Die Platte als Leinwand“

Besucht man Rahel in ihrer Wohnung, hat man das Gefühl, eine andere Welt zu betreten - modern und warm zugleich. Ein großer Tisch im Wohnzimmer bildet das Herzstück ihres Apartments und wird von Jane Birkin-Schallplatten, Büchern, Magazinen und viel Sichtbeton umrahmt.

Ganze zwei Monate hat Rahel investiert, um ihre Wohnung in ein kleines Kunstwerk umzugestalten; diese Liebe und Mühe spürt man, denn man fühlt sich sofort wohl und glaubt kaum, dass sich diese Oase direkt im belebten Berliner Zentrum befindet. 

Wie kam es dazu, dass du in eine Plattenwohnung gezogen bist?

Ich bin 2006 nach einem Auslandsaufenthalt aus Stockholm zurückgekommen und brauchte dringend eine Wohnung. Allerdings wollte ich unbedingt nach Mitte ziehen, weil hier die meisten meiner Freunde leben und sich mein gesamtes kreatives Umfeld, beruflich gesehen, ebenfalls auf Mitte konzentriert.

Innerhalb dieses Jahres, in welchem ich in Schweden war, sind die Berliner Mietpreise total explodiert und somit war eine Plattenbauwohnung das einzig Bezahlbare – so bin ich auf die Platte gekommen.

Zudem hatte ich eine ungefähre Ahnung von dem Potential dieser Wohnungen, da mittlerweile viele Freunde in eine Platte gezogen sind und sie mit viel Fantasie toll umgestaltet haben.

Rahel, was hast du gedacht, als du zum ersten Mal die Wohnung gesehen hast?

Ich hab zuerst einen Schreck bekommen. Es war auf jeden Fall eine Herausforderung, die Wohnung so herzurichten, wie ich sie haben wollte.

Bei den Plattenbauten variiert der Zustand der Wohnungen sehr stark, manche sind schon saniert, manche nicht. Mittlerweile sehe ich als großes Glück, eine unsanierte Wohnung bekommen zu haben, denn ich konnte alles komplett neu gestalten und meiner Kreativität freien Lauf lassen.

Womit hast du angefangen? Welcher Raum hat dich gleich inspiriert?

Ich hab zuerst mit den Tapeten angefangen, weil ich wissen wollte, wie die Wände darunter aussehen. Und weil ich bereits gehört hatte, dass es bei den Bauarbeitern damals eine Art Tradition gab, nämlich sich auf den Wänden mit einem Spruch oder einer Malerei zu verewigen. Zudem fand ich Sichtbeton schon immer ein spannendes Material. Auch im Hinblick auf Fotos aus Architekturzeitschriften und dem Trend, dass man Beton sowohl in Form von Möbeln als auch in Form von Sichtbeton an den Wänden wirklich toll in seinen Lebensraum integrieren kann. Der Sichtbeton war für mich somit auch ein wichtiger Grund, in eine Platte zu ziehen.

Hast Du etwas unter den Tapeten entdeckt?

Ja, eine obszöne Zeichnung kam zum Vorschein! Deshalb habe ich diese Wand wieder zugespachtelt. Eigentlich wollte ich sie auch in Sichtbeton belassen – aber diese Bauarbeiter-Kritzelei musste ich wieder überdecken. (lacht)

Und dann hast du ja auch das Bad und die Küche umgestaltet, was hast du noch in der Wohnung selbst gemacht?

Ich hab das Bad komplett neu gefliest, da ich die vorherigen weißen Kacheln einfach zu langweilig fand. Da das Bad keine Fenster hat, habe ich mich bewusst für ein schwarzes Bad entschieden – also mit kleinen schwarzen Fliesen, um eben diesen fensterlosen Raum ganz besonders in Szene zu setzen. Zusätzlich habe ich die Böden neu gemacht, auf denen zuvor PVC verlegt war. Dies habe ich rausgerissen und den Boden mit weißem Laminat ausgelegt. Einige meiner Wände habe ich farbig gestrichen, teils als grauer Farbspiegel im Wohnzimmer oder als komplett schwarze Wand im Schlafzimmer und in der Küche. Tapeten sind ebenfalls ein tolles Hilfsmittel, die Wände individuell zu gestalten. Sie verleihen jedem Raum etwas ganz Besonderes, auch wenn man nur eine einzelne Wand tapeziert. An der Grundstruktur der Wohnung habe ich jedoch nichts verändert.

Wie lange hat die Renovierung gedauert?

Da ich vieles alleine gemacht habe, hat es fast zwei Monate gedauert. Ich bin handwerklich nicht sonderlich begabt und wenn man professionelle Leute mit der Renovierung beauftragt hätte, wäre es wahrscheinlich eine Sache von einer Woche gewesen. Aber das war aber eben auch die Herausforderung! Ich sah die Wohnung wie eine weiße Leinwand, an der ich als Künstler arbeiten konnte. Ich glaube, das ist mir ganz gut gelungen und deswegen fühle ich mich hier auch so wohl. Plattenwohnungen sind zwar sehr quadratisch und geben dir eine gewisse Grundstruktur vor, aber sie bieten eben auch diese tolle Möglichkeit, alles so individuell wie einzigartig zu gestalten.

Dann ging es dann weiter mit dem Akt des Einrichtens – wie würdest du deinen Stil beschreiben? Und was sind deine Lieblingsobjekte?

Mein Einrichtungsstil ist sehr minimalistisch. Ich mag helle Sachen, besonders wenn sie in einem Kontrast wie zum Beispiel zu einem dunklen Bad stehen.

Tagtäglich inspirieren mich Dinge, die ich auf der Straße, in Geschäften oder in Magazinen sehe. Ich überlege mir dann: Aus welchen Materialien sind diese Möbel gemacht, wie werden sie montiert und könnte ich sie vielleicht sogar nachbauen? So entdecke ich immer wieder Sachen, die eine einfache Konstruktion haben und für die man kein großes handwerkliches Geschick braucht um selbst zu bauen, wie zum Beispiel mein Holztisch oder das Regal im Wohnzimmer. 

Oft auch sehe ich Dinge, welche mir vom Design, jedoch nicht von der Farbe her gefallen; diese male oder sprühe ich einfach an. Zum Beispiel Steckdose oder Lichtschalter, die eigentlich unschöne Objekte sind. Doch wenn man sie bunt bemalt oder beklebt, hat man sofort einen Eyecatcher im Raum.

Ein weiteres Lieblingsobjekt sind meine Neonröhren aus dem Baumarkt, die ich an der Decke zu einem Stern formiert habe. In Kombination mit pinkfarbener Folie erhält man einen coolen Effekt zu herkömmlich kaltem Neonlicht. 

Großes Kompliment auch für diesen tollen Wintergarten!

Ja, diese Loggia ist auch so ein typisches Element der Plattenbauten. Besonders morgens sitze ich dort sehr gerne, trinke Kaffee und genieße die Morgensonne. Das ist mein Kickstart in den Tag. Den Stuhl habe ich übrigens auf dem Sperrmüll gefunden und grün lackiert!

Wer sind deine Lieblingsnachbarn?

Am liebsten mag ich die junge 5-köpfige Familie über mir. Sie wohnen in der identischen Wohnung wie ich und manchmal frage ich mich: Wow, wie arrangiert sich die Familie in drei Zimmern, vor allem wenn die Kinder größer werden? Die Mutter ist toll, sie ist ganz jung und ich bewundere sie, wie sie die 5 Stockwerke mit drei kleinen Kindern so mühelos emporkommt.

Wie wichtig ist es dir, ein schönes Zuhause zu haben?

Eine tolle Wohnung ist mir sehr wichtig, schließlich verbringt man doch sehr viel Zeit in seinen eigenen vier Wänden. Zudem ist der Berliner Winter sehr lang, dunkel und kalt, besonders in dieser Jahreszeit liebe ich es, meine Freunde einzuladen und mit ihnen Zeit zu verbringen. Man lebt, liebt und arbeitet hier und kommt schließlich nicht nur zum Schlafen und Essen nach Hause.

Koordinierung: Rahel Morgen
Regie; Katharina Kowalewski
Fotos: Mirjam Wählen
Film: Directed by KO.FASHION / Kamera + Schnitt Annikki Heinemann/Anna Piltz www.oddisseefilm.de