Einrichtungswunder Plattenbau

Plattenbau-Interior: Zu Besuch bei Innendesignerin Jasmin

Einrichtungswunder Plattenbau

97 m², 4 Zimmer Maisonette > Sonderkonstruktion Komplex Memhard

Triaden, Wimmelbilder und "The Block"

Die Tür öffnet sich – und dem Besucher präsentiert sich durch das lichtdurchflutete Wohnzimmer ein Panoramablick zum Berliner Alexanderplatz.

Jasmin Liebetrau ist in einem Gebäude zuhause, das von außen so manchen irritiert: der gewaltige graue Riese, einen Steinwurf vom Fernsehturm entfernt, verrät mit seiner rauen Schale kaum, welche Einrichtungswunder sich dahinter verbergen. Wer Jasmins Wohnung betritt, dem eröffnet sich ein Potpourri an Kreativität und Liebe zum Detail. 

Zusammen mit Patrick Gabbert führt sie das Designlabel Muskat18, dessen Heimat auch „The Block“ ist, wie Jasmin das Haus bezeichnet.

Das Label bietet eine kreative Palette, die von der Einrichtungsberatung bis zum Design von Möbeln und Wohnaccessoires reicht. Auf den beiden Etagen ihrer Maisonette-Wohnung präsentieren sich ausgewählte Stücke aus der Kollektion des Labels und die gestalterische Kraft der Bewohnerin. 

Seit gut 8 Jahren lebt Jasmin in diesem Haus im Herzen von Berlin. Ein ziemliches Kontrastprogramm, wenn man bedenkt, dass die Bewohnerin in einem Ort mit gerade einmal 60 Einwohnern aufwuchs.

Den Kulturschock hat Jasmin offensichtlich gut verkraftet, denn auch nach der WG mit Patrick blieb sie „The Block“ treu. Da die Nachbarschaft im Hause einander gut kennt, erreichte Jasmin die entscheidende Info: Der Zufall ließ auf derselben Etage eine Wohnung frei werden, sodass schließlich jeder sein eigenes Zuhause hatte. 

Dieses wurde umgehend den eigenen Vorstellungen angepasst, von der lila-weißen Phase des Vormieters ist nichts übrig geblieben. Einzig der Fußbodenbelag durfte bleiben. Das hat auch seinen Grund: Die Wohnung ist für Jasmin ein „Wohnstudio“ – sie lebt mit den Objekten, die sie entwirft, baut und hier verkauft. Wo könnte ein Möbel auch überzeugender wirken als im eigenen heimischen Wohnzimmer?

TIPP: Jasmins Wohnung beherbergt ausgewählte Stücke aus der Kollektion von Muskat18. Zum Beispiel die hölzernen Kleiderbügel, welche Berliner Stadtpanoramen zeigen. Die Bügel unter dem Namen Cityorama sind inzwischen auch im Einzelhandel erhältlich.

Entrée oben

Schon beim Betreten der Wohnung fällt die ungewöhnliche Garderobe im Flur auf. Die Sprungfederkonstruktion eines alten Bettes bietet genug Platz für Kleiderhaken und Erinnerungen. Geradeaus bietet öffnet sich der Blick zum Wohnzimmer, ein großzügiger Raum, lichtdurchflutet und alles andere als gewöhnlich. Nicht die grandiose Aussicht auf den Alexanderplatz und den Fernsehturm bieten etwas für's Auge. Vor allem der eklektizistische Stilmix der Einrichtung lädt ein, immer wieder Neues zu entdecken. 

So zum Beispiel der Bücherregal an der Wand. Es besteht aus riesigen alten Holzbohlen die scheinbar durch die Bücher selbst getragen werden. Den Hintergrund bildet eine Art verwitterte Wand, diesen authentisch wirkenden Patina-Effekt erreichte Jasmin durch das wiederholte Auftragen verschiedenster Lack- und Farbpigmentschichten. Authentische Patina – ebenfalls ganz neu – erzielt Jasmin mit einem Ihrer Lieblingswerkstoffe. Auf vielen Möbeln finden sich Schellackpolituren, eigentlich ein Werkstoff aus vergangen Zeiten. Und dennoch zeitlos schön: So interpretiert sie das Material neu und holt es in die Gegenwart zurück.

Wohnzimmer

Das Einrichtungskonzept der Restauratorin ist so einfach wie genial. Jasmin orientiert sich an Triaden, sprich, es gibt immer einen Dreiklang, wodurch sich unterbewusst immer ein harmonisches Gesamtbild ergibt. So finden sich hier beispielsweise einmal drei gleichgroße im Raum angelegte Quadrate, als abstraktes Wandgemälde, Leinwandmalerei und Fenster. Eine andere Perspektive, konzentriert drei Mal die Farbe Schwarz als Schrank, Bilderrahmen und Leuchtobjekt. Die Flächen leben vom bewusst arrangiertem Wechsel von Kontrasten, Formen und Farben und von Holz in allen Variationen. 

Vom einladenden Sofa, über den Esstisch mit Blick auf die Demos am „Alex“ bis zum Olivenbaum der zur Küche gehörenden Schwebetür lebt der Raum. In gewisser Weise ergibt sich das Gefühl einer Loggia, eine ruhige wie einladenden Oase hoch über der turbulenten Straße, von der niemand weiß. Das schöne Licht, so Jasmin, ändert den Raumeindruck stetig, der Lichteinfall sei auch ideal für Fotos. Einziges Manko wäre der fehlende Balkon, dafür jedoch könnte man urbaner kaum leben, mit einem Ausblick, der manchmal den„Wimmel-Bildern“  des Renaissancemalers Pieter Bruegel gleicht.

Küche

Vom Wohnzimmer geht auch die kleine Küche ab. Sofort fällt der Blick auf die große Tafel, die vom Vormieter stammt. Auf ihr lassen sich Nachrichten (oder auch spontane Einfälle) wunderbar und präsent festhalten.

Flur unten

Erreicht man über die Treppe das Untergeschoss, überraschen lichte Räume. Schon der Flur erstrahlt in hellem Weiß, von der Decke bis zum Boden. Akzente setze Jasmin mit Schwarz, etwa als Streifen entlang der Decke oder zwischen den Türen. Auch eine Tür selbst ist in Schwarz gehalten, mit typografischer Gestaltung kommt zusätzlich Schrift in Spiel.

Schlafzimmer

Doch der Flur ist noch zu toppen, vor allem wenn man das Schlafzimmer betritt. Jasmin machte sich die außergewöhnliche Konstruktionsweise des Hauses zu nutze und schuf hier ein Raum-in-Raum-Konzept. Die Kombination aus Schwarz, Grau und Hölzern wirkt bestechend. Durch die Trennwände und die auffälligen Verblendungen der Fester entsteht sofort der Eindruck eines Japanischen Zimmers. Es verwundert nicht, dass dieser Bereich Jasmin Lieblingsplatz ist. Trotz seines konstruktivistischen Prinzips strahlt der Raum eine starke Intimität aus. Das Podest mit dem Bett verschwindet hinter einem transparenten Raumteiler aus Holz und bleibt gleichzeitig Teil des großzügigen Raumes mit seiner offenen Architektur.

Bad

Das geräumige und helle Badezimmer bietet viel Platz. Die Möblierung mit schlichten Holzregalen, cremefarbenen Details und der warme Grauton, in dem die Wände gestrichen sind, vermitteln eine angenehme Atmosphäre abseits der klassischen Kachelung in Weiß. Auf dem Fensterbrett haben sich Pflanzen breit gemacht, gleich daneben befindet sich ein Frisiertisch, eine Modellarbeit für das Objekt ELSE von muskat18.

Atelier

Mit Ecken und Kanten präsentiert sich der Arbeitsraum. Durch die Winkelung des Hauses ergibt sich ein asymmetrischer Raum, der genug Nischen für Stauraum bietet. Wenn der Besucher den Raum betritt, wird schnell klar, dass dies eine Ideenschmiede ist. Farben, Pinsel, Entwürfe und allerlei Werkzeug zeugen von Tatendrang. Für Jasmin ist das Arbeiten mit den Händen ein elementarer Bestandteil Ihres Schaffens. Während die meisten Menschen am Rechner heutzutage lieber digitalem Wirken frönen, bietet das „analoge“ Arbeiten für Jasmin eine Art Befreiung. Schließlich, so sagt sie, baut man etwas fertig, als es schlichtweg nur zu entwerfen. Jeder Quadratzentimeter des Studios offenbart das gestalterische Potenzial der Bewohnerin, genau so wie jedes Stück sicher eine interessante Geschichte zu erzählen hätte.

„The Block“ - die große Platte am Alexanderplatz - überrascht erneut mit kreativen Wohnlösungen, fernab des Klischees einer uniformen Wohnweise. Jasmin zeigt mit Ihrer Wohnung, wie individuell ein Zuhause zwischen Fertigteilwänden sein kann.

Redaktion: Martin Püschel
Fotos: Claudius Pflug