Plattenbauten in Frankreich

Moderne Politik, moderne Architektur

Plattenbauten in Frankreich

Aulnay-sous-Bois, Clichy-sous-Bois, Marseille-La Viste, Toulouse-Le Mirail – das sind Standorte der berühmten Grands Ensembles, die in den 1950er und 1960er Jahren errichtet und unverzüglich auf den Seiten der französischen Architekturzeitschriften präsentiert wurden – als „heroische“ Beispiele einer neuen Annäherung an Wohnen, Architektur und Stadt.

Heute randalieren Jugendliche in den Großstädten Frankreichs – schuld daran sei die verfehlte Architektur der Großsiedlungen, in denen die Menschen unter unhaltbaren Zuständen hausten, sagt die französische Presse.

Dass der bloßen Architektur in den urbanen Milieus Frankreichs eine so große Verantwortung und politische Bedeutung beigemessen wurde, dürfte keine Überraschung sein. Schließlich hatte die Architektur in der Nachkriegszeit eine machtvolle neue Rolle gegenüber der Gesellschaft beansprucht – nicht als Ergebnis eines internen Diskurses unter Meisterarchitekten, sondern vielmehr als Resultat großer kultureller, sozialer und politischer Veränderungen, die nicht nur die Bauprogramme transformierten, sondern, wichtiger noch, der modernen Architektur und Stadtplanung eine neue Bedeutung zuwiesen.

Die neue Rolle der Architektur lässt sich nur im Zusammenhang mit dem großangelegten – vom Staat und von der Marktwirtschaft vorangetriebenen Modernisierungsprojekt verstehen, mit dem man die vom Krieg und der deutschen Besatzung angerichtete Verwüstung des Landes in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zu beheben gedachte. Die hochgesteckten Modernisierungsziele, die Crise de logement (Wohnungskrise) und die Verbreitung moderner Wohnideale schufen den Rahmen, innerhalb dessen Architektur und Stadtplanung, insbesondere der Wohnungsbau, im Nachkriegsfrankreich einen neuen Status erlangten.

Modernisieren durch Architektur

Dass der Architektur eine solche Schlüsselrolle bei der Modernisierung des Landes zukam, war kein Zufall. Die Überzeugung, Architektur könne als ein Bindeglied zwischen den verschiedenen Maßstabsebenen der Modernisierung fungieren, war weit verbreitet. Sie galt als die ideale Vermittlerin zwischen dem menschlichen Maßstab und dem größeren, das Modernisierungsprojekt kennzeichnenden Maßstab von Infrastruktur und Technik und konnte Formen und Figuren zur Überbrückung der unterschiedlichen Planungsniveaus bereitstellen.

Darüber hinaus wurde in der französischen Politik die Nachkriegswohnung als der Ort verstanden, wo Technik auf vielschichtige Weise, d. h. als Produkt, Prozess und Umgebung, in das Alltagsleben eindrang. Vielfältige moderne Geräte (Maschinen, Haushaltsgeräte) waren hier versammelt und wurden zueinander in Beziehung gesetzt, die neuen Massenmedien (Fernsehen), aber auch Entwicklungen in den Bereichen Energie (Gas, Elektrizität), Transport (Automobil) und Kommunikation (Telefon) wurden zusammengeschlossen und zu einem täglichen Bestandteil eines Lebens voller Wohlstand.

Staatliche Geldspritze

Seit den 1950er Jahren investierte der französische Staat gewaltige Summen in den Bausektor und schuf finanzielle und verfahrensrechtliche Anreize zur Förderung des Wohnungsbaus. Die Trente Glorieuse (die 30 „glorreichen“ Jahre nach dem Krieg) werden durch verschiedene aufeinanderfolgende staatliche Planungs- und Wohnungsbauprogramme und -kampagnen charakterisiert. Von daher werden sie automatisch gleichgesetzt mit der Zeit der Grands Ensembles, der Großsiedlungen, die infolge der subventionierten Darlehen an Organisationen des öffentlichen Sektors an der Peripherie französischer Städte wie Pilze aus dem Boden schossen. Gegen Ende der 1960er Jahre waren insgesamt sechs Millionen neue Wohnungen gebaut worden.

Experimentelle Großbaustellen

Der Wohnungsbau galt – nicht nur für den Staat, sondern auch für Arbeitgeber und Verbände – als einer der Hauptsektoren, in dem sich neue Formen der industrialisierten Produktion testen ließen. Er bot die Möglichkeit, traditionelle Arbeiter, die eine ganzheitliche Handwerksarbeit lieferten, durch moderne Facharbeiter zu ersetzen, die sich auf spezifische Teile einer solchen Arbeit konzentrierten. Die neu aufgeworfene Frage des industriellen Bauens erregte enorme Aufmerksamkeit und renommierte Architekten wie Le Corbusier, Marcel Lods, Bernard Zehrfuss und Eugène Beaudouin beteiligten sich an den Grands Chantiers Expérimentaux.

Französischer Plattenbau

Die experimentellen Großbaustellen gipfelten 1956 in der Opération 4.000 Logements pour la Région Parisienne, einem Programm zur Einführung und zum Test innovativer Vorfertigungsmethoden im großen Maßstab. Unter Anwendung der patentierten Technik der Großtafelbauweise des Ingenieurs Raymond Camus errichtete SERPEC insgesamt 110 Wohnblocks im Pariser Raum. Das Procédé Camus begann mit der klaren Prämisse, dass große, unter Fabrikbedingungen gegossene Betonplatten ein hohes Maß an Fertigungskontrolle gewährleisteten. Von daher konnte Camus behaupten, dass seine vorgefertigten Tafeln in Sachen Toleranz und Oberflächenbeschaffenheit eine dermaßen hohe Qualität aufwiesen, dass man keines der herkömmlichen Ausbaugewerke mehr benötigte. Das Procédé Camus machte die traditionellen Fertigkeiten des Bauens überflüssig. Außerdem beseitigte es die Rotation der verschiedenen Gewerke auf der Baustelle und vermied so größere Zeitverzögerungen durch deren Koordination.