• Magdeburg

    Magdeburg

    Luftiges Stadtzentrum

Mit seiner ehemals dicht bebauten, mittelalterlich geprägten Innenstadt war Magdeburg nach dem Zweiten Weltkrieg quasi eine tabula rasa. Die Flächenbombardements der Engländer am 16. Januar 1945 zerstörten etwa 90 Prozent der innerstädtischen Gebäude in der Stadt des Schwermaschinenbaus. Damit bekam Magdeburg nach dem Krieg ein völlig neues Gesicht.

Die neue Stadt

Die ersten städtebaulichen Wettbewerbe für den Wiederaufbau der zerstörten Stadt wurden 1946 durchgeführt und daraufhin der erste Bebauungsplan erstellt. Auf den von Trümmern leergeräumten Flächen schufen die Planer eine aufgelockerte Stadtstruktur mit ausgedehnten Freiflächen im Sinne der europäischen Moderne. In den zwei Jahrzehnten direkt nach dem Krieg konzentrierten sie sich mit Wohnungsneubauprojekten auf die Innenstadtgebiete, um den dort verlorenen Wohnraum wiederherzustellen. Gesamtstädtisch betrachtet, machen die nach 1945 entstandenen Wohnneubauten mehr als die Hälfte aller heute existierenden Wohnungen Magdeburgs aus. Dabei wurde insbesondere das nördliche Stadtzentrum städtebaulich und architektonisch völlig neu gestaltet.

 

Erste Wohngebäude nach sowjetischem Vorbild im Stil der Nationalen Tradition entstanden am Zentralen Platz, im Bereich des südlichen Breiten Wegs, der 1953 in Karl-Marx-Straße umbenannt wurde. Das ist die Nord-Süd-Achse vom heutigen Universitätsplatz über den Zentralen Platz bis zum Hasselbachplatz im südlichen Stadtzentrum.

Jakobstraße und Breiter Weg

Nächste Großbaustelle und zweiter „sozialistischer Wohnkomplex“ wurde das Wohngebiet rund um die Jakobstraße nahe des Elbufers, bebaut in Reihen und Zeilen, nach Wettbewerbsentwürfen von Professor Funk von der TU Dresden in den Jahren 1963 und 1964. Die meist fünfgeschossigen Wohnbauten von Typ Q6 stehen achtgeschossigen Zeilen vom Typ „Leipzig“, in Kammstellung angeordnet, gegenüber. Einige, wenige noch erhaltene Vorkriegsgebäude, darunter vier gotische Kirchenruinen, wurden in die Planung miteinbezogen, stehen jedoch wie Fremdkörper im neuen Stadtraum. Markantestes Beispiel ist Johanniskirche auf der östlichen Seite der Jakobstraße: direkt nebenan reihen sich drei Achtgeschosser, parallel zum Ufer gestaffelt. Städtebaulich fragwürdig, bietet diese Anordnung den Bewohnern zumindest herrliche Blicke über die Elbe. In den 1970er Jahren wird das Ensemble schließlich durch zwei 16-geschossige Wohnhochhäuser ergänzt, die alle Bauten am Ufer überragen.

Im Nordabschnitt der Breiten Straße wird 1965 eine der ersten Fußgängerzonen der DDR angelegt. Achtgeschossige Zeilenbauten in Plattenbauweise flankierten den Boulevard. Die Handelseinrichtungen wurden vorgelagert, in den Platzraum hinein vorgeschoben und auf der Westseite als aufgeständerte Pavillions zwischen den Zeilenbauten platziert. Gestaltungselemente, wie Brunnen und Hochbeete gliederten den Straßenraum weiter. 1967 wurden die Türme der Katharinenkirche abgetragen und an deren Stelle als neue Höhendominate das 12-geschossige „Haus der Lehrer“ errichtet, das 1970 fertiggestellt wurde.

Den formalen Abschluss der nördlichen Karl-Marx-Straße bildete schließlich der Flachbau des Centrum Warenhauses (das heutige Karstadt-Warenhaus), errichtet in den Jahren 1970-73, als zweitgrößtes Warenhaus der DDR.

Südliche Altstadt

Bereits in den 1950er Jahren war die Verbreiterung der Leiterstraße, einer Ost-West-Verbindung zwischen dem südlichen Breiten Weg und der Otto-von-Guericke-Straße Teil der neuen Stadtplanung. Geplant war ein Fußgängerbereich mit Geschäften auf zwei Ebenen und darüberliegenden Wohnungen. Außerdem waren Verwaltungs- und Kultureinrichtungen Teil des Ensembles. Die Umsetzung des Projekts startete erst 1975 mit dem Abriss der vorhandene Restbebauung der historischen Geschäftsstraße, um Platz für die Neubauten im Rahmen des neu konzipierten Fußgängerbereichs zu schaffen. Die Bauarbeiten begannen dann 1977, konnten allerdings aus volkswirtschaftlichen Gründen erst Ende der 1980er Jahre abgeschlossen werden. Eingesetzt wurde der Plattenbautyp P2 mit modifizietem Sockelbereich in Betonskelettbauweise. Der Brunnen des Magdeburger Bildhauers Heinrich Apel prägt den Platzraum. 

Wie in vielen anderen Städten der ehemaligen DDR, kehrte auch in Magdeburg der Wohnungsbau in den 1980er Jahren in die Altstadt zurück - mit einer neuen Typenserie des Plattenbaus, der „angepassten Wohnbauserie M86“, die eine innerstädtisch Bebauung mit Eckgebäuden und Höfen ermöglichte. Sogenannte Umgestaltungsgebiete wurden geschaffen. Rund um den Hasselbachplatz, in einem gründezeitlich bebauten Stadtgebiet, das wenig zerstört war, wurden zahlreiche Lücken mit Plattenbauten geschlossen. Es wurden aber auch Altbauten, die man jahrzehntelang vernachlässigt hatte, abgerissen, wie beispielsweise in der Leiterstraße.

 

 

Bolesław-Bierut-Platz

An der nordwestlichen Ecke des Universitätsplatzes, der zu DDR-Zeiten Bolesław-Bierut-Platz hieß, wandten die Magdeburger Stadtplaner ebenfalls den Plattenbautyp M86 an, der für den innerstädtischen Wohnungsbau entwickelt wurde. Im Gegensatz zu den Zeilenbauten der 1960er und 70er Jahre entstand hier ein zusammenhängendes Wohnensemble mit Innenhöfen. Gegenüber steht das Universitätshochhaus, das heute noch in Benutzung ist, allerdings mit veränderter Fassade. Die südöstliche Ecke des Platzes ist nach wie vor unbebaut und läßt den Platz unwirtlich erscheinen.

Promenade der Völkerfreundschaft

Als "Promenade der Völkerfreundschaft" wurde das heutige Magdeburger Scheinufer feierlich eingeweiht - ein breiter, mit zahlreichen Kunstwerken bestückter Grünstreifen am Elbufer. Es ist heute kaum vorstellbar, dass sich genau hier vor dem Krieg eines der dicht besiedelstes Stadtgebiete Europas, das sogenannte "Knattergebirge", befand.

 

Quellen

"Städtebau in der DDR 1955-1971", Thomas Topfstedt, VEB Seemann Verlag Leipzig, 1988

"Städtebau in Magdeburg 1945-1990, Teil 2: Baustandorte und Wohngebiete", Iris Reuther, Monika Schulte, herausgegeben vom Stadtplanungsamt Magdeburg

"Hermann Brösel - Magdeburg in Farbfotografien aus den 60er Jahren", Ost-Nordost Verlag Magdeburg, 2015

 

Weitere Informationen zu Magdeburg finden Sie hier:
M10: Ein Plattenbautyp für Magdeburg
Magdeburg in Farbfotografien aus den 60er Jahren