Belgrad

Schaukasten der Moderne

Belgrad

In Belgrad sind die Plattenbauten ausgefallener, exzentrischer und innovativer als anderswo in Europa.

Unter den Verwaltungs- und Nutzbauten, die zur Zeit des sozialistischen Jugoslawiens entstanden sind, finden sich einige der originellsten modernen Gebäude der Nachkriegszeit.

Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien gab es nur 46 Jahre lang, in etwa so lang, wie die DDR. In diesem Zeitraum wurde die durch den Zweiten Weltkrieg gebeutete Hauptstadt Belgrad wiederaufgebaut und durch einen komplett neuen Stadtteil – Novi Beograd/Neu-Belgrad - erweitert. Hier schufen jugoslawische Architekten, die oft in Westeuropa oder den USA studiert und/oder gearbeitet hatten, einen Schaukasten moderner Architektur.

Hauptstadt im Niemandsland

Neu-Belgrad (Novi Beograd) sollte am linken Ufer des Sava-Flusses entstehen, das jahrhundertelang Sumpfgebiet war. Im Norden von der Donau begrenzt, einen Steinwurf entfernt von der Altstadt Belgrads, dem Zentrum der einstigen Monarchie Jugoslawiens, wurden hier ab Ende der 1940er Jahre konkrete Pläne für die neue Hauptstadt des sozialistischen Jugoslawiens entwickelt.

Neu-Belgrad sollte den übernationalen Charakter der neuen Gesellschaft repräsentieren, die sich aus den Republiken Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro, Mazedonien und dem Kosovo zusammensetzte. Das jugoslawische Projekt wurde als etwas ganz besonderes gesehen, politisch und ideologisch handele es sich um einen Sozialismus der Selbstverwaltung. Etwa 100.000 Jungbrigadiere arbeiteten von 1948 bis 1951 daran, das Sumpfgebiet, auf dem Neu-Belgrad errichtet werden sollte, mit reiner Körperkraft trockenzulegen. Sie bauten außerdem die Infrastruktur für die neue Stadt.

Vom Kreis zum Schachbrett

Der erste, radial angelegte Plan für Neu-Belgrad, vorgeschlagen durch den Architekten Nikola Dubrović, enthielt kurioser Weise nur Verwaltungsgebäude und gar kein Wohnen. Nach mehreren Wettbewerben für die Gestaltung der prominentesten Gebäude kristallisierte sich heraus, dass der radiale Plan zugunsten eines Schachbrettmusters aufgegeben werden sollte. 1948 arbeitete Dubrović schließlich den neuen städtebaulichen Plan aus.

Die gesamte Architekturwelt schaute damals auf Belgrad, denn solch ein imposantes Neubauprojekt gab es sonst nirgends. War das Märkische Viertel in West-Berlin, gebaut in den 1960er Jahren auf 400 Hektar Land, eine wahrhaft große Großwohnsiedlung, so war Neu-Belgrad gigantisch, weil flächenmäßig zehnmal so groß - der Neubau einer kompletten Stadt auf der grünen Wiese. Zudem wurde das Projekt von rein jugoslawischen Institutionen gestemmt. Das Personal stammte von den drei großen Architekturschulen in Belgrad, Zagreb und Ljubljana.

Regierungsbauten

Die beiden zentralen Regierungs- und Parteigebäude des jungen jugoslawischen Staates sollten zugleich monumental und repräsentativ sein. So entstand der Präsidentenpalast als ein modernistischer Flachbau, während das Gebäude des Zentralkomitees erst viele Jahre später als 24-geschossiger, gläserner Turmbau errichtet wurde. Dieser wurde von NATO-Bomben im Balkankrieg stark beschädigt und erst 2005 als Geschäftsgebäude „Ušće Tower“ wieder hergestellt (Ušće heißt Zusammenfluss oder Einmündung von zwei Flüssen auf Serbisch). Er ist nach wie vor das höchste Gebäude Belgrads.

Die Bauarbeiten in Neu-Belgrad begannen 1948/49 mit dem Gebäude des Präsidentenpalastes, geplant von einem Architektenteam aus Zagreb, das 1947 den ersten Preis beim Wettbewerb erhielt. Der Gebäudekomplex wurde jedoch erst 1961 durch den Architekten Mihajlo Janković fertiggestellt. Zwischenzeitlich als „Rat der Föderativen Exekutiven“, dann ab 2003 als „Palast der Föderation“ bezeichnet, wird er seit Auflösung der Staatenunion im Jahr 2006 „Palast Serbiens“ genannt. Als erstes und dominantes Gebäude beeinflusste dieser Bau den weiteren Städtebau Neu-Belgrads, da sich alle anderen Gebäude unweigerlich auf dieses bezogen.

Richtungswechsel

Um 1950 endete der Planungs- und Bauprozess Neu-Belgrads abrupt. Jugoslawien löste sich von Moskau und stieg aus dem Block kommunistischer Staaten aus. Eine Umorientierung, auch in Städtebaufragen, stand an. 1960 wurde ein neuer Plan veröffentlicht, der „Plan für die zentrale Zone von Neu-Belgrad“. Das war die Umsetzung der CIAM-Ideale und des Städtebau nach Le Corbusier „vom Feinsten“: Öffentliche und kommerzielle Gebäude sollten ins Zentrum, die Wohngebäude mit einem verordneten Abstand von drei Blocks entfernt. Das entsprach in etwa 1,2 Kilometern. An diesem Plan wurde festgehalten, und das zu einer Zeit, als die Planer in anderen Ländern sich bereits von der radikalen Moderne lösten.

In den 1960er und 70er Jahren, als Neu-Belgrad fertiggebaut wurde, war die ideologische Bestimmung des Ortes bereits verschwommen und von der Idee der neuen Hauptstadt blieb nicht viel. Seine neue Bestimmung war es, das gigantischste Wohnviertel Belgrads zu werden, auf Grundlage des Bebauungsplans von 1962, der die städtebaulichen Parameter auswies. Als „leere Karte“ zeigte der Plan ein Raster von Wohnblocks, die erst später nach und nach architektonisch ausgearbeitet wurden. Obwohl das Zentrum (die „Zentrale Zone“) Neu-Belgrads als erstes in einem Wettbewerb ausformuliert war, wurde dessen Umsetzung immer wieder verschoben, bis die notwendigen Technologien entwickelt waren. Wie auch in vielen ostdeutschen Städten wurden die Planungen an die logistischen Rahmenbedingungen des Plattenbaus angepasst (crane urbanism), indem die Mitte und die Räder jedes Blocks freigehalten wurden, sodass der Kran die im Zentrum gelagerten Baumaterialien verteilen konnte. Der erste Block (Block 21) im Zentrum wurde schließlich im Jahr 1966 fertiggestellt. Bis 1981 wuchs die Zahl der Einwohner Neu-Belgrads auf 173.000, heute leben über 200.000 Menschen auf dem Gebiet links der Sava.

Exportschlager Platte

Obwohl schon seit Mitte der 1940er Jahre geplant wurde, nahm das industrielle Bauen im sozialistischen Jugoslawien erst 1955 Form an, mit der Auslobung eines staatlichen Wettbewerbs für neue Typologien des industriell gefertigten Wohnungsbau. Man strebte den puren Plattenbauten an, doch die äußeren Umstände führten zur einer halb-vorfabriziere Bauweise. Denn nur sehr leichte, vorgefertigte Strukturen konnten auf dem sumpfigen Baugrund verwendet werden und das Design der Gebäude musste dem weichen Untergrund ebenfalls Rechnung tragen. Die Gebäude Neu-Belgrads sind im Schnitt 30 Prozent leichter, als andere Plattenbauten. So sollte Mauerwerk in Belgrad immer ein Bestandteil des Wohnungsbaus bleiben.

IMS Žeželj und Jugomont waren zwei Bausysteme, die in Jugoslawien entwickelt wurden. 1957 führte der Ingenieur Branko Žeželj ein vorgespanntes Skelettsystem mit vorgefertigten Stützen und Deckenplatten ein. Im Laufe der kommenden Jahre verbesserte er das System in Zusammenarbeit mit dem Serbischen Institut für Materialtests (IMS). Das System IMS Žeželj war nicht nur in Jugoslawien weit verbreitet, sondern auch ein Exportschlager: Mehr als 150.000 Wohnungen in Italien, Ungarn, Kuba, Angola und den Philippinen wurden damit errichtet.

 

Quellen

  • „Novi Beograd oder die Hauptstadt von Niemandsland“, Ljiljana Blagojević, aus: Stadtbauwelt 36/2004
  • „Mass Heritage of New Belgrad: Housing Laboratory and So Much More”, Jelica Jovanović, aus: Periodica Polytechnica Architecture, 48/2017
  • “Networks and Crossroads: The Architecture of Socialist Yugoslavia as a Laboratory of Globalization in the Cold War”, Martin Stierli, aus: Toward a Concrete Utopia - Architecture in Yugoslavia, 1948–1980, Museum of Modern Art, New York, 2018

 

Redaktion: Anja Thompson