Farbenfrohe Oase in der Platte

Zu Besuch bei Ingeborg und Familie

Farbenfrohe Oase in der Platte

3 Zimmer, 68 m², Berlin-Pankow > Typ WBS 70

Kunterbuntes Familienleben im WBS 70

„Arbeiterschließfächer“, „Fernsehhöhlen“ – Plattenbauten hatten lange Zeit ein schlechtes Image, besonders im Westen. Dass sich dies ändert, liegt an Menschen wie Ingeborg. Die Niederländerin lebt gern im fünfgeschossigen Plattenbau in der Elsa-Brändström-Straße. Ihre lichtdurchflutete Wohnung hat sie zu einer Wohlfühl-Oase für sich und ihre Familie hergerichtet.

Als Ingeborg 17 war, führte sie ein Schüleraustausch nach Zwickau, Partnerstadt ihres Geburtsortes Zaanstad. Ihre Reise hinterließ einen bleibenden Eindruck: Sie entschied sich, moderne deutsche Geschichte zu studieren und verfasste ihre Masterarbeit über Maxi Wander, eine Schriftstellerin, die die Lebensgeschichten und den Alltag von Frauen in der DDR protokollierte.

Zwar ist die DDR Geschichte, ihre Architektur hingegen immer noch Bestandteil der Lebenswelt vieler Menschen.

Ingeborg zog 2011 mit ihren Mann in die Pankower Platte, ein Jahr später gesellte sich ihr erstes Töchterchen Nina dazu, 2015 dann die kleine Elif. Auch wenn 68 Quadratmeter für vier Personen zunächst wenig erscheinen – der funktionale Grundriss sorgt dafür, dass genügend Raum da ist, um sich wohl zu fühlen: zur Vorderseite Wohnzimmer, Küche und Balkon, zur Rückseite die Schlafzimmer, dazwischen das Badezimmer und der zentrale Flur.

„Vorher wohnte ich in verschiedenen Vierteln in Berlin, immer in Altbauten. Am Anfang fehlte mir auch ein wenig deren Charme.", so Ingeborg.

„Aber irgendwann begann ich, unsere Wohnung zu lieben: hell, kompakt, praktisch und preisgünstig, ideal für eine Familie.“

Tatsächlich ist die Wohnung alles andere als ein Schließfach: Große Fenster an Rück- und Vorderseite durchfluten die Wohnung mit Licht. Sie ermöglichen den Blick auf das Grün, das den Bau umgibt, und vergrößern die Räume optisch.

Wohnbereich

Das Licht von außen bringt zudem die vielen Farben zum Leuchten, die der Wohnung eine heitere Stimmung verleihen. Bunt ist es hier nicht nur, weil sich Elifs und Ninas Spielzeug in der gesamten Wohnung verteilt, auch die Mutter mag intensive Farben. Ganz besonders Rot und Orange haben es ihr angetan. Letzteres hat auch ein wenig mit ihrer Herkunft zu tun, “Oranje“ ist schließlich die Farbe des niederländischen Königshauses. So startet jeder Tag in der „holländischen Ecke“: Die Nische, in der der Frühstückstisch steht, ist in dem sonnigen Farbton gestrichen, passend dazu die Glasleuchte. Zudem ziert eine „Zaanse klok“ die Wand, eine typische Pendeluhr aus der Heimat.

Die Essecke ist aber noch aus einem anderen Grund besonders. Hier findet sich ein Detail, auf das Ingeborg besonders stolz ist: die Durchreiche von der Küche zum Wohnzimmer – noch im Originalzustand wie vor 30 Jahren. „Vor allem Freunde aus dem Ausland sind ganz begeistert, viele von ihnen kennen solche Durchreichen gar nicht und finden sie fast ein wenig exotisch“, berichtet sie. 

Küche

Dass Ingeborg sich mit Geschichtlichem befasst, zeigt auch ihr Blick auf die Nachbarschaft: „Wenn ich die Straße entlang laufe, ist es ein wenig wie eine Zeitreise.“ Der Weg zu ihrem Zuhause gleiche einer Tour durch die jüngere Architekturgeschichte, erklärt sie: Am Anfang, wo die Elsa-Brändström-Straße am U-Bahnhof Vinetastraße abzweigt, erheben sich gründerzeitliche Altbauten. Darauf folgen geschlossene Wohnblöcke; Arbeiterwohnungen aus den Zwanzigerjahren. Ganz im Gegensatz dazu die anschließenden Plattenbauten: Als frei stehende Riegel auf der grünen Wiese sind sie Umsetzungen des Credos der Moderne, die mit viel Sonne, Luft und Licht zu einem neuen, menschengerechten Wohnen beitragen wollte. Wer Ingeborg und ihre Familie in ihrer Wohnung erlebt, weiß, dass dieses Ideal, vor fast 100 Jahren zum ersten Mal formuliert, auch heute immer noch aktuell ist. 

Die Fotostrecke entstand im November 2016

Redaktion: Roland Ernst, TEMA

Fotos: Andreas Süß