• Leipzig-Grünau

    Leipzig-Grünau

    Plattenbausiedlung der Superlativen

Leipzig-Grünau – ein Projekt der Superlativen. Zwölf Jahre lang wurde ab Juni 1976 im Westen der Metropole Leipzig gebaut. Insgesamt 37.600 Wohnungen entstanden auf einem Areal, das vier Kilometer lang und zweieinhalb Kilometer breit ist.

Allein für den Wohnungsbau betrieben die Baukombinate sieben Taktstraßen gleichzeitig, wobei zeitweise bis zu 5.000 Arbeitskräfte auf der Großbaustelle beschäftigt waren. 1989 lebten hier 85.000 Menschen. Leipzig-Grünau ist, neben Berlin-Marzahn und Halle Neustadt, das größte Plattenbaugebiet in der ehemaligen DDR und noch heute die größte Plattenbausiedlung Sachsens.

Stadt vom Reißbrett

Die Großsiedlung Leipzig-Grünau gliedert sich in acht Wohnkomplexe, die durch drei in Ost-West-Richtung verlaufende Verkehrstrassen erschlossen sind. Jeder Wohnkomplex hat ein eigenes, kleines Zentrum, meist rund um den S-Bahn-Haltepunkt herum.

Die Grundsteinlegung fand im Juni 1976 im Wohnkomplex 1 statt. In Folge starteten auch die Bauarbeiten in den Wohnkomplexen 2 und 3. Bis 1984 waren WK 1, 2 und 3 mit insgesamt 6.300 Wohnungen fertig gestellt. Die ursprünglichen Intentionen der Stadtplaner, wie eine aufgelockerte Bebauungsstruktur mit mehrheitlich 5-geschossigen Häuser und großzügigen, begrünten Innenhöfen, sind hier heute noch erlebbar.

In Wohnkomplex 4 wurden ab 1978 erstmals konusförmige Haussegmente eingesetzt, um damit bei den Gebäudegeometrien vom rechten Winkel abweichen zu können. Bereits hier stockte man von fünf auf sechs Geschosse (ohne Fahrstuhl!) auf, um dem Politbürobeschluss von 1977 gerecht zu werden, der eine Erhöhung der Bebauungsdichte verlangte. Die 8.800 Wohnungen im WK 4 wurden bis 1984 übergeben.


Planung Schritt für Schritt

Am mit 3.300 Wohnungen etwas kleineren Wohnkomplex 5 ist interessant, dass die alte Dorflage Schönau in dessen Planung integriert wurde. Die Kirche und das Pfarrhaus mit einigen umgebenden Gebäuden konnten dabei erhalten bleiben, andere Altbauten mussten weichen.

Im WK 5 wurden die konusförmigen Hauselemente so eingesetzt, dass eine geschwungene Bebauung entstand. Neu sind neungeschossige Punkthochhäuser vom Typ PH 9, die das Baukombinat Leipzig auf Grundlage der WBS 70 entwickelte. Der Wohnkomplex 6 entstand nur auf dem Papier, wegen Gründungsproblemen verzichtet man den entsprechend teueren Bau.

Etwas abseits im Westen Grünaus wurde ab 1980 mit dem Bau von WK 7 begonnen. Das Besondere am Wohnkomplex 7 ist die strahlenförmige Ausrichtung der Wohngebietsstraßen auf das Zentrum hin. Hier wurden noch einige Punkthochhäuser vom Typ PH 16 platziert, die heute allesamt abgerissen oder rückgebaut sind. Auch PH 9 und PH 6 fanden Anwendung. Insgesamt wurden bis 1985 7.500 Wohnungen errichtet.

Akuter Wohnungsmangel und der entsprechende Politbürobeschluss zur Einsparung der Mittel und Verdichtung der Bebauungsstruktur traf die Planung und den Bau des WK 8 mit voller Wucht. Es sollte auf Schnickschnack verzichte und dadurch schneller gebaut werden. Konuselemente, sowie Punkthochhäuser fielen dem Rotstift zum Opfer.

Der WK 8, gebaut von 1981 bis 1986, ist sechsgeschossig auf ganzer Linie. Durch das Baukombinat Leipzig entwickelte Dreispänner, statt der bisher üblichen Zweispänner, erhöhten die Wohnungsanzahl weiter. Die Intervention der Bauakademie verdichtete das Baugebiet so sehr, dass ohne Hochhausbauten 2.100 mehr Wohnungen auf gleicher Fläche errichtet wurden, als ursprünglich geplant – insgesamt 8.700.

Schließlich begann 1984 der Bau des Wohngebietszentrums, das später folgerichtig in WK 5.2 umbenannt wurde, da es entgegen der Idee, hier übergreifende Infrastruktur zu häufen, eher als reguläres Wohngebiet umgesetzt wurde. Mit zusätzlichen 2.600 Wohnungen endete hier 1988 der Wohnungsbau in Grünau planmäßig, wobei zahlreiche, in der ursprünglichen Planung vorgesehenen Versorgungs- und Freizeiteinrichtungen auf der Strecke geblieben waren.

Kurze Wege

Bis zur Wende waren alle Wohngebäude nach Plan fertiggestellt. Insgesamt wurden in Grünau 23 Oberschulen und 24 sogenannte „Kinderkombinationen“ – Kinderkrippe und Kindergarten in einer Einrichtung – als drei- und viergeschossige, vom Baukombinat Leipzig entwickelte Typenbauten errichtet.

Die Bewohner schätzten die kurzen Wege zu Schulen und Kitas, wie die Einwohnerbefragungen im Rahmen der Intervallstudie „Wohnen und Leben in Grünau“ zeigen. Sie genossen außerdem das grüne Wohnumfeld und die Nähe zu Parks und Naherholungsgebieten.

Die Infrastruktur ließ jedoch weiterhin zu wünschen übrig. Um den Mangel zu beheben, wurden Mitte der 1990er Jahre zwei Einkaufszentren errichtet, sowie ein Kino mit acht Sälen und die von den Anwohnern lang ersehnte Schwimmhalle.

Was nach 1989 passierte

Trotzdem folgten Wegzug, Leerstände, Verwahrlosung – bis 2006 schrumpfte die Einwohnerzahl auf 45.000. Zwischen 2002 und 2007 wurden 5.600 Wohnungen abgebrochen, bis 2013 weitere 1.900. Besonders viele Punkthochhäuser von Typ PH16 mussten dran glauben, was das Stadtbild stark verändert hat.

Und jetzt: Ende 2017 berichtet die Leipziger Wohnungsgenossenschaft Lipsa vom Neubau eines zwölfgeschossigen Wohnhochhauses am Kulkwitzer See, die Baugenehmigung für das Hochhaus liege bereits vor, Baubeginn sei für Juni 2018 anvisiert. Drei weitere Neubauten sind bereits fertiggestellt.

Paradox? Vielleicht, seit 2012 stehen die Zeichen jedenfalls wieder auf Wachstum, sowohl, was die Stadt Leipzig insgesamt, als auch den Stadtteil Grünau im Besonderen betrifft.

Quellen

„Grünau – Geplantes und Gebautes von 1959 bis 1990“ von Thomas Hoscislawski, in „Raster Beton“, herausgegeben von Juliane Richter, Tanja Scheffler und Hannah Sieben, M Books Verlag, Weimar 2017

Diverse Artikel in den Zeitschriften „Architektur der DDR“, Band 6-1977 und 5-1986