• Suhl

    Suhl

    Kleinste Bezirksstadt im kleinsten Bezirk

 

Ein Bezirk Suhl war zuerst nicht vorgesehen. In den ersten Planungen zur Gründung von Bezirken in der DDR war zunächst nur von Erfurt und Gera die Rede. Dennoch wurde die mittelalterliche Stadt im Thüringer Wald 1952 Bezirksstadt. Ob es an der roten Gesinnung der Suhler lag, die 1920 den Kapp-Putsch niederschlugen, sei dahingestellt. Der Verwaltungsbezirk Suhl war jedenfalls der kleinste mit nur acht Kreisen. Selbst nach massiver Förderung und Ausbau blieb Suhl die bei Weitem kleinste Bezirksstadt mit rund 56.000 Einwohnern in den 1980er Jahren.

In den 1960/70er Jahren erlebte Suhl eine städtebauliche Modernisierung. Das nach sozialistischen Vorstellungen entworfene Stadtzentrum wurde idealtypisch umgesetzt. Ein differenziertes Zusammenspiel aus Solitären, Freiflächen und dem Dombergmassiv im Hintergrund entfaltete seine besondere Wirkung. Wer heute nach Suhl kommt, kann das moderne Bauensemble im Stadtzentrum nur noch erahnen.

Eine neue Stadtmitte

Um die enge, teilweise verfallene Stadtmitte im Lautertal zu einem dem Status einer Bezirksstadt angemessenen Zentrum umzubauen, wurde im kaum kriegszerstörten, mittelalterlichen Suhl radikal abgerissen. Die administrativen und kulturellen Funktionen der Stadt sollten in repräsentativen Neubauten untergebracht werden. Dafür sah die sozialistische Stadtplanung Solitäre, umgeben von großen Freiflächen, vor.

Erste Gesellschaftsbauten entstanden am Ernst-Thälmann-Platz (heute "Platz der Deutschen Einheit"). Das Kulturhaus "7. Oktober", errichtet im neoklassizistischen Stil, wurde 1958 eröffnet, das Haus des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) auf der Westseite des Platzes 1963. Südlich anschließend wurde in Jahren 1964 bis 1966 das Hotel "Thüringen-Tourist", sowie das erste Wohnhochhaus mit dreizehn Geschossen errichtet.

Ensemble rund um die Stadthalle

Die Ergebnisse eines 1966 durchgeführten Wettbewerbs legten den endgültigen Bebauungsplan für das Stadtzentrum der neuen Bezirksstadt fest. Für die Umsetzung dieser Planungen fiel ein noch größeres Gebiet im Zentrum Suhls dem Flächenabriss zum Opfer. Das neugebaute moderne Ensemble wurde im Norden durch eine neue geschwungene Umgehungsstraße begrenzt, die parallel zur Eisenbahntrasse am Fuße des Dombergs verläuft. Die das Zentrum nun dominierende Gebäudegruppe umfasste den Rundbau der Stadthalle, Flachbauten, die unter Anderem das Restaurant Kaluga und eine Wettkampfschwimmhalle beherbergten, sowie zwei Hochhäuser. Die Flachbauten waren so angeordnet, dass sie mit ihren Fassaden eine Art Trichter hin zum Haupteingang der Stadthalle bildeten. Der Rundbau der Stadthalle, errichtet 1969 bis 1973, lag vis-a-vis des Kulturhauses und war damit nördlicher Abschluss des Demonstrations- und Festbereichs. In das Ensemble der neugebauten Solitäre wurde das historische, als Waffenmuseum genutzte Malzhaus mit einbezogen. Der längliche Fachwerkbau wirkte verloren in seiner neuen Umgebung, in der alle Gebäude größer waren und weit entfernt standen.

In den 1990er Jahren wurden die Flachbauten rund um die Stadthalle abgerissen und die Stadthalle selbst umgebaut und mit neuen Anbauten versehen, die kaum an das Ursprungskonzept erinnern.

Centrum Warenhaus

Den westlichen Teil des Zentrums dominierte das Centrum-Warenhaus, 1969 eröffnet, zusammen mit vier der Tallinie folgenden Wohnhochhäusern. In Suhl mussten die Stadtplaner auf Höhendominaten verzichten und die Hochhäuser im Tal anordnen, sodass sie zumindest vor dem Hintergrund des bewaldeten Dombergs wirkten, ohne den Blick auf den Wald zu verstellen.

Den Standort für das Centrum Warenhaus hatten die Stadtplaner so gewählt, dass es sowohl an den historischen Straßenzug Steinweg, der zur Fußgängerzone erklärt wurde, mit Markt angebunden war, als auch an das neue Zentrum. Das Gebäude wurde zum Verbindungsglied der auf unterschiedlichen Ebenen liegenden Stadtbereiche mit einer Erschließung im Sockelbereich vom neuen Zentrum her, sowie einem Eingang im Erdgeschoss auf Höhe des Steinwegs. Außerdem umgab eine auf Höhe des Steinwegs gelegene Fußgängerebene mit Freitreppe zum neuen Zentrum den Kubus. Die Dachfläche des Warenhauses wurde als fünfte Fassade behandelt und dementsprechend gestaltet: mit einer Kundenterrasse, sowie einem Kindergarten mit außenliegenden Spielflächen und Planschbecken. Das Gebäude des Centrum Warenhauses wurde 2006 abgerissen.

Stadthalle der Freundschaft

Als gebautes Zeugnis deutsch-sowjetischer Freundschaft wurde am 7. November 1972 die Stadthalle der Freundschaft eröffnet, errichtet nach dem Vorbild der Jubiläumshalle in Leningrad. Dass Leningrader Ingenieure sich in Suhl einbringen durften, wurde von höchster Stelle genehmigt - vom Zentralkomitee und dem Präsidium des Ministerrats, die 1968 den Wettbewerbsentwurf bestätigten.

Das Gebäude wurde aus zwei voneinander unabhängigen, selbstständigen Konstruktionen errichtet, die bis auf den Baugrund voneinander getrennt waren. Die Besonderheit der Halle bildete die Seilnetz-Binder-Konstruktion für das Dach. Ihre 36 außenstehenden Stahlstützen ermöglichten ein stützenfreies Gestalten des runden Saalbaus. Dieser erstreckte sich über drei Ebenen und bildete den Mittelpunkt der Halle. Sowjetische Ingenieure und Architekten entwarfen und montierten die Dachkonstruktion und die tragenden Elemente der Außenhülle. Die innere Struktur wurde in Stahlbetonskelettbauweise aus vorgefertigten Elementen errichtet, Decken- und Wandscheiben stabilisierten das teilweise über fünf Geschosse gehende Skelett. Die angeschlossenen "Flügelbauten" bilden mit ihren schräg stehenden Fassaden den Vorplatz und Eingangsbereich der Stadthalle.

Suhler Wohngebiete

Suhl sollte wachsen. Neue Industrien wurden in den 1950er Jahren angesiedelt, damit wuchs der Bedarf an Wohnraum rasant. Die ersten einhundert Neubauwohnungen wurden in der August-Bebel-Straße im Stadtzentrum errichtet, dem folgten größere Wohngebiete, wie das von 1954 bis 1960 errichtete Gebiet "Schmiedefelder Straße" mit 1.870 Wohnungen. Plattenbauten gab es zuerst 1961, als die "Aue I" westlich des Stadtzentrums bebaut wurde. Die dort 1964 fertiggestellten 1.000 Wohnungen wurden als vier 10-geschossige Wohnhäusern in industrieller Bauweise und mit Fernheizung ausgeführt.

Weitere Fortschritte im industriellen Bauen zeigten sich beim Wohngebiet "Döllberg". Mit sichtflächenfertiger Außenhaut und Küchen-Bad-Kern baute man hier weitere 1.000 Wohnungen. Neuerung im Wohngebiet "Schwarzwasserweg" mit seinen 1.400 Wohnungen: es verfügt über einen begehbaren Sammelkanal, der erstmals in der DDR gebaut wurde und alle Versorgungseinrichtungen vereinte.

1970 bis 1975 verbanden die Stadtplaner das Suhler Zentrum mit der "Aue I" , das neue Wohngebiet tauften sie kurzerhand "Aue II". Die 1.600 Wohnungen wurden als fünf- und elfgeschossige Wohnscheiben errichtet. Ein weiteres Wohngebiet entstand im Osten der Stadt, am Fuße des Ringbergs. 1979 konnte das Gebiet "Ilmenauer Straße II" mit 2.800 Wohnungen fertiggestellt werden.

Das mit Abstand größte Wohngebiet Suhls war Suhl-Nord, das mit seinen 6.000 Wohneinheiten auf einem Hügel nördlich der Innenstadt lag. 15.000 Menschen lebten hier Ende der 1980er Jahre. Die Baukörper zeichneten mit ihrer geschwungenen Form die Geländelinien des Höhenzugs nach. Heute sind die meisten Wohngebäude bereits abgerissen, bis 2035 soll der Standort geräumt sein und dann in ein Gewerbegebiet verwandelt werden. Ziel der heutigen Stadtplanungspolitik ist die Konzentration auf das Stadtzentrum und die Senkung der Infrastrukturkosten für die nach der Wende um ein Drittel geschrumpfte Bevölkerung.

Umgestaltung Mühltorstraße

Als nördlicher Abschluss des Stadtzentrums wurde in den Jahren 1984 bis 1986 die Häuserzeile Mühltorstraße errichtet. Die schlechte Bausubstanz der für das alte Suhl charakteristischen zwei- bis dreigeschossigen Fachwerkhäuser machte es notwendig, einen Großteil der ursprünglichen Bebauung abzureißen. Einige erhaltenswerte Wohnhäuser wurden saniert und die Neubauten an deren Struktur und Maßstäblichkeit angepasst.

Da die Situation am Hang des Dombergmassivs sehr beengt war, mussten für diesen Standort spezifische Gebäudesegmente projektiert werden. Sie wurden als viergeschossige Wandbauten mit Mansarddach in Querwandbauweise ohne Unterkellerung ausgeführt. Die mit einem Mansarddach versehenen, verglasten Loggien sollten "in zeitgemäßer Form eine Verbindung zu dem traditionellen Südthüringer Fachwerksbau aufnehmen" (Zitat des projektleitenden Architekten Ulrich Möckel). In diesem Straßenabschnitt wurde industrieller Neubau, traditioneller Neubau und die Sanierung von Altbauten parallel realisiert.

Die Erfahrungen aus dem Projekt Mühltorstraßen flossen in weitere Altstadtprojekte ein. Auf Grundlage des WBS 70 und des "Vereinheitlichten Elementesortiments" schufen die Architekten 1986 vier neue Bauserien für den Bezirk Suhl: WBR S 84 zentralbeheizt, WBR S 84 ofenbeheizt, WH Würfelhaus Suhl, sowie die Serie WÄB, Wohnhaus für ältere Bürger. Diese wurden unter Anderem in der nördlichen Rimbachstraße im Stadtzentrum angewendet, aber auch in anderen Städten im Bezirk, sowie in Berlin.

Kunst am Bau