• Magdeburg - Neu-Olvenstedt

    Magdeburg - Neu-Olvenstedt

    Experimentalwohnkomplex mit Sonderstatus

Auf dem Boulevard flanieren, nachts ohne Verkehrslärm in Ruhe schlafen und am Morgen das Stadtzentrum mit der Straßenbahn zügig erreichen – das sind einige der Qualitäten, die in der letzten und größten Wohnsiedlung Magdeburgs umgesetzt werden sollten. Der Grundstein für den sogenannten Experimentalwohnkomplex Neu-Olvenstedt im Norden der Elbmetropole wurde im Februar 1981 gelegt.

Stadt neu erfunden

Nachdem die Wohnkomplexe Neustädter See, Kannenstieg und Neustädter Feld fertig gestellt waren, startete im Norden Magdeburgs das letzte Großwohnprojekt, zuerst unter dem Titel „Olvenstedter Chaussee“. Ein Regierungsabkommen zwischen der DDR und der Sowjetunion von Dezember 1975 machte dieses Projekt zum Experimental- und Vorzeigeobjekt. Im fachlichen Austausch mit russischen Architekten und Ingenieuren, die in Gorki in der UdSSR einen ähnlichen Stadtteil planten, sollte ein neuartiger, zukunftsweisender Stadtteil entstehen. Ab 1977 waren die Bauakademie der DDR, das Büro des Stadtarchitekten Magdeburg und der WBK Magdeburg als Hauptpartner am Projekt "Olvenstedter Chaussee" beteiligt.

Zu Fuß unterwegs

Vorbild und Grundidee für das Planungskonzept Neu-Olvenstedts waren die innerstädtischen Fußgängerzonen, wie man sie aus Potsdam und Weimar kannte. Die Stadtplaner wollten versuchen „das Milieu modern gestalteter, attraktiver Stadtöffentlichkeit in den Typ des Wohnungsneubaugebietes zu übertragen“ (Zitat des Chefarchitekten Siegried Klügel in Architektur der DDR 7/1984). Dementsprechend installierten sie einen 1,5 Kilometer langen, öffentlichen Fußgängerbereich als Rückgrat des neuen Stadtteils, der in das Hauptzentrum, den Marktplatz, im Südwesten mündete. Eine neugebaute Straßenbahnlinie kreuzte die Fußgängerachse an mehreren Punkten und die autofreien Wohnhöfe und Wohnstraßen wurden über diese miteinander verbunden. Anstelle der üblichen Polarisierung zwischen Zentrum und Wohnbereich schalteten die Planer den Fußgängerbereich als aktiven Raum dazwischen. Von dieser neuen Art des Städtebaus versprachen sich die Planer mehr Aktivität, Kontakt und Kommunikation der Anwohner untereinander. Gleichzeitig sollte jeder der fünf Bauabschnitte ein unverwechselbares Gesicht bekommen.

Verordnete Verdichtung

In Neu-Olvenstedt sollten ursprünglich 8.000 Wohnungen für 30.000 Menschen in Montagebauweise aus vorgefertigten Betonplatten errichtet werden. Schon wenige Monate nach der Grundsteinlegung im Jahr 1981 mussten die Planer das Gesamtvorhaben jedoch erneut evaluieren und erhebliche Veränderungen vornehmen. Einerseits musste – wie in vielen anderen Baugebieten der DDR im selben Zeitraum auch – aus der schwierigeren, ökonomischen Lage heraus die Bebauungsstruktur verdichtet werden: von 150 EW/ha auf 280 EW/ha.

 

Anstelle von Höhenstaffelungen und einer Vielzahl von Bautypen, mussten die Planer nun 94 Prozent der Wohngebäude als 5- oder 6-geschossige Riegel ausführen. Statt der ursprünglich vorgesehenen 8.000 Wohneinheiten, sollten es nun 14.000 werden. Gleichzeitig verringerte sich das Projektbudget um 15 Prozent. Das führte zu einer Überarbeitung der Leitplanung im Jahr 1983. Die Bauabschnitte 4 und 5 wurden vergrößert und die Grundrissgestaltung der Gebäude auf "Ratio-Wohnungen" in sechsgeschossiger Bauweise umgestellt. Ab 1985/86 kommt der Wohnungsbautyp WBS M 86, entwickelt vom Wohnungsbaukombinat Magdeburg, zum Einsatz. Dieser Bautyp eignete sich für die innerstädtische Bebauung, da er Ecken ausbilden und somit Blockränder definieren konnte. Am Sternbogen wurden damit mäandernde Gebäudeformen mit Wohnhöfen errichtet.

Kunst zum Wohlfühlen

Neu-Olvenstedt war als Prestigeprojekt angelegt. Die Kunst- und Freiraumgestaltung spielte dabei von Anfang an eine große Rolle. Hauptsächlich in den ersten beiden Bauabschnitten im nördlichen Neu-Olvenstedt wurde diese auch umgesetzt. Ein markantes Element waren künstlerisch gestaltete Mosaiken aus Keramikfliesen an den Wohngebäuden im Fußgängerbereich Marktbreite. Sie markierten Eingänge und zogen sich im ersten Geschoss entlang der Loggien-Brüstungen. Die Hauszeichen und Keramikbänder wurden von unterschiedlichen Künstlern, wie Frank Borisch, Manfred Gabriel und Annedore und Wolfgang Policek für den neuen Stadtteil entworfen. Das Gesamtkonzept geht auf den Künstler Bruno Groth zurück, der die Entwürfe im VEB Plattenwerk Meissen in glasierte Keramikfliesen umsetzte. Dort wurden die Fliesen dann auf die Fassadenplatten aus Stahlbeton montiert.

 

Planungspartner für die Außenanlagen war das interdisziplinäre Designprojekt Dresden, dessen Künstler, Architekten und Formgestalter maßgeblich an der Freiraumplanung beteiligt waren. Unter anderem entwarfen sie Straßenleuchten, Brunnen, Bänke, Pflanzkübel und Spielplätze.

Es hätte so schön sein können

Insgesamt acht Nachbarschaftszentren, sogenannte Wohnclubs, wurden in den Innenhöfen des ersten Bauabschnitts fertig gestellt und deren Fassaden künstlerisch gestaltet.

 

Im Mai 2013 wurde das Gebäude Fliederhof abgerissen. Das geschah so kurzfristig, dass dem Künstler Bruno Groth und interessierten Anwohnern nicht genügend Zeit für die Sicherung der Keramik-Platten blieb. Im Februar 2016 stand dann der Abriss des Nachbarschaftstreffs „Waldhof“ in der Hans-Grade-Straße bevor, der vom Künstlerpaar Annedore und Wolfgang Policek gestaltet war - ebenfalls gegen den Protest der Anwohner. Die Sanierung wäre zu aufwändig gewesen und die Nutzung und Miete mache das Objekt unrentabel, ließ die Wohnungsbaugesellschaft dazu verlauten.

 

Die Wohngebäude in der Marktbreite und deren Fassadenkeramik sind bereits ebenfalls Geschichte. Im Zeitraum von 2012 bis 2015 wurden die Gebäude nacheinander rückgebaut. Eines der Fassadenbänder aus farbigen Keramikfliesen wurde in Absprache mit der Abrissfirma behutsam abgehängt und zwischengelagert.

 

 

 

Quellen

 

"Architektur der DDR", 7/1984, S. 392-444

 

Städtebau in Magdeburg 1045-1990“, Hrsg: Stadtplanungsamt Magdeburg, 1998