• Magdeburg-Nord

    Magdeburg-Nord

    Die Architektur des Stadtrandes

Von 1973 bis 1981 entstanden in Magdeburg-Nord mehr als 11.000 Plattenbauwohnungen. Die Siedlung zählt zu den ersten Zeugnissen des Wohnungsbauprogramms, das die SED auf dem VIII. Parteitag 1971 beschloss. Als eine der ersten Maßnahmen unter dem neuen Vorsitzenden Erich Honecker wies die Parteiführung den Bau von 500.000 Wohnungen bis 1975 an. Zwei Jahre später entschied sich das Zentralkomitee, das Programm zu verlängern. Ziel waren 2,8 bis 3 Millionen neue Wohnungen im Zeitraum zwischen 1976 und 1990.

Verschiedene Gebäudetypen

Während sich die Wohnungsbauaktivitäten davor auf die vielerorts stark zerstörten Stadtzentren konzentrierten, veränderte sich nun der Fokus. Mit dem breit angelegten Programm zur Linderung der Wohnungsnot begann landesweit die Epoche der Siedlungen am Stadtrand. Für Magdeburg-Nord entstanden die ersten Planungen bereits Ende der Sechzigerjahre, sodass der Bau direkt nach dem Parteitag 1971 beginnen konnte. Als Baugrund wurde ein 600 ha großes Areal ausgewählt, das größtenteils aus Ackerflächen bestand. Der ausschlaggebende Grund für den Standort war die Anbindung an das Kraftwerk Rothensee, das die Gebäude mit Fernwärme versorgen konnte. Auch die Nähe zum Zoo und Naherholungsgebieten wie dem Neustädter See sprachen für die Wahl des Standortes.

Die städtebauliche Konzeption geht auf Hanspeter Kirsch zurück, die architektonische Gestaltung leitete Erich Ciemiega. Drei verschiedene Gebäudetypen prägten den Entwurf, der bis auf wenige Abweichungen umgesetzt wurde: sechzehngeschossige Punkthochhäuser, sowie sechs- und zehngeschossige Wohnscheiben. Dominierend sind 30 m hohe Zehngeschosser, die aneinandergereiht Gebäudeflanken bilden, bis zu mehreren hundert Meter lang.

Der Plattenbautyp als Einzelgebäude

Die monumentalen Wohnscheiben sind auf der Grundlage eines Plattenbautypus errichtet, der speziell für den Standort entwickelt wurde. Dieser Typ M10 (M für Magdeburg, 10 für die Anzahl der Stockwerke) stellt eine Weiterentwicklung des QP64 dar, der bei der Neubebauung der Karl-Marx-Allee in Berlin zum Einsatz kam.

Ein Abschnitt besteht aus 80 Wohneinheiten, die jeweils circa 50 Meter breit und in unterschiedlicher Anzahl aneinandergereiht sind. Sie werden durch zwei Eingänge erschlossen. Auf jeder Etage befinden sich acht Wohnungen, von 34 m² großen Einraumwohnungen bis zu 84 m² großen Vierraumwohnungen. Die Treppenhäuser sind auf der Vorderseite der Gebäude, die Loggien auf der Rückseite. Das Raster der Fassaden wird durch farbige Keramikplatten optisch aufgelockert. Einige Treppenhäuser sind von außen mit besonders auffälligen, großflächigen Mustern versehen, die Seitenwände der Eingangsportale sind ähnlich gestaltet.

Kompositionen des Plattenbau-Karrees

Die Baukörper wurden bevorzugt so gruppiert, dass sie geschlossen wirkende Innenhöfe bildeten. Hier wurden Grünflächen angelegt und auch die Gebäude für die Betreuung von Vorschulkindern verortet. Unterschiedliche Längen und Abstände der Gebäude zueinander, leichte Rück- und Vorsprünge der Baumassen und Abweichungen vom rechten Winkel sollten die Anordnung auflockern.

Eine solche Anordnung im Karree führe zu einer stärkeren Bindung der Bewohner an ihre unmittelbare Nachbarschaft, argumentierte Stadtarchitekt Hanspeter Kirsch: "Um das große Wohngebiet in kleinere, selbstständige Einheiten zu gliedern, wurde eine Quartiersbebauung gewählt, deren durchgrünte Innenhöfe die Kinderkrippen-/Kindergarten-Kombinationen aufnehmen. Diese Art der Bebauung schafft abgegrenzte, überschaubare Kommunikationsbereiche, in denen teils durch den Weg zur Kinderkrippe oder zum Kindergarten, teils durch gemeinsame Pflege und Nutzung der Freiflächen die Gemeinschaftsbildung gefördert wird."1

Jedoch erschwerten die Flächen zwischen den Gebäuderiegeln allein schon durch ihre riesigen Dimensionen die Bildung überschaubarer, intimer Raumzonen für den sozialen Austausch: Die größte von Plattenbauten umfasste Fläche nimmt fast einen halben Quadratkilometer ein. Auch die Notwendigkeit, Platz für den motorisierten Verkehr zu schaffen, widersprach der Idee eines "kommunikationsfördernden" Raumes. Dieser Umstand war darin begründet, dass nicht immer die Gebäudeseiten mit den Loggien dem Wohnhof zugewandt waren, sondern jene, an der sich die Haupteingänge befinden. Um diese mit dem Auto erreichen zu können, mussten Straßen gezwungenermaßen ins Karree führen.

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1 Kirsch, Hanspeter, Wohngebiet "Neustädter See" in Magdeburg, in: Deutsche Architektur, 8/1978, S. 466

Punkthäuser und P2

Die zehngeschossigen Riegel stellten circa 70 Prozent des Wohnungsbestandes des gesamten Viertels und konzentrierten sich in dessen Ostteil. Im Westen wurden vor allem sechsgeschossige Gebäude gebaut. Hier kam der Plattentyp P2 zum Einsatz. Die Gebiete wurden 1975 durch den Magdeburger Ring voneinander getrennt. Die Schnellstraße teilte das Viertel in die Stadtteile Kannenstieg (westlich) und Neustädter See (östlich). Zur Überquerung wurden zwei Fußgängerbrücken gebaut.

In Neustädter See befinden sich neben den Gebäuderiegeln acht Punkthochhäuser des Erfurter Types PH16 (Punkthochhaus mit 16 Geschossen). Fünf davon stehen am Wasser und bilden den Abschluss der zentralen Magistrale des Viertels, die von Süden nach Norden zum Ufer des Neustädter Sees führt.

Zentrale Zonen

In einer zentralen Fußgängerzone platzierten die Planer öffentliche Einrichtungen: Schulen, Kaufhallen, Sportstätten und weitere Gebäude für Dienstleistungen und Freizeitaktivitäten. Als Systembauten waren sie ebenfalls aus vorgefertigten, teilweise auch recycelten Bauteilen zusammengesetzt. Eigens für den Standort gefertigte Kunstwerke sollten die Attraktivität des urbanen Raumes steigern.