• Stadtvilla am Obersee

    Stadtvilla am Obersee

    Betonsäge statt Abrissbirne

Villa Oberseestrasse © Thomas Hillig Architekten

Eigentlich war das Schicksal des ehemaligen Stasi-Gästehauses in Berlin-Alt-Hohenschönhausen schon besiegelt. Der Plan der Bauherren: Abreißen und auf dem Grundstück mit direktem Zugang zum Obersee einen Neubau errichten. Doch nach näherer Betrachtung schlug der beauftragte Architekt Thomas Hillig etwas vor, was Vertreter seiner Zunft selten machen: Sanierung statt Abriss. Anstelle eines lukrativen Neuentwurfes empfahl er einen Umbau. Denn es zeigte sich, dass die Substanz des zweistöckigen Plattenbaus noch in Ordnung war. Und auch der Grundriss ließ sich leicht an die Bedürfnisse der neuen Bewohner anpassen.

"Das Gebäude war als sogenanntes Reihenendhaus Bestandteil eines, auch im historischen Kontext,
spannenden Ensembles und daher meines Erachtens unbedingt erhaltenswert", so der Berliner Architekt über die Entscheidung, die zwar weniger Geld in die Kassen spülte, aber wichtige Erfahrungen bei der Renovierung des architektonischen Erbes der DDR brachte. Die Auftraggeber stimmten zu und die Verwandlung einer maroden Platte in eine moderne Stadtvilla nahm ihren Lauf.

1974 wurde das Gebäude in seiner ursprünglichen Gestalt fertiggestellt, als eines von drei Reihenhäusern, mit der typischen Kiesel-Waschbeton-Fassade. Zunächst musste die breite, unansehnliche Dachkrempe aus Kunststoff weg. Danach erhielten die Außenmauern durch ein mineralisches Wärmedamm-Verbundsystem eine zusätzliche Haut. Zum Abschluss wurde sie weiß verputzt. Die Fenster wurden durch größere ersetzt und teilweise zu horizontalen Bändern zusammengefasst, in denen sich Glasflächen und Lärchenholzverschalung abwechseln.

Zur Seeseite geöffnet

Zur Straßenseite hin wirkt das Gebäude nun wie ein Kubus mit scharfkantigen Einschnitten. Auf der Seeseite hingegen öffnet sich die Fassade. Schon im Ursprungszustand ermöglichten die bodentiefen Fenster und Türen im Mittelteil den Austritt auf eine Terrasse oder, im Stockwerk darüber, auf den Balkon. Beim Umbau wurden im Erdgeschoss zwei weitere Fenster konventionellen Zuschnittes durch bodentiefe Versionen ausgetauscht. Die dahinter liegenden Räume, ein Teil des Wohnzimmers und die Küche, erhielten damit einen direkten Zugang zur neu gestalteten Terrasse mit Blick auf Garten und See.

Die Küche war der einzige Raum, der im Zuge des Umbaus verlegt wurde, von der Straßenseite in den hinteren Bereich. Ein weiterer größerer Eingriff war die Entfernung eines eingebauten Wandschrankes im Wohnzimmer. Er wurde durch einen wandintegrierten Kamin mit gemauerten Regalen ersetzt.

Viel Energie wurde darauf verwendet, die einzelnen Bereiche im Erdgeschoss zu einem Raumkontinuum zu verwandeln. Mit Hilfe der Betonsäge wurden die vorhandenen Türöffnungen bis zur Decke aufgeschnitten und Innenwände geöffnet, um Schiebetüren einzubauen. Damit wurde aus einer konventionellen Abfolge von Zimmern ein Arrangement von optisch verbundenen Räumen, in das viel Tageslicht fällt und das neue Blickachsen schafft.

Paradebeispiel für gelungene Sanierung

So kommt nun auch ein spezielles Detail des Gebäudes besonders zur Wirkung: Die vier bunten Mosaikfenster, die schon im Originalzustand das nördliche Treppenhaus belichteten. Jetzt ist das Farbenspiel aus Gelb, Violett und Rot auch im Wohnzimmer sichtbar. Denn statt einer üblichen, starren Wand trennt seit der Sanierung eine mobile Glaswand die beiden Räume voneinander.

Neben den bunten Glasmosaiken ist der Marmorboden im Eingangs- und Treppenbereich das einzige weitere Element, das aus dem Ursprungsbau übernommen wurde. Ansonsten wurde im ganzen Haus Stabparkett aus geräucherter Eiche verlegt, die Wände nach dem Verputzen einheitlich weiß gestrichen.

Das Resultat der einjährigen Sanierung: eine Innen wie Außen moderne Stadtvilla mit Seeblick und 245 Quadratmetern Wohnfläche auf zwei Etagen, ein Paradebeispiel für die gelungene Sanierung eines niedriggeschossigen Plattenbaus. Das betrifft auch die Haustechnik. Die gesamte Elektrik wurde erneuert, eine neue Gasbrennwerttherme mit Warmwasserbereitung, Röhrenradiatoren und die eingebauten Holzisolierglasfenster verringern den Energieverbrauch signifikant. Gerade mal 250.000 Euro kostete der Umbau. Das Projekt beeindruckte auch die Jury des Deutschen Bauherrenpreises. Sie zeichnete das Gebäude 2005 für seine vorbildliche Modernisierung aus.