erklärt. Die erste „Kunst-am-Bau-Regelung“ von 1950 untersagte das spontane künstlerische Handeln an Gebäuden und bremste damit die Entwicklung der Wandbildbewegung. Ein Kulturfond wurde gegründet und Aufträge „von oben“ vergeben. Dafür wurde ab 1952 ein festgelegter Prozentsatz der Baukosten, zunächst von Verwaltungsbauten, für Kunst am Bau eingesetzt. Frühen Einfluss auf die baubezogene Kunst der DDR hatte das mexikanische Muralismo. Ihr prominentester Vertreter, Diego Rivera, avancierte Mitte der 1950er Jahre zum Vorbild für eine allgemein zugängliche und verständliche Kunst, die die Werktätigen als bestimmende Schicht der Gesellschaft zeigt. Theoretische Schriften über die sozialistische Gestaltung von Kunst und Architektur in der DDR folgten in den 1960er und 70er Jahren.

Kunst in Wohngebieten

Mit dem Beginn der Großwohnprojekte bekam die Kunst an Wohnungsbauprojekten einen neuen Stellenwert. Gleichzeitig weitete sich der Anspruch der „Kunst am Bau“ auf eine „Kunst im städtischen Raum“ aus. Erklärtes Ziel war es, den arbeitenden Menschen näher an Architektur und Kunst heranzuführen, auf dass er sich mit dieser Kunst identifiziere. Gleichzeitig erklärte Walter Ulbricht die bildende Kunst zum Mittel im Klassenkampf. Die DDR sollte Westdeutschland bei der künstlerischen Gestaltung der Städte übertreffen. Anstelle monumentaler Tafeln sollte die Kunst nun integraler Teil der Architektur werden. Dementsprechend wurden Konzepte für die Stadtzentren, Wohngebiete und Nachbarschaften erstellt, die neben den Werken an Gebäuden auch Stadtmöbel, Skulpturen, Brunnen und Beleuchtungselemente enthielten. Die umfassendsten Konzepte für Kunst im Stadtraum gab es für das Zentrum Berlins und für die Bezirksstädte, wie Leipzig, Dresden, Chemnitz (ehemals Karl-Marx-Stadt) und Suhl.

 

Vor Ort erarbeiteten Gremien die künstlerischen Entwürfe, die dann von den Bezirks- und Stadtleitungen abgesegnet und in der Umsetzung kontrolliert wurden. Ab 1969 wurden in mehreren Städten „Büros für architekturgebundene Kunst“ gegründet. Zu dieser Zeit war die Kunst bereits in den Generalbebauungsplänen mit verzeichnet, sowohl bei Großwohnsiedlungen, als auch bei neu zu gestaltenden Stadtzentren. Auch wenn selten alle geplanten Kunstwerke umgesetzt wurden, war die Kunstproduktion im Bauwesen Ende der 1960er Jahre besonders hoch. Angehende Künstler wurden speziell zu diesem Zweck ausgebildet. Durch Ausstellungen und Veröffentlichungen sollte die Bevölkerung in die Thematik involviert werden. Die Schaffung der „Sozialistischen Persönlichkeit“ und einer sozialistischen Menschengemeinschaft standen im Mittelpunkt. Die Künstler bedienten dieses Thema oder vermieden es, indem sie abstrakt arbeiten, was in den 1970er Jahren mehr und mehr akzeptiert wurde.

Desillusion

In den 1980er Jahren nahm die Intensität der Propaganda in der Kunst am Bau ab, parallel zum Gefühl der Desillusion in der Bevölkerung. Ab 1982 wurden die Mittel für baugebundene Kunst reduziert, von zwei Prozent der Auftragssumme auf ein halbes Prozent. Die Künstler erstellten in dieser Zeit zunehmend abstrakte Kunstwerke. Als Beispiele seien die Reliefs und Strukturwände von Friedrich Kracht, Rudolf Sitte und Dieter Graupner genannt. Trotz reduzierter Mittel lieferten die Künstler weiterhin Werke von hoher künstlerischer Qualität. Doch obwohl die baubezogene Kunst seit Mitte der 1960er Jahre bei der Konzeption neuer Wohngebiete und neugebauter Stadtzentren von Anfang an mitgedacht und –geplant wurde, gelang die Integration in den Stadtraum oft nur mäßig. In vielen Fällen wirkten die Werke nach wie vor addiert und die Gebäude angemalt.

Und jetzt?

Viele Werke der baugebezogenen Kunst, die zu DDR-Zeiten entstanden sind, haben nie Berühmtheit erlangt. Sie existieren unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit innerhalb von Wohngebieten. Auch der Zustand der Kunstwerke ist sehr unterschiedlich. Während einige Gebäude samt Kunst heute unter Denkmalsschutz stehen, wurden andere bereits abgerissen oder sind dem Verfall ausgesetzt. Bürgerinitiativen versuchen vielerorts Kunst am Bau zu retten, nicht immer mit Erfolg. Auch wenn der Eigentümer an der Rettung interessierte ist, ist er nicht immer gewillt, auch finanziell für die Kunst einzustehen – sprich ein Budget für die Restaurierung und den Erhaltung des entsprechenden Kunstwerks zur Verfügung zu stellen.


Die längste Lebensdauer scheinen die Kunstwerke im Internet zu haben – durch die Initiative einzelner Fotografen, wie Martin Maleschka, der seine Bilder auf unterschiedlichen, öffentlich zugänglichen Plattformen hochlädt, dokumentiert und nach und nach mit Informationen anreichert.

 

 

Quellen

 

Enge und Vielfalt – Auftragskunst und Kunstförderung in der DDR“ von Paul Kaiser und Karl-Siegbert Rehberg (Hrgs.), Junius Verlag Hamburg, 1999


Kunstvolle Oberflächen des Sozialismus: Wandbilder und Betonformsteine“ von Luise Helas, Wilma Rambow und Felix Rössl, Bauhaus Universitätsverlag Weimar, 2014


Blick in die andere Welt – Einflüsse Lateinamerikas auf die bildende Kunst der DDR, Teil 1“ von Marcus Kenzler, Lit Verlag Münster, 2012


Baubezogene Kunst DDR - Kunst im öentlichen Raum 1950 bis 1990“ von Martin Maleschka, Dom Publishers Berlin, 2018