Platte mit Stil für Stylistin

Zu Besuch bei Plattenbewohnerin Pia

Platte mit Stil für Stylistin

1 Zimmer, 42 qm, Torstraße, Berlin-Mitte > WBR 85/86 Lückenbau Spandauer Vorstadt

„Stil hat man oder nicht. Man kann ihn nicht erlernen." (Coco Chanel)

Wände aus Sichtbeton, goldene Tapete, bunte Kissen, japanische Toys und eine Vasensammlung – das alles lässt sich in Pias 1-Zimmer-Wohnung entdecken.

Die Kunst, dass es dennoch nicht überladen wirkt, liegt wahrscheinlich an ihrem Stilbewußtsein. Ihr Background als Modejournalistin und ihre Liebe zum Detail tun das Übrige – und so ist es nicht verwunderlich, dass ihr Apartment eine gern verwendete Kulisse für Modeshootings ist und ihre Freunde beim ersten Besuch zunächst einmal die Wohnung fotografieren.

Wie kam es dazu, dass du in eine Plattenwohnung gezogen bist?

Es war ein spontaner Zufall. Ich musste aus einer anderen Wohnung ziemlich überraschend ausziehen, wollte unbedingt nach Mitte, habe aber auf die Schnelle zunächst nichts gefunden. Entweder waren die Altbaumieten zu teuer oder ich war von den Details nicht überzeugt.

Ganz anders war es, als ich das erste Mal in meine Platte kam. Vorher hätte ich nie den Gedanken gehabt, in solch einer zu wohnen. Als ich sie dann aber gesehen habe wusste ich sofort: Die will ich haben! Auch wenn es nur ein 1-Zimmer Apartment ist, wohne ich mittlerweile schon seit vier Jahren hier.

Was war dein erster Gedanke, als du die Wohnung betreten hast?

Der Hausflur war schon sehr "plattenmäßig", also ein bisschen uncool, daher war ich war recht skeptisch. Als ich dann die Wohnung betrat, war dies ein sehr spezieller Moment.

Mein Vormieter hatte sämtliche Tapeten runtergerissen und den Sichtbeton freigelegt. Das fand ich total abgefahren, weil ich sofort ein New Yorker oder Londoner Loft-Feeling hatte. So etwas habe ich in Berlin nie zuvor gesehen und dachte: Das passt zu mir, weil auch ich etwas Besonders bin. (lacht)

Wie verlief dein Einzug? Musstest du viel selbst machen?

Ich habe mit dieser Wohnung großes Glück gehabt, denn ich musste sie kaum renovieren. Das war auch der Grund, weshalb ich sofort eingezogen bin. Mein Vormieter hat die Wände – sprich den Sichtbeton –  freigelegt, was mich gleich überzeugt hat. Außer kleinen Schönheitsreparaturen, wie zum Beispiel das Auswechseln des Waschbeckens, musste nichts gemacht werden.

Und wie hast du dich eingerichtet?

Ich bin mit relativ wenigen Möbelstücken eingezogen. Alles ist nach und nach gewachsen und hat sich der Plattenwohnung im Laufe der Zeit angepasst. Generell braucht man ja auch gar nicht so viele Möbel, zudem ist mein Wohnstil skandinavisch clean.

Meiner Meinung nach passen wuchtige Schränke nicht unbedingt in eine Platte, im Gegensatz zu einer Altbauwohnung. Da ich ja in einer Einzimmerwohnung lebe, geht es hauptsächlich darum, Stauraum zu schaffen ohne die Wohnung überladen wirken zu lassen.

Aufgelockert wird dies mit vielen Bildern, bunten Kissen auf dem Bett oder meinen Blumen, die irgendwo in den Ecken stehen. Auch all meine Flohmarktschätze bilden einen interessanten Kontrast zu der kühlen Platte.   

Wie reagieren deine Freunde, wenn sie zum ersten Mal in deine Wohnung kommen?

Sie finden es schon sehr speziell, dass ich in einer Platte wohne, aber gleichzeitig sehr cool. Ein wenig beneiden sie mich vielleicht auch. Das merke ich daran, dass viele erstmal ihr Handy zücken und ein Foto machen, was ich ganz interessant finde. 

Was fotografieren sie?

Meist sofort meine Wohnküche, da diese komplett aus Beton ist. Das ist einfach ein beeindruckendes Raumgefühl. Ich glaube, sie haben solch eine Betonküche noch nie gesehen - aber auch ich fand’s ja damals ganz cool, als ich zum ersten Mal in die Wohnung kam.

Zudem sind das ja vor allem eher die Leute, die nur Berliner Altbauwohnungen kennen. Sie finden es toll, mal was Anderes zu entdecken, auch wenn sie vielleicht selbst nicht unbedingt in eine Platte ziehen würden. Das wären wahrscheinlich eher Leute wie ich, die eine Ewigkeit im Altbau gewohnt haben und Lust auf etwas Neues hatten!

Kannst du uns etwas zu deinem rot dekorierten Sideboard sagen?

Die rote Ecke, genau! Ich versuche immer Akzente zu setzen und so gibt es diese Seite auf dem Sideboard im Schlafzimmer, auf der sich ausschließlich rote Details befinden.

Zum Beispiel ein großes, rotes Bild von meinem Onkel, der Künstler ist, daneben rote japanische Toys, aber auch alte Blumenvasen vom Flohmarkt.

Es ist eine Farbwelt und zugleich eine Gruppierung. In der Küche habe ich noch eine weitere kleine Ansammlung an hauptsächlich weißer Sachen und ganz vieler Porzellanvasen, die eng zusammen ein schönes Bild abgeben und einen reizvollen Kontrast zu der kalten Wand darstellen.

Braucht man viel Geld, um sich toll einzurichten?

Nein. Stil kann man nicht kaufen. Das sehe ich immer häufig bei Menschen, die viel Geld aber trotzdem keinen Geschmack haben. Vor allem in diesen modernen, protzigen Neubauten hier in Mitte, wo man durch die Fenster in die Wohnungen reinschauen kann: teuer – aber no style!

Stil hat man oder hat ihn nicht. Das hat Coco Chanel damals schon gesagt.

Ich empfinde es als eine spannende Herausforderung, mit wenig Geld schöne Sachen zu basteln oder ein tolles Ambiente zu kreieren, ich selbst mache das seit Jahren schon so.

Ich habe keine teuren Möbel, viele Sachen sind vom Flohmarkt, die Basics – wie das Bett oder der Kleiderschrank – sind von Ikea und einige Sachen sind auch Familienerbstücke wie zum Beispiel ein paar meiner Bilder. 

Wie zeigt sich deine Persönlichkeit bei der Einrichtung?

Vermutlich durch die Kontraste! Ich dekoriere gemäß meinem Sternzeichen Zwilling: Ich kann mich nie auf nur eine Seite festlegen. Es ist wie mit einer Platte, die ja eher kühl ist, die man aber mit verspielten Details auflockern kann.

Erkennt man an deiner Wohnung, dass du Modejournalistin bist?

Ich denke schon, denn als Modejournalistin habe ich ein Auge für Stil und Ästhetik und das spiegelt sich in meiner Wohnung wider. Es ist keine Nullachtfünfzehn-Wohnung, sondern entspricht meinem kreativen beruflichen Umfeld.

Wer ist dein Lieblingsnachbar?

Meine Lieblingsnachbarin heißt Juliane. Sie wohnt mit ihrer 6-jährigen Tochter Clara auf meiner Etage, direkt gegenüber. Sie ist Musiklehrerin und mit Wolf Biermann befreundet.

Beide kennen sich aus alten DDR-Musikzeiten. Jule (wie ich sie nennen darf) und Clara spielen Geige und Gitarre – und zwar ziemlich gut. 

Warum ich sie so gerne mag? Weil sie eine Art "Ersatzmama" und Freundin für mich ist. Sie hilft einer manchmal tolpatschigen Singelfrau wie mir mit Waschpulver, Nudeln oder Bügelbrett aus und macht manchmal sogar ein Essen für mich warm, wenn ich zu spät von der Arbeit nach Hause komme und mein Kühlschrank mal wieder leer ist.


Koordinierung: Rahel Morgen
Fotos: Mirjam Wählen