• Iris Dullin-Grund

    Der "Kulturfinger"

In der DDR war rund ein Viertel der Architekten weiblich. Zum Vergleich: in der alten Bundesrepublik waren es gerade einmal 10 Prozent. Warum also weiß man heute so wenig über DDR-Architektinnen? Weil sie kaum in öffentlichkeitswirksamen Leitungsfunktionen von Baukollektiven, Planungsbüros oder Architekturgremien tätig waren. So schafften es auch nur drei Frauen zur „Stadtarchitektin“ und damit zu größerer Bekanntheit. Eine von ihnen war Iris Dullin-Grund.

Iris Dullin-Grund

Iris Dullin-Grund kam nach ihrem Architekturstudium in Berlin-Weißensee ins Büro Henselmann. Hermann Henselmann ermutigte sie auch, am Wettbewerb für ein zentrales Gebäude in Neubrandenburg teilzunehmen.

Zitat: „Mit diesem Entwurf war nicht nur das Haus gemeint, sondern auch: für welche Funktion soll es gebaut werden? Und meine Überzeugung war, auch im Gespräch mit Henselmann: keine Stadtverwaltung. Es sollte Kultur hinein, für die freie Zeit... Ja, und das habe ich dann auch so angelegt. Es war ein Theater vorgesehen, ein Konzertsaal, eine Ausstellungshalle, eine Galerie eigentlich mehr. Und ein Turmhaus für die verschiedensten Themen der Freizeitgestaltung. AG Funken ganz oben und Mathematikzirkel und Schachzirkel und so weiter bis zum Musikzirkel in zwei Etagen.“

Iris Dullin-Grund gewann den Wettbewerb. Ihr „Haus der Kultur und Bildung“ – im Volksmund schon bald „Kulturfinger“ genannt - wurde gebaut.

10 Jahre später ernannte man Iris Dullin-Grund zur Stadtarchitektin von Neubrandenburg. So prägte sie entscheidend das Stadtbild im Sinne der sozialistischen Moderne. Sie arbeitete vorrangig mit dem Montagesystem WBS 70, das übrigens in Neubrandenburg erfunden wurde. Beim Projektieren des Wohngebietes Datzeberg z.B. war es Iris Dullin-Grund wichtig, dass Mütter und Kinder kurze und sichere Wege zwischen Wohnung, Kindergarten, Schule und Arbeit haben.

Hatte sie es schwer, als Frau auf dem Bau?

Zitat: „Natürlich ist es am Anfang schwer, ja und auch später noch, wenn man also schon längst „seinen Mann steht“. Da kommen dann junge Schnösel, die glauben, sie wissen alles besser und meinen, der werden wir es mal zeigen. Und da muss man selbst Stehvermögen haben und an sich selbst glauben.“

Film & Bilder: Wolfgang Gaube

Regie: Uta Kolano & Wolfgang Gaube

Eine Produktion von DOKWORKERS im Auftrag der WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte mbH

 

Literaturhinweis:

Engler, H. (2016). Between state socialist emancipation and professional desire: Women architects in the German Democratic Republic, 1949-1990. in M. Pepchinski, & M. Simon (Hrsg.), Ideological Equals: Women Architects in Socialist Europe 1945-1990. (1. publ. Aufl., S. 7-19). Abingdon [u.a.]: Routledge.