• Eigenheime in der DDR

    Eigenheime in der DDR

    Eigenheime in der DDR – die Baureihe EW 58

Standardisierung auch beim Eigenheim

Obwohl der Eigenheimbau dem staatlichen Ideal der Kollektivität eigentlich widersprach, wurde er im begrenzten Maße zugelassen. Durch ihn konnten Unterkünfte in Gebieten entstehen, wo kein staatlicher Wohnungsbau vorgesehen war. Zudem ermöglichte er soziale Unterscheidungen im Sinne des Systems. So beschloss der Ministerrat 1953, Arbeitern und Angehörigen der "Intelligenz" bis zu 75 Prozent der Bausumme als zinslose Kredite zu gewähren.

1957 rief das Institut für Typung einen Wettbewerb für Eigenheime aus. Wie beim Plattenbau sollten sie standardisiert und mit wenigen Elementen eine Vielzahl Variationen ermöglicht werden. Stallknecht, seit 1953 Mitarbeiter des Institutes, nahm teil und überzeugte mit seinen Entwürfen. Sie wurden 1958 in einer Broschüre unter dem Namen EW (Einfamilienwohnung) 58 vorgestellt. Wer eine Baugenehmigung erhielt, konnte die Baupläne des gewünschten Typs erwerben und bekam eine Lizenz zum Einkauf von Material.

Stallknecht, der zu jener Zeit neoklassizistische Interieurs entwarf, setzte auch bei EW 58 auf traditionelle Formen: Steile Satteldächer mit leicht ausgestellten Traufen erhoben sich über einem annähernd quadratischen Grundriss. Der Baukörper war einfach gehalten, die Häuser verzichteten gänzlich auf Bauschmuck. Umgesetzt werden sollten sie in Ziegel- oder Hohlblockbauweise mit Holzbalkendecken.

Boom nach 1971

Aufgrund des Mangels an Material jedoch wurden in den Sechzigerjahren gerade einmal 40.000 Häuser gebaut. Erst 1971, mit der "Verordnung über die Förderung des Bauens von Eigenheimen", erfuhr der Eigenheimbau einen Aufschwung. Unter anderem wurde der Volkseigene Betrieb Baustoffversorgung verpflichtet, das für die genehmigten Einfamilienhäuser benötigte Material zur Verfügung zu stellen.

Dabei wurden Bauanträge um so eher angenommen, je höher die Eigenleistungen waren, zu denen sich die Antragsteller vor Baubeginn verpflichteten. Die EW-58-Reihe stellte dabei, in überarbeiteter Form, immer noch den Standard. Das Programm wurde zum Erfolg: Mehr als eine Viertel Million Eigenheime entstanden bis 1990, in zahlreichen Varianten, denn oftmals mussten die Besitzer von der Vorlage abweichen und das verbauen, was sie beschaffen konnten.

Auferstanden in den Niederlanden

Eine unerwartete Renaissance erfuhr das EW 58 genau 50 Jahre, nachdem es zum ersten Mal vorgestellt wurde. 2008 richtete die niederländische Stadt Almere unter dem Motto "Einfachheit" einen Architekturwettbewerb für Eigenheime aus. Auch Ton Matton, Designer mit ökologischer Perspektive und wohnhaft in Mecklenburg, nahm teil.

Er reichte den Bauplan eines EW 58 ein, nebst einem Interview mit Wilfried Stallknecht und einer Bauanleitung. Zusammen mit sieben anderen Beiträgen wurde das Projekt zur Umsetzung ausgewählt.
Matton begeisterte die starke Identifikation der Bewohner mit ihren Häusern. Den Grund sah er in dem hohen Anteil an Eigeninitiative und Improvisation. Dementsprechend wurde auch das Haus in Almere nicht schlüsselfertig an die Eigentümerin, eine Tante Mattons, übergeben. Zum Konzept gehörte es, dass sie beim Bau mit anpackte und recyceltes Material verwendete. Dafür schlachtete Matton leer stehende Häuser in seiner direkten Nachbarschaft aus. Das Material ließ er in die Niederlande transportieren, wo es zur Errichtung des EW 58 genutzt wurde.

Bei der Konstruktion hingegen wich das EW 58 in Almere von seinen Vorgängern ab – aus ökologischen Gründen wurden die Wände aus gepressten Strohquadern errichtet. Und auch das Dach entfernt sich vom Original: Matton nutze verschiedenfarbige Schindeln, die den Schriftzug "EW 58" bilden. Bei der Fassade jedoch wollte sich Matton nicht vom Urtyp entfernen. Sie erhielt den typischen Kratzputz, hergestellt mit einer originalen Kurbelmaschine aus der DDR.