• Ulrich Müthers Schalenbauten

    Ulrich Müthers Schalenbauten

    Schwungvoll in die Zukunft

Sie faszinieren, beschwingen, begeistern – die scheinbar fliegenden Dächer des Rügener Baumeisters Ulrich Müther. In Wohnvierteln und Stadtzentren der DDR bildeten Müthers skulpturale Gebäude einen Kontrapunkt zum rechten Winkel der Plattensiedlungen.

Lange von der Fachwelt ignoriert, sind viele der schwungvollen Betonbauten mittlerweile saniert und/oder stehen unter Denkmalschutz. Der Teepott in Warnemünde und der Rettungsturm in Binz zählen zu Müthers Ikonen.

Fliegende Dächer

Aufsehen erregte ein luftiges Gebäude für die Ostseemesse 1966 in Rostock-Schutow: geplant in Zusammenarbeit mit dem Rostocker Architekten Erich Kaufmann, führte Ulrich Müther die zwei zueinander versetzt angeordneten Hyparschalen mit seinem eigenen Baubetrieb, der Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PHG) Bau Binz aus – 20 mal 20 Meter weit, stützenfrei, bei einer Betonstärke von lediglich sieben Zentimetern. Wie machte er das?

Das besondere an Ulrich Müther war seine Genialität als Ingenieur, gepaart mit dem handfesten Realitätssinn als Leiter eines Baubetriebs.

Er war Baumeister im wahrsten Sinne des Wortes: Ulrich Müther hat seine Betonschalen mathematisch konstruiert und ingenieurmäßig berechnet, anhand von Modellen und Versuchsobjekten experimentell erforscht, Formen architektonisch entworfen, Kosten kalkuliert und sie mit seinem Baubetrieb handwerklich hergestellt. Damit hatte er volle Kontrolle über die Qualität seiner Bauwerke von der Idee bis zum Ausschalen. Das kann kein anderer Schalenbauarchitekt von sich sagen.

Ideologische Grundlagen

Betonschalenkonstruktionen faszinierten Architekten und Ingenieure bereits seit den 1920er Jahren. Den Höhepunkt der Entwicklung bildeten in den 1950ern Bauten von Architekten wie dem Spanier Felix Candela in Mexico, Heinz Isler in der Schweiz und Luigi Nervi in Italien.

Zu dieser Zeit war die DDR noch dem architektonischen Konzept der „Nationalen Tradition“ verhaftet. Hier brauchte man ein bisschen länger, Schwung in die Architektursprache zu bringen, ging es doch um die ideologische Akzeptanz freier Formen.

Mit dem Umschwenken auf das industrialisierte Bauen wurde dann gleichzeitig die besondere Rolle der Zentrumsgestaltung betont. Leitende Stadtplaner plädierten für das „Einmalige und Virtuose“, im Kontrast zur gewollten Gleichförmigkeit.

Ein gutes Argument für die Betonschalenkonstruktionen war sicherlich auch das Kosten-Nutzen-Verhältnis: große Flächen konnten bei geringem Materialaufwand stützenlos überspannt werden. Dass die schlanken, schwungvollen Schalen gleichzeitig als Zeichen des Fortschritts galten, tat ein Übriges.

Mit der Saalüberdachung des „Hauses der Stahlwerker in Binz auf Rügen“ wurde 1964 die erste Hyparschalenkonstruktion der DDR erstellt. Hier konnte Ulrich Müther seine Diplomarbeit umsetzten und begann sein großartiges Werk als Ingenieur und Baumeister.

Variationen mit Hyparschalen

Hyparschalen ist die Kurzbezeichnung für zweifach gekrümmte Flächen: die hyperbolischen Paraboloide.

Das Verblüffende an diesen kompliziert wirkenden, geschwungenen Formen ist, dass sie sich aus Geraden bilden lassen. Und das war wiederum gut für den Herstellungsprozess von Müthers Betonschalen, konnten doch die Schalungen für die Bauwerke aus einfachen, zehn Zentimeter breiten Brettern hergestellt werden.

Auch die Bewehrungsstähle im Inneren folgten den geraden Linien zwischen den windschiefen Kanten, während der aufgespritzte Beton der geschwungenen Großform folgte. Damit konnten sehr dünne Dachflächen mit großer Spannweite stützenlos errichtet werden.

Diese lagen nicht auf Wänden auf, sondern trugen sich selbst. Die Beton- und Stahlmengen, sowie das Gewicht der Gesamtkonstruktion, wurden bei einer Schalendicke von sechs bis sieben Zentimetern, die Müther meist erreichte, minimiert.

Als Müthers VEB Spezialbetonbau Rügen 1967 eine Betonspritzmaschine aus Westdeutschland geliefert bekam, konnte er den Arbeitsaufwand weiter reduzieren und die Qualität verbessern. Erster Einsatzort war die vierte Schale der Mehrzweckhalle Rostock Lütten-Klein.

Die Betonierer in Müthers Betrieb wurden Meister im sogenannten Torkretverfahren, was zu hochangesehenen Auslandprojekten, wie Planetarien in Wolfsburg, Tripolis, Vantaa/Finnland und Al-Kuwait führte.

Sandspiele

Ulrich Müther war stets auf der Suche nach dem Optimalen: größere Spannweiten, dünnere Betonschichten und weniger, oder, wenn möglich, gar keine Schalung.

Für den Rettungsturm in Binz stellte er mit seinem Baubetrieb erst eine positive Form aus Sand her, die nur im Randbereich geschalt war. Darauf gossen sie das Negativ ab, das dann als Form für alle weiteren Schalen diente.

Ober-und Unterteile wurden jeweils separat hergestellt und dann auf der Baustelle per Kran zusammengesetzt. Der zweite Rettungsturm, 1981 errichtet und heute Publikumsliebling in Müthers Werk, wird 2017 durch die Wüstenrotstiftung saniert.

Heimatgefühl durch kühne Konstruktion

Für Architekten lag die Herausforderung beim Bauen mit Hyparschalen darin, die Gesamtform innen und außen wirken zu lassen. Einbauten störten den Gesamteindruck, sodass für die je nach Nutzung benötigte Nebenräume eine kluge Lösung gefordert war. Bei der Stadthalle in Neubrandenburg wurden diese an den vier Ecken des Gebäudes positioniert und deren Dächer nach außen hin abfallend ebenfalls als hyparbolisch gekrümmte Flächen gestaltet.

Die zu erschaffende Stadthalle selbst sollte „kühn sein, von origineller Form und einen wirksamen Beitrag zur Entwicklung eines unverwechselbaren Stadtbildes und damit zur Vertiefung des Heimatgefühls leisten.“ Und natürlich Großveranstaltungen jeglicher Art, vom Sport, über die Politik bis zum Tanz und Ausstellungen, einen angemessenen Rahmen bieten.

Zu diesem Zweck entwarf Ulrich Müther in Zusammenarbeit mit dem Architekten Karl Kraus eine zeltartige Struktur, deren Grundelement die gekippte Hyparschale sein sollte, die kurz zuvor an Gaststättenbauten in Glowe und Hohenfelden erprobt wurde.

Die Planer verbanden vier dieser Hyparschalen gleicher Abmessung durch Oberlichtbänder zu einer stützenfreien, geschwungenen, zur Mitte hin aufstrebenden Dachkonstruktion. Blickfang bei diesem, wie bei zahlreichen anderen Projekten, bilden die markanten, diagonal verschränkten Druckstreben aus Beton. Die vorgespannten Zuganker unter dem Hallenboden, die die Kräfte aufnehmen, bleiben dem Betrachter verborgen.

Verfall, Abriss und Anerkennung

Zu DDR-Zeiten hoch gelobt, seine Bauten ein Aushängeschild des fortschrittlichen sozialistischen Staates und er selbst Deviseneinbringer durch zahlreiche prestigeträchtige Aufträge im Ausland, geriet Ulrich Müther nach der Wende schnell in Vergessenheit.

Seine Bauten standen oft jahrelang leer, einige wurden einfach abgerissen. Das änderte sich erst mit der öffentlichen Kontroverse um das „Ahornblatt“ in Berlin im Jahr 2000, als es darum ging, das seit 1995 denkmalgeschützte Gebäude, eine ehemalige Großgaststätte, vor dem Abriss zu retten.

Das Ahornblatt fiel den Baggern zum Opfer, doch viele andere Bauten konnten seitdem gerettet und zu neuem Leben erweckt werden. Das gute an Müthers Bauten: die Betonschalen sind erstaunlich robust. Sie trotzen Wind und Wetter, auch wenn die Fassaden und Einbauten darunter schon verrottet sind.

Für den Schwung sind Sie zuständig

Innerhalb von 30 Jahren hat der „Landbaumeister von Rügen“, wie Ulrich Müther sich selbst gerne bezeichnete, über 50 Schalenkonstruktionen geplant, gerechnet, modelliert und gebaut. Er hat mit herausragenden und mittelmäßigen Architekten der DDR zusammengearbeitet und einige international renommierte Projekte geschaffen.

Im Dokumentarfilm „Für den Schwung sind Sie zuständig“, den die Regisseurin Margarete Fuchs 2003 mit Ulrich Müther gedreht hat, sagte er:

„Die Schale ist das Nonplusultra auf unserem Gebiet und vielleicht überhaupt bei den Tragwerken, weil es eine ganz rationelle Art ist, Kräfte abzuleiten. Und da hab ich mich dem Kompliziertesten zugewandt. Und das war dann eine doppelt gekrümmte Schale mit negativer Gauß'scher Krümmung.“

Genau das war seine Meisterschaft, komplizierteste Formen einzusetzen, um mit minimalem Materialeinsatz und großem handwerklichem Können elegante Architektur zu schaffen.

 

Quellen

Ulrich Müther Schalenbauten in Mecklenburg-Vorpommern, Rahel Lämmer, Michael Wagner, Niggli-Verlag, 2010, überarbeitet 2015

Stadthalle Neubrandenburg, Karl Kraus, in „Deutsche Architektur“, 1970

Materiality and Architecture, Sandra Karina Löschke (Hrsg.), Rutledge-Verlag, 2016

Für den Schwung sind Sie zuständig, Dokumentarfilm von Margarete Fuchs, 2003