Beton, wohin das Auge reicht

Plattenbau-Bewohner Martin

Beton, wohin das Auge reicht

2 1/2 Zimmer, 47 m², Berlin-Friedrichshain > Typ PH 12 G

„Wäre es nicht einfacher gewesen, vor dem Einzug zu tapezieren?!“

Vor etwa zwei Jahren waren wir bereits einmal zu Besuch bei Martin. Seine 1-Zimmer-Wohnung am Berliner Alexanderplatz hatte der Redakteur mit selbstgebauten Möbeln und individuellen Details ausgestattet, auch die klassischen Betonwände der Platte fehlten nicht.

Jetzt sind wir wieder bei Martin zu Gast. Ganz in der Nähe hat er eine 2-Zimmer-Wohnung gefunden, die dem Lieblingswerkstoff des 34-Jährigen voll und ganz entspricht: Beton wohin das Auge schaut. Das Glück war Martin hold, denn vor dem Einzug rief die Wohnungsverwalterin an. Auf JEDER m² DU hatte sie die Betonleidenschaft erkannt. Sie fragte Martin, ob die Wohnung, die gerade saniert wird, einfach ohne Tapeten bleiben solle. Auf jeden Fall!

Sogar der Vinylfußboden weist eine Beton-Optik auf. Viele Besucher sind anfangs irritiert, wenn sie die Wohnung zum ersten Mal betreten. So auch die Umzugshelfer, die verwundert fragten, warum denn nicht schon vor dem Einzug tapeziert worden sei. Die Antwort, dass die Tapeten extra entfernt worden seien, sorgte für fassungslose Gesichter.

Martin dagegen gefällt das Raue und Ursprüngliche des Betons. Die Wände mit ihren Bohrlöchern und Kritzeleien aus dem Plattenwerk erzählen die Geschichte der Plattenbauwohnung, die Oberflächen sind mal gröber und mal feiner, das Grau der Platte schimmert in vielen verschiedenen Tönen. Grau ist eben nicht gleich Grau. Wer es farbiger mag, kann sich auf den riesigen Balkon begeben, auf dem eine wahre Stadtoase gedeiht.

Wohnküche und Essen

„Ich wollte schon immer eine richtig große Küche haben, ein Wohnzimmer dagegen benötige ich überhaupt nicht. Daher sind die Plattenbau-Wohnungen auf Grundlage des Systems WBS 70 ideal – hier konnte ich einfach den Wohnraum in eine 27 m² große Wohnküche verwandeln.“ 

Wer die „Platte“ kennt, wird von der großzügigen Küche überrascht sein. Genau genommen ist dies das (ehemalige) Wohnzimmer. Dank des Versorgungsschachtes entlang der Längswand konnten die Wasserleitungen einfach in den Wohnraum verlängert werden. Eine komplette Küchenzeile inklusive Spülmaschine findet dort nun Platz, direkt am Fenster steht ein großer Esstisch. Dieses Fenster ist der Grund, warum Martin genau auf diese 2-Zimmer-Wohnung im Plattenbautyp PH 12 G gewartet hat. Hier nämlich hat das Wohnzimmer ein zweites Fenster. In diesem Falle bietet es eine wunderbare Aussicht über die Baumallee hinunter auf das Heizkraftwerk Berlin-Mitte. Nachts erheben sich die beleuchteten Schornsteine besonders spektakulär in den Himmel. 

Ein bisschen Marke Eigenbau hat Martin auch in seine neue Wohnung integriert: Die Leuchten über dem Esstisch bestehen aus Werkstattlampen und Baustellenkabeln. Die Tischplatte war eine Fehllieferung für die Arbeitsplatte, passte aber exakt an die gewünschte Stelle des Essplatzes. Mit den filigranen Tischböcken des tschechischen Designer-Duos Master & Master bekam die Platte zarte Füße. Und über der Arbeitsplatte hängen drei alte Holzkisten vom Sperrmüll – mithilfe von Plexiglasböden und LED sind diese sogar beleuchtet.

Studio

Wer auf dem Sofa sitzt, entdeckt schräg gegenüber einen kleinen Raum mit Schreibtisch. Dies war die ursprüngliche Küche. Nun bietet der kleine aber feine Raum Platz für ein Studio, in dem an neuen Texten und Ideen gefeilt werden kann. Wenn sich der Blick vom Schreibtisch hebt, erblickt man den Fernsehturm über der Plattenbauzeile gegenüber. 

Der Raum ist sehr spartanisch eingerichtet. Einzige Wanddeko hier ist ein alter Spiegel mit Rattan-Umrandung, den Martin von einer Kollegin geschenkt bekam. Hinter dem grauen Vorhang verschwinden auch die Waschmaschine sowie die Ordner und Fachbücher. 

„Am besten arbeiten kann ich tatsächlich in einer Umgebung, in der ich möglichst wenig abgelenkt bin. Daher ist dieser Raum auch besonders… leer!“

Schlafzimmer

Ähnlich spartanisch ist auch das Schlafzimmer eingerichtet. Neben einer großformatigen Fotografie befindet sich hier nur ein schlichtes Bett, dessen Gestell zwei Europaletten bilden. Umzingelt wird das Ganze von Büchern, immer Griffbereit für die Nachtlektüre. Vorhänge bieten nicht nur einen gewissen Sichtschutz für den Schlafbereich. Dahinter befinden sich einfache Regale für Martins Kleidung.

Das Bad ist größtenteils so geblieben wie es war, auch ist es der einzige Raum mit typischer Raufaser. Die Wände hier bestehen zum Großteil aus Gips, und lassen sich daher nicht so einfach freilegen. Allerdings, so Martin, müssen die "hässlichsten Fliesen der Welt" irgendwann verschwinden. 

Verschwinden musste auch die Tür. Da diese unpraktischer Weise in den kleinen Flur öffnete, entschied sich Martin kurzerhand für eine Schiebetür. Da es eine solche Vorrichtung in der (ehemaligen) Küche bereits gab, waren nur zwei neue Löcher in der Wand und etwas Schleppen notwendig, um dem Badezimmer eine neue Tür zu verpassen.

In dem kleinen Platten-Bad kann man auch eine Lösung für hässliche Bohrlöcher entdecken: Martin sägte einen Ast in kleine Teile und befestigte diese mit einer Schraube in den vorhandenen Löchern. Somit waren auch neue Handtuchhalter und Kleiderhaken geboren.

Balkon

"Der Balkon ist ein absoluter Glücksfall!"

Wenn der Redakteur nicht vor dem Laptop neue Texte verfasst, widmet er sich auch gern dem Stadtgärtnern. Der riesige Balkon bietet nicht nur Platz für einen großen Tisch und jede Menge Gäste. Auch sprießen hier die Pflanzen, inklusiver riesiger Tomatensträucher und eines Mirabellenbaums. Für Martin ist der Balkon das wichtigste Kriterium einer Wohnung. Beton liebe er, aber ohne Balkon wäre das Leben nur halb so schön.

Die Fotostrecke entstand im Sommer 2015.

Fotos: Claudius Pflug