Der Charme nackter Betonwände

Zu Besuch bei Architekt Sebastian Gmelin

Der Charme nackter Betonwände

2 Zimmer, 55 m², Berlin-Mitte > WBS 70 Lückenbau Spandauer Vorstadt

„Der Beton erzählt Geschichten.“

Sebastian Gmelin suchte ein Zuhause, das er nach seinen Vorstellungen renovieren konnte. In der Spandauer Vorstadt wurde er fündig.

Statt der standardisierten Altbauwohnung – Holzböden, weiße Wände, Messingklinken – fand er etwas, das ganz anders war: Plattenbau, Dachgeschoss mit Schrägen und Balkon, rot-brauner Vinylfußboden, gelb-lila Wände. Und mit einem Blick, in den er sich sofort verliebte. Da er selbst Hand anlegen durfte, schlug Sebastian sofort zu – es waren perfekt organisierte 55 m².

Sämtliche Tapeten wurden entfernt, ein weißer, glänzender Fußboden reflektiert das Tageslicht. Im Wohnzimmer steht ein Flügel, der Blick auf den Berliner Fernsehturm wirkt wie gemalt.

Interessant, sagt Sebastian, wären die Meinungen seiner Besucher: „Alle, die in die Wohnung kommen, finden sie super – möchten aber so nicht wohnen.“

Das Beste sei der Beton. Durch aufgemalte Vermerke der Bauarbeiter, die Farbreste und Risse erzählt dieser seine eigenen Geschichten, aufgrund der Rauheit des Werkstoffs wirkt in der Wohnung sonst alles fein.

Viele Möbel sind Erbstücke, Antiquitäten, die durch den Beton und seine moderne, fast kühle Wirkung, besonders zur Geltung kommen.

Und wie ist es mit der Hellhörigkeit? Zu hören sei so gut wie nichts, meint Sebastian – bis auf die Akkorde des Flügels, welche die Betonkonstruktion des Hauses zu einem ‚Klangkörper‘ machen.

Doch bislang klappt es mit den Nachbarn bestens: Als bei einer Party die Musik über Balkon und Hof schallte, öffnete der Nachbar des Eckhauses sein Fenster und freute sich über die Beschallung mit Paul Kalkbrenners Tönen.

Redaktion: Martin Püschel
Fotos: Claudius Pflug