Uwe und Monika Köhler

Rentnerpaar

Uwe und Monika Köhler

3 Zimmer, 65 qm, Rathausstrasse, Berlin-Mitte > Sondertyp P2/9 "Rathauspassagen"

„40 Jahre, drei Generationen - eine Platte“

Wir treffen Monika und Uwe Köhler an einem ganz besonderen Tag, denn heute vor genau 40 Jahren, am 1. September 1971, haben sie den Mietvertrag ihrer Platte unterschrieben. Staunend betrachten wir das alte Dokument, auf welchem noch der original Mietpreis von 125,- DDR Mark zu lesen ist. Der ehemalige Zöllner und die Sekretärin im Ruhestand sind echte Platten-Urgesteine und nehmen uns mit auf eine Zeitreise durch 40 Jahre Leben mit und in der Platte am Berliner Alexanderplatz.

Warum sind Sie damals in eine Plattenbauwohnung gezogen?

Monika: Wir haben schon immer in einer Platte gewohnt, zuerst in Gleiwitz, dann in Neubrandenburg und Falkensee, bis wir aus beruflichen Gründen nach Berlin zogen. Wir haben nicht groß überlegt ob Plattenbauwohnung oder nicht, das war uns damals ganz egal.

Waren die Plattenbauwohnungen damals aufgrund ihrer Modernität so attraktiv?

Uwe: Man hat darüber nicht lange nachgedacht, die Wohnungsnot war ja groß. Man brauchte sogar eine extra Zuzugsgenehmigung, um überhaupt nach Berlin ziehen zu dürfen. Es war also ein außerordentlicher Glücksfall, dass wir hier in diese Wohnung überhaupt einziehen durften.

Können Sie Ihre Wohnung kurz beschreiben, welche Besonderheiten hat sie?

Uwe: Wir wohnen auf 65 qm mit drei Zimmern, Küche, Flur und Bad. Wir haben eine zusätzliche Abstellkammer, die sich ein halbes Stockwerk höher befindet. Alle Mieter haben dort eine kleine Kammer von ca. 4 qm. Typisch sind auch die Durchreichen von der Küche zum Wohnzimmer, leider wurden viele davon nach der Wende entfernt. Ein Einbauschrank im Flur gehörte auch zur damaligen Ausstattung. Bad und Küchen ohne Fenster sind ebenfalls wesentliche Merkmale des Plattenbau-Klassiker WBS 70.

Monika: Wir haben hier lange Jahre mit der Großmutter und unserer Tochter gemeinsam gelebt, ein 3-Generationen-Haushalt also!

Uwe: Mit 75 Jahren hat meine Schwiegermutter sich dann eine eigene Wohnung gesucht, auch hier im Haus, und seit dem Auszug unserer Tochter sind wir nur noch zu zweit.

Wissen Sie noch, was Sie damals als Erstes dachten, als Sie die Wohnung betreten haben?

Uwe: Wow dachten wir! Wir waren begeistert und sind es auch heute nach 40 Jahren noch! Am besten hat uns der Schnitt gefallen. Wo hat man denn schon solch einen schönen Schnitt, der einem großartige Stellwände verschafft? Eine Plattenwohnung ist quadratisch, praktisch, gut!

Haben Sie über die Jahre viel selbst renoviert?

Monika: Wir haben alles selbst gemacht und tapeziert, der Fußboden wurde neu über das alte Linoleum verlegt. Selbst die Heizkörper haben wir versetzen lassen, damit man mehr Platz hat. Die Scheiben der Durchreiche wurden von einem Glasermeister mit einem Muster geätzt, sodass man von draußen nicht in die Küche reinschauen kann. Auch die Glastür zum Flur haben wir mit gemusterter Farbfolie beklebt.

Wie hat sich das Wohnen in einer Platte innerhalb der letzten 40 Jahre verändert?

Monika: Die Platte ist auf alle Fälle nicht schlecht! Unsere Tochter schwärmt von Altbauwohnungen mit Stuck, aber wir können uneingeschränkt von der Platte schwärmen. Das Miteinander damals war eine wunderschöne Sache. Wir haben viel kommuniziert, jeder kannte jeden innerhalb der Hausgemeinschaft. Das ist heutzutage leider nicht mehr so. Viele sind ausgezogen, aus der damaligen Anfangszeit sind nur 12 Mietparteien übriggeblieben. Wir stehen bis heute in sehr engem Kontakt zueinander und kümmern uns um Pflanzen, Post und Tiere, wenn jemand mal verreist ist. Auch bei Krankheit schaut man nacheinander. Dieser Zusammenhalt ist über die Jahre entstanden. 

Uwe: Viele Familien- und Kinderfeste wurden auf der hauseigenen Terrasse gefeiert, es gab dort Tischtennisplatten, Minigolf und ein Schachfeld. Auch ein sogenannter Kulturraum für bis zu 30 Personen war Teil des Hauses, dort traf man sich zum Frauen- und Kindersport oder auch zu Festen, denn es gab auch eine Küche für sämtliche Feierlichkeiten. Wir haben dort oft mit den anderen Hausbewohnern zusammen Silvester gefeiert. Leider kennt man heutzutage die Mieter neben sich kaum noch.

Was sagen Ihre Besucher, die das erste Mal zu Ihnen in die Wohnung kommen?

Uwe: Unsere außergewöhnliche Bretterwand im Wohnzimmer zieht immer sofort alle Blicke auf sich. Diese haben wir ebenfalls selbst gebaut, auch wenn die Idee hierzu aus einer Not entstanden ist – wir hatten einen Wasserschaden. Der Wasserfleck musste überdeckt werden, so kam uns der Gedanke mit der Holzwand. Wir lieben das Material, es ist so warm und heimelig. 

 

Was sind Ihre Lieblingsobjekte in der Wohnung?

Monika: Ich bin stolz auf meine Kerzensammlung. Alle Figuren, die man hier sieht, sind aus Wachs. Uwe: Ich liebe meine Minaturflaschensammlung, die wir von unseren Reisen in die ehemaligen Ostblockländer mitgebracht haben. Auch Freunde und Bekannte haben meine Sammlerleidenschaft erkannt und immer wieder Fläschchen mitgebracht. Getrunken haben wir sie jedoch nie, sehr zum Leidwesen meiner Frau sind sie zu Staubfängern verkommen. Auch die antiken Hütestöcke, die man damals auch als Waffe gegen Wölfe benutzt hat, sind ein Hingucker.Viele Gegenstände aus Holz stammen aber auch von uns selbst, wir haben das Material gedrechselt und dann mit Mustern gebrannt und bemalt. Früher gab es hier im Haus eine Werkstatt mit richtiger Werkbank und Schleifmaschine, Bohrstock und Werkzeugen. Die Bewohner konnten alles frei nutzen! Damals hat man einfach viel selbst gemacht und improvisiert, es gab ja generell wenig zu kaufen. Leider wurde dieser Raum nach der Wende zu einem Fahrradraum umfunktioniert. Doch basteln tun wir immer noch sehr viel!

Welches ist Ihr Lieblingszimmer?

Monika: Mein Lieblingszimmer ist das Wohnzimmer, mein Mann hingegen sitzt am liebsten im Arbeitszimmer. 

Uwe: Wenn ich dort länger als zwei Stunden sitze, wird meine Frau unruhig. Wir sind seit 47 Jahren verheiratet, da vermisst man sich schon nach einigen wenigen Stunden. Unsere Silberhochzeit haben wir übrigens als eines der letzten Paare im Palast der Republik gefeiert.

Was glauben Sie, warum wollen alle Berlin-Besucher unbedingt den Alexanderplatz sehen?

Uwe: Das verstehen wir auch nicht, denn in Europa gibt es wesentlich schönere Plätze! Hier ist es durch die ganzen Baustellen nur noch dreckig und laut, auch wenn unser Bürgermeister sagt, dass Berlin arm aber sexy sei. Früher hatten wir solch einen schönen Blick von unserem Wohnzimmer aus, zum Beispiel hinüber zu den Wasserspielen, die damals sogar nachts beleuchtet waren. Jetzt stehen hier nur noch Kräne und Baufahrzeuge. Unser Leben hat sich sehr in die Wohnung zurückgezogen.

Würden Sie dennoch hier jemals wegziehen?

Monika: Man arrangiert sich und macht das Beste daraus. Wir fühlen uns hier wohl, trotz all der Veränderungen. Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Wir möchten diese Wohnung nicht missen!

TIPP: Einige Nachbarn von Familie Köhler zeigen ebenfalls ihr Zuhause in den RathausPassagen: 

Koordinierung: Rahel Morgen
Fotos: Mirjam Wählen