• „Variables Wohnen“

    „Variables Wohnen“

    Wilfried Stallknecht und das „Variable Wohnen“

Wilfried Stallknecht ist in erster Linie für die Konzeption des Plattenbau-Typs P2 sowie des Bautyps WBS 70 bekannt. Zeit seines Lebens beschäftigte er sich jedoch auch mit Innenarchitektur und Möbeldesign.

Für Stallknecht entspringen alle seine Entwürfe denselben gestalterischen Grundlagen: „Möbel und Plattenbauten lassen sich auf die gleiche Denkweise zurückführen: Aus vorgefertigten, flächigen Elementen werden räumliche Gebilde zusammengesetzt, die dem Wohnen dienen – das eine als Objekt im Raum, das andere als Gehäuse“, erklärte er 2003 in der taz.

Nicht nur die gestalterischen Grundlagen sind für Stallknecht identisch. Ebenso wie die Architektur sollten von seinen Ideen für ein „variables Wohnen“ Impulse für ein neues Zusammenleben ausgehen.

„Neues Leben – neues Wohnen“

Als 1963 der erste Bau des P2-Typs in Berlin-Fennpfuhl fertig gestellt wurde, ging es somit nicht nur um ein neuartiges architektonisches Konzept. Auch die Ausstattung der Wohnungen stand auf der Agenda.

Stallknecht richtete mit anderen Gestaltern 15 Musterwohnungen ein, Titel der Ausstellung: „neues Leben – neues Wohnen“. Anstelle massiver Möbel mit historisierenden Details und voluminösen Polstern sollten geradlinige und auf das Wesentliche reduzierte Einrichtungen eine neue Ära markieren und das private Leben der Zukunft bestimmen.

Eines der auffälligsten Objekte war die Durchreiche zwischen Küche und Wohnzimmer. Dieser Hybrid aus Wand und Möbel bestand aus einem geschlossenem Sockel und einer fenstergroßen Vitrine mit Glasschiebetüren zu beiden Seiten. Dies ermöglichte nicht nur das Durchreichen von Geschirr und Essen, sondern auch den Sichtkontakt und die Kommunikation zwischen Küche und Wohnzimmer. Zudem fiel durch das Glas natürliches Licht in den auf ein Minimum beschränkten Küchenbereich.

Die Durchreiche konnte realisiert werden, da Stallknecht für den P2 Spannbetondecken mit einer Weite von sechs Metern konzipierte. Somit war keine tragende Wand zwischen Küche und Wohnzimmer notwendig und er konnte hier die Durchreiche platzieren.

Hinter dem Grundriss, der die Küchenfläche auf gerade einmal 4,4 qm reduzierte, stand das Ideal der berufstätigen Frau. Hauptmahlzeiten, so die Vorstellung, würden in Zukunft entweder in Gemeinschaftsküchen und Restaurants zubereitet und konsumiert oder per Lieferdienst gebracht.

 

Auch die optische Verbindung zwischen der Küche und dem Wohnraum stand, ebenso wie die Essecke im Wohnzimmer, im Dienst eines „neuen Lebens“. Die üblicherweise nach Funktionen getrennten Bereiche lösten sich in einem Raumkontinuum auf, das spontane Kommunikation und ein zwangloses Miteinander ermöglichte sollte.

Dafür sollte auch das leichte, moderne Mobiliar sorgen, das ohne Mühe neu arrangiert werden konnte – Ausdruck eines dynamischen, von der Historie entlasteten Lebensstils.

Variables Wohnen

1969 präsentierten Wilfried Stallknecht und Rudolf Horn auf der Leipziger Messe zwei Einrichtungen unter dem Motto „Variables Wohnen“. Hier wurde die Trennung von Kochen und Wohnen noch radikaler vollzogen: Anstelle der Durchreiche trennte nur noch eine Theke die Bereiche.

Stallknecht entwickelte für die Ausstellung seine Idee der Fusion von Wand und Möbel weiter, diesmal in Form von Schrankwänden. Die Innovation lag nicht darin, dass standardisierte Module individuelle Lösungen ermöglichen sollten. Diesen Ansatz hatte Rudolf Horn bereits zwei Jahre vorher mit seinem System „Montagemöbel Deutsche Werkstätten (MDW) ebenfalls auf der Leipziger Messe vorgestellt.

Während Horns System jedoch konventionell vor die Wand gestellt wurde, war Stallknechts Idee, Wände durch Schränke zu ersetzen. Ein Grund für diese Lösung: Für seine Wohnungen sah Stallknecht eigentlich leicht entfernbare Zwischenwände vor, die den Wohnungen ein hohes Maß an Variabilität ermöglichen sollten.

Meist jedoch wurden jedoch massive, schwer entfernbare Zwischenwände eingebaut, da diese günstiger waren. Durch die Schranktrennwände hingegen hätten die Bewohner die räumliche Aufteilung der Wohnung weitgehend frei gestalten können.

Wandlungsfähigkeit von Räumen

Stallknechts Plädoyer für flexible Grundrisse erklärt sich auch aus seiner Biographie. Als er sechs Jahre alt war, erwarb sein Vater eine leer stehende Möbelfabrik im sächsischen Geringswalde. Die Familie richtete eine Etage als Wohnung ein. Die einzelnen Räume wurden durch flexible Einbauten voneinander getrennt. Die Aufteilung wurde bei Bedarf verändert, etwa bei Nachwuchs, als aus einem Kinderzimmer zwei wurden.

Für Wilfried Stallknecht war diese Erfahrung nach eigenen Angaben prägend. So habilitierte er 1982 über die „Wandlungsfähigkeit von Räumen" und schrieb, „dass Variabilität und Wandlungsfähigkeit wesentliche Gebrauchswerteigenschaften von Wohnungen sind.“ 

SELIO

Auch in seinen Entwürfen für Sitzmöbel äußert sich das Ideal der Variabilität. Bereits 1962 hatte Stallknecht für seine eigene Wohnung im P2-Musterbau ein Möbel entworfen, das sich von einem Sessel in eine Liege verwandeln konnte.

Seit den Neunzigerjahren beschäftigt er sich mit dem Nachfolger SELIO. Das Akronym aus Sessel, Liege und Ottomane erklärt das Prinzip: Mit wenigen Handgriffen lässt sich die Funktion des Möbels verändern. SELIO wurde bislang als Einzelanfertigung in unterschiedlichen Varianten hergestellt.

Quellen:

  • Engler, Harald, Wilfried Stallknecht und das industrielle Bauen. Ein Architektenleben in der DDR, Berlin 2014
  • Kat. Ausst. "Entwerfen im System. Der Architekt Wilfried Stallknecht", Brandenburgische Universität Cottbus 2009, Cottbus 2009