Zu Besuch bei Martin

Zu Besuch bei Martin

1 Zimmer mit Balkon, 36 qm, Berolinastraße, Berlin-Mitte > WBS 70/9 Typ Neubrandenburg

1 Zimmer mit Balkon, 36 qm, Berolinastraße, Berlin-Mitte > WBS 70/9 Typ Neubrandenburg

Passioniert vom Plattenbau, seinen Ursprüngen, dem praktischen Schnitt der Wohnungen und den zahllosen Möglichkeiten beim Umbau, kam Martin zuerst ganz zufällig in seine Traumwohnung. Er ließ sich nicht vom Filzfußboden der Vormieterin abschrecken und entdeckte den ungeschliffenen Diamanten. Inzwischen ist der Redakteur ein regelrechter Experte für Plattenwohnungen und hat seine Faszination zum Beruf gemacht. Ganz nebenbei hat er der Platte außerdem die Entdeckung einer weiteren Passion zu verdanken: Dem Urban Gardening. Sein Balkon hat sich innerhalb von nur sechs Wochen in einen Dschungel verwandelt und beherbergt neben einer knapp drei Meter großen Tomatenpflanze Zucchini, Kürbis und Blumen in allen Variationen und Farben.

Bevor wir über deine Wohnung sprechen, kannst du uns vielleicht kurz über die Historie der Platte aufklären. Woher weißt du so viel darüber?

Ich hab viel zu dem Thema in Bibliotheken recherchiert, da sich eher wenig Korrektes im Internet finden lässt. Spannend finde ich die Bauweise und Montage, die trotz der Betonplatten eine große Flexibilität zulässt, wenn man die Wohnung umbauen und im Zuge dessen zum Beispiel Wände versetzen will. All das hat mich schon immer stark interessiert und durch viele weitere Zufälle bin ich auch noch dazu gekommen, heute über Plattenbauten zu schreiben.

Interessant ist auch, dass die allgemeine Behauptung, die Platte sei eine DDR-Erfindung war, nicht stimmt. Bereits 1905 wurde das erste Haus aus Betonblöcken gebaut – in Liverpool, Großbritannien. Und um 1918 gab es die erste Siedlung in Plattenbauweise, und zwar auf Long Island in New York! Die Platte ist also kein typisch ostdeutsches Phänomen, überall auf der Welt gibt es Plattenbausiedlungen, von Mosambik bis Kasachstan. Die älteste deutsche Plattenbausiedlung ist die Splanemannsiedlung in Berlin-Friedrichsfelde, geplant und errichtet in den 30er Jahren.

Die meisten Häuser stehen heute noch. Das Interessante an der DDR-Plattenbauweise ist, dass es irgendwann die absolut beherrschende Bautechnik war. Man ging weg von traditionellen Bauweisen hin zum industriellen Massenwohnungsbau. Hoyerswerda wurde zur Experimentalstadt, man errichtete dort die unterschiedlichsten Plattenbautypen, die man sogar heute noch besichtigen kann, denn Hoyerswerda ist so etwas wie das "Freilichtmuseum für Plattenbau". Die damals vorherrschende Notwendigkeit Wohnraum zu schaffen und dem Staat trotzdem Kosten zu sparen, entsprach der Montagebauweise der Plattenbauten. Bei einigen Experimentalbauten gab es z. B. Schienen an der Decke, dadurch ließen sich Wohnräume ganz einfach verschieben und somit verkleinern oder vergrößern. Das war revolutionär und wird heutzutage sogar wieder angewendet.

Es gibt einen Trend, der den Leuten das Leben in der Platte wieder schmackhaft macht, ganz einfach weil sie realisieren, dass das Wohnen in der Platte Flexibilität bietet.

Und wie hast du diese Wohnung gefunden?

Durch einen Zufall! Ich bin ursprünglich während eines Urlaubs nach Berlin gekommen, denn ich habe dreieinhalb Jahre in Sydney gelebt. Während meines Aufenthaltes hier habe ich mich spontan entschieden, in Berlin zu bleiben. Ich habe eine Wohnung gesucht und es war nicht leicht eine zu finden; nach zwei Monaten vergeblicher Suche bin ich jedoch an diese Wohnung gekommen. Als ich sie das erste Mal betrat, sah ich zunächst den Filzfußboden der Vormieterin, welcher nicht wirklich schön war. Zudem war die gesamte Einrichtung von einem großen schwedischen Möbelhaus, das Ganze wirkte nicht sehr charmant!

Der Schnitt der Wohnung hat mich jedoch prompt überzeugt, sofort habe ich vor meinem inneren Auge gesehen, wie ich mich hier einrichten kann. Hinzu kam noch, dass der Plattenbautyp, in dem ich wohne, sehr selten ist, in Berlin gibt es ihn nur einmal. Und dann der riesige sechs Meter lange Balkon... da konnte ich einfach nicht "nein" sagen.

Wie hast du anfangs hier gelebt?

Am Anfang hatte ich eine leere Wohnung, bestückt mit einem Sofa und einer Katze. Mein Balkon war mein Kühlschrank: Da es Winter war, habe ich meine gesamten Lebensmittel dort gelagert. Von Freunden habe ich bekommen, was eben benötigt wird, wie Teller, Besteck etc.

Kurz danach habe ich eine Anfrage bezüglich eines kleinen Konzerts zu meiner Einweihungsparty bekommen und ob dieses gefilmt werden dürfte. Eine leere Platte wäre hierfür sehr ungünstig gewesen, also hatte ich ungefähr drei Wochen Zeit, die komplette Wohnung einzurichten, zu streichen, den Fußboden neu zu verlegen und mir endlich Möbel zuzulegen.

Wer ist Dein Lieblingsnachbar?

Zu meiner Überraschung haben sich meine Nachbarn einen Tag nach meinem Einzug bei mir vorgestellt und mir ihre Hilfe angeboten. Das Verhältnis zu ihnen ist bis heute super, ab und zu sitzen wir zusammen auf dem Balkon und trinken Wein.

Ob ich einen Lieblingsnachbarn habe, weiß ich nicht. Da gibt es Esteban aus Argentinien, der im dritten Stock wohnt und dessen Vater immer lächelt und munter auf Spanisch daher plappert, obwohl ich nichts verstehe. Oder das nette Ehepaar von nebenan, beide Mitte Achtzig und immer für ein Schwätzchen zu haben. Sie versorgen auch mal die Katze, wenn ich über das Wochenende verreist bin. Mit Frank, der in der Wohnung zu meiner Linken lebt, einem Künstler und Weltgewandtem, kann ich mich jederzeit zu Fragen neuer Kunstwerke streiten - im positiven Sinne. So hat ein jeder hier im Plattenbau seine liebenswerten Seiten, die ich sehr schätze.

Hast du noch Tipps fürs Einrichten im Plattenbau?

Mit ein bisschen Fantasie und etwas handwerklichem Geschick kann man eine ganze Menge zaubern. Es bringt viel Spaß und Freude, wenn man am Ende das Produkt sieht, welches man erschaffen hat. Man kann seine Möbel auch selbst entwerfen, im Internet finden sich viele Anleitungen von verrückten Leuten, die günstige Möbel designen. Das Material lässt man sich im Baumarkt zuschneiden – die machen das teilweise sogar umsonst. Auch alte Möbelstücke lassen sich wunderbar recyceln, so habe ich zum Beispiel ein kleines Schränkchen aus einem alten Hocker und einer Schublade vom Flohmarkt gebaut.

Bohren geht übrigens ganz prima im Plattenbau – man muss nur einen Betonbohrer statt eines Steinbohrers benutzen. Industrieheißkleber aus dem Baumarkt ersetzt mir in vielen Fällen die Bohrmaschine, so lassen sich zum Beispiel einfache Boxen ganz mühelos an die Wand kleben. Dieser Klebstoff hält eine ganze Menge aus!

Deinen Schlafbereich hast du separiert, ohne dass es den Raum kleiner macht...

Gerade bei 1-Zimmer-Wohnungen empfehle ich, das Bett auf eine Art Podest zu stellen, welches zum Raum hin unter dem Bett herausragt. So wirkt es wie ein intimer, separater Ort und nicht als würde es mitten im Zimmer stehen. Clever macht sich drumherum auch eine "durchsichtige" raumhohe (!) Wand aus Streben oder offenen Regalen - das Zimmer wirkt durch diese Verkleinerung aber optisch viel größer.

Was ist dein Lieblingsplatz in der Wohnung?

Mein Balkon! Er ist mein zweites Wohnzimmer und Dachgarten zugleich. Da er groß ist, habe ich mir gedacht, ich könnte hier ein paar Pflanzen anbauen und habe vor sechs Wochen damit begonnen. Ich bin zum Selbstversorger geworden und baue Kartoffeln, Gemüse und Küchenkräuter selbst an – und das alles auf dem Plattenbaubalkon. Er ist auch ein toller Treffpunkt für Freunde und Nachbarn. Wir sitzen hier abends; ein Gläschen Wein, Kerzen – meine kleine Oase nach der Arbeit. Ich muss nicht in den Park gehen, um mich im Grünen zu entspannen, ich habe meinen Garten direkt vor dem Wohnzimmer im achten Stock.

In der DDR gab es übrigens eine sehr interessante Bauordnung. Am 22. Februar eines jeden Jahres mussten alle Wohnungen über wenigstens ein Zimmer verfügen, das für mindestens 2 Stunden Sonne hat. Entsprechend dieser Anforderung wurden die Plattenbauten entworfen und ausgerichtet – eine revolutionäre Idee – wenn auch in innerstädtischen Gebieten, wie Altstädten, nicht immer praktikabel.

Tipp: Im Sommer 2014 berichtete der Blog AnneLiWest | Berlin über Martin's Wohnung - die sich bereits verändert hatte.
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