Rina, Sybille und die goldene Tapete

Zu Besuch bei Rina

Rina, Sybille und die goldene Tapete

Entlang der Karl-Marx-Allee, zwischen Alexanderplatz und Strausberger Platz, reihen sich mit Kino International, Café Moskau und Bar Babette einige der bedeutendsten Ikonen der Ostmoderne. Aber auch die monumentalen Plattenbauten dahinter, zeitgleich um 1960 entstanden, sind architekturhistorisch bedeutend: Mit ihnen gelang der DDR als erstem sozialistischen Land, zehngeschossige Scheibenhochhäuser für den Massenwohnungsbau zu errichten.

Möglich wurde dies durch das QP-64-System. QP steht für Quertafelbauweise und Plattenbau. Es handelt sich also um eine Bauweise mit vorfabrizierten Elementen und tragenden Querwänden, die aufgrund ihrer konstruktiven Funktion in einem festgelegten Raster platziert wurden. Der Abstand der Schotten, wie die tragenden Querwände auch genannt werden, ist einheitlich 3,60 Meter.

2012 zog Rina in einen dieser Gebäuderiegel. „Das waren noch Zeiten! Ich bekam den Schlüssel und konnte mir die Wohnung alleine anschauen, mittlerweile undenkbar“, lacht die gebürtige Pankowerin. So ist sie heute, zusammen mit ihrer Schwester, glückliche Mieterin von 74 Quadratmetern mit Balkon, lichtdurchflutet, nah am Alex und zu einem vernünftigen Preis. 

Eigentlich hätte es Rinas Wohnung gar nicht geben sollen. Ursprünglich sahen die Planer für die unterste Etage Ladenlokale vor. Das Raster von 3,60 m war aber zu schmal für Gewerbeflächen und da die Trennwände tragende Funktion hatten, ließen sich die Räume auch nicht zusammenlegen. So wurden die Gebäude zu reinen Wohnbauten. 

Im Inneren führt jenes Raster dazu, dass sich zur Straßenseite drei Raumzellen identischer Größe befinden. Zwei davon nehmen jeweils einen Raum auf, das dritte Modul teilt sich in Bad und Küche auf. Im hinteren Teil der Wohnung befindet sich ein weiteres Zimmer, in der Breite identisch, dafür etwas tiefer als die Räume zur Straßenseite. Durch die großen, meist bodentiefen Fenster dringt viel Licht in die Wohnung.

Modell: PQ 64Grundriss

Küche / Bad

Küche und Bad liegen – typisch Platte – in einer Achse. In manchen Gebäuden des Bautyps QP 64 sind sie parallel angeordnet. In Rinas Wohnung formen Bad und Küche ein L und letztere ist durch einen kleinen Flur erreichbar.

Die Anordnung der Räume führt zwar dazu, dass kein Tageslicht ins Bad kommt. Andererseits musste das Fenster, wie bei paralleler Anordnung von Bad und Küche üblich, nicht geteilt werden. So ist der kleine Küchenraum außergewöhnlich hell und erscheint viel geräumiger als er tatsächlich ist. Mit einer Arbeitsfläche direkt vor dem Fenster nutzt Rina das natürliche Licht optimal aus.

Der Flur

Der zentrale Flur erhält viel Tageslicht durch die großen Fenster in den Räumen, die von ihm abgehen. Damit erscheint er hell, luftig und geräumig. Er ist so breit, dass dort Schränke und anderes Mobiliar Platz in ihm finden und endet mit der praktischen Kammer: „Zeug rein, Tür zu!“, beschreibt die 25-jährige, wie sie den Abstellraum nutzt.

Wohnzimmer

Viele ihrer Vintage-Möbel hat Rina gekauft, einige stammen aus Nachlässen in ihrer Verwandtschaft. Ein besonderes Einrichtungsobjekt hingegen fand sie im Hausflur. „Im Treppenhaus lag eine Tüte mit allerlei Müll. Und darin auch diese Rolle.“ Rina war hellauf begeistert, denn es handelte sich um eine DDR-Originaltapete, mit goldenem Schimmer und Strukturprägung. Sofort war klar: Das Schmuckstück, stilistisch eine Mischung aus Gelsenkirchener Barock und Op Art, muss ins Wohnzimmer.

„Doppeltes Glück – sie reichte genau für eine Wand“, erzählt Rina. Jetzt bildet sie den perfekten Hintergrund für die vielen anderen, meist furnierten Retromöbel, die sie in nur zwei Wochen zusammenkaufte. So wie die Sitzgarnitur, die mit ihrem Rautenmuster perfekt zum Tapetenmuster passt, oder ein Möbel für Nähutensilien, das Rina zur „Candy Bar“ verwandelte.

Das kleine Schlafzimmer

Neben dem Wohnzimmer liegt das kleinere Schlafzimmer. Es hat dieselben Ausmaße wie das Wohnzimmer. Anstelle warmer Holztöne tragen die glatten Oberflächen der weißen Möbel wesentlich zum Raumeindruck bei. Auch hier haben die Wände Struktur, aber ganz anders als im Wohnzimmer, wo die goldene Tapete die Wand ziert. Rina hat die Raufaser von beiden Querwänden entfernt und den Beton darunter freigelegt.

Balkon

Ein großer Balkon führt an Wohn- und Gästezimmer vorbei. Von ihm aus lässt sich das urbane Leben prima beobachten. Zu sehen gibt es hier einiges: Touristen auf Fototour mit dem Ziel Café Moskau ebenso wie Gassigänger aus der Nachbarschaft. Und auf der Bank, die hinter dem Grünstreifen auf dem Bürgersteig steht, spielt sie das urbane Leben in all seiner Gegensätzlichkeit ab: „Von Obdachlosen bis zum Partyvolk, vom Streit bis zum Flirt – und manchmal auch mehr“, erzählt Rina lachend.

Das große Schlafzimmer

Das große Schlafzimmer liegt an der Rückseite des Gebäudes, mit viel Aussicht auf eine Seitenstraße. Auch hier kombinierte Rina die moderne Einrichtung mit Midcentury-Design. Auf das String-Regal ist sie besonders stolz. Das „Leitermöbelprogramm Sybille“, so der offizielle Name, kam Anfang der Sechzigerjahre in der DDR auf den Markt und orientierte sich an skandinavischen Vorbildern. Sein schwerelos anmutendes Design passt perfekt zur luftigen Atmosphäre des hellen Raumes, in den Licht von beiden Seiten strömt. Kein Wunder, denn Gebäude und Möbel wurden nahezu zeitgleich entworfen.

In dem Regal findet auch Rinas Sammlung alter Fotoapparate ihren Platz. Ihr liebstes Stück: die goldene Sofortbildkamera aus einer Sonderedition von 1977.