"Bücher, Schallplatten und Nietzsche"

Die gebürtige Ostfriesin Stella Andrea zog vor vier Jahren nach Berlin, um hier ihr Studium der Philosophie zu absolvieren. Vorher arbeitete die Musikliebhaberin mit deutschsprachigen Indie- und Hip Hop Bands und ist Mitgründerin eines Plattenladen für elektronische Musik in Hamburg. Obwohl die Musik immer noch eine wichtige Rolle im Leben von Stella Andrea spielt, hatte sie irgendwann Lust auf neue Herausforderungen. Da ein Neuanfang in einer anderen Stadt einfacher zu bewältigen ist und Berlin über hervorragende Philosophische Institute verfügt, kam sie über ihren Studienwunsch nach Berlin und in die Platte. Ihre Wohnung im 15. OG wurde zu ihrem ganz persönlichen Refugium, welches sie nur verlässt, wenn es unbedingt notwendig ist. 

Stella Andrea, wie bist du zur Platte gekommen?

Eigentlich hatte ich zunächst nur nach eine Übergangswohnung gesucht. Hamburger Freunde vermittelten mich an eine Bekannte, die ebenfalls hier im Haus im 10. Stock wohnt – wir haben uns auf Anhieb super verstanden! Doch die Wohnsituation änderte sich nochmals, als ein weiterer Freund aus Hamburg bei uns einzog. So nahm ich Kontakt zur Hausverwaltung auf und glücklicherweise war diese Wohnung im 15. Stock gerade freigeworden. Die Zusage dafür habe ich schon am nächsten Tag bekommen.

Waren das deine ersten Erfahrungen mit Plattenbauwohnungen?

Während der ersten Jahre in Berlin, habe ich in circa 15 verschiedenen WGs gelebt, das waren alles hauptsächlich Altbauwohnungen.  Als ich dann das erste Mal in die Wohnung meiner Bekannten im 10. Stock kam, fand ich alles sofort super und schön. Der Ausblick ist einfach toll, wenn man so weit oben wohnt; doch hier in meiner jetzigen Wohnung im 15. Stock ist das noch eine Ecke besser! Es ist unglaublich schön, so weit in die Ferne schauen zu können.

Wie sah deine Wohnung aus, als du sie das erste Mal besichtigt hast und was hast du verändert?

Die Wohnung war ziemlich hässlich dekoriert. Verschiedene Tapeten mit Blumenmustern, verschärft durch zusätzlich aufgeklebte Blumen u.s.w. Wir haben über mehrere Wochen alles von den Wänden gerissen und haben vieles einfach im Rohzustand gelassen. Auch auf die Böden haben wir keine neuen Teppiche oder Laminat verlegt, sondern sie in ihrem ursprünglichen Zustand, also Linoleum-Fliesen, gelassen.

Wie ist deine Wohnung aufgeteilt?

Meine Wohnung hat 61 Quadratmeter mit zwei Wohn- und Schlafräumen, einer kleinen Küche und einem Balkon. Was ich besonders toll finde ist, dass man die Zimmer über den Balkon und über den Flur erreichen kann. Man kann also einmal im Kreis laufen.
 

Was gefällt dir besonders gut an deiner Wohnung?

Mir gefällt, dass es so weit oben ist und ich so weit schauen kann. Das liegt wahrscheinlich an meiner ostfriesischen Verwurzelung. Die Regale im Wohnzimmer habe ich selbst gebaut, daher liegen sie mir wirklich am Herzen. Natürlich verbringe ich auch unheimlich gerne Zeit in der Küche und in meinem Bett mit dem unglaublichen Ausblick, den ich durch meine bunten Fensterscheiben geniesse. Aber die meiste Zeit verbringe ich in meiner Lese- und Schreibecke direkt am großen Fenster des Wohnraums.

Was liest du gerade?

Da nun Semesterferien und alle Arbeiten geschrieben sind, lese ich zur Abwechslung mal eine Biografie. Ich genieße es, dass ich mich gerade nicht auf bestimmte Werke fokussieren muss. Ansonsten befasse ich mich während des Studiums vornehmlich mit Nietzsche und den letzten Vorlesungen von Foucault, die sich sehr gut mit Nietzsche verbinden lassen. Eigentlich dreht sich bei mir sehr viel um Nietzsche. 

Wie bist du auf die Idee mit dem riesigen Bücherregal gekommen?

Die Idee für das Regal stammt eigentlich von dem Vater meiner ehemaligen Mitbewohnerin aus dem 10. Stock. Das System ist schon 20 oder 30 Jahre alt und steht auch in ihrer Wohnung.  Ich war so begeistert von dieser Idee, dass ich meine Freunde dazu motivieren konnte, solch ein Regal auch für meine Wohnung zu bauen.

Was richtet sich leichter ein: Platte oder Altbau?

Definitiv nicht der Altbau! Mir gefällt es, dass man sich in Plattenbauten auf die rechtwinkligen Ecken und geraden Kanten verlassen kann, obwohl die Häuser ja meistens auch schon ziemlich alt sind. Die Raumnutzung in dieser Wohnung ist perfekt. Es wirkt alles so klar und aufgeräumt.

Was sagst du zum Klischee der anonymen Platte?

Ich habe nicht das Gefühl, dass die Platte anonym ist. Ich lebe zum Beispiel in einem Haus mit 17 Etagen. Auf jeder Etage sind 6 Parteien und ich kenne mindestens die Hälfte der Leute, die hier wohnen.  Ich habe das Gefühl, dass es durch die Größe des Gebäudes eine Art Gemeinschaft gibt, die ich für meinen Teil sehr angenehm finde. Diese Freundlichkeit zu erfahren, fühlt sich gut an, denn Freundlichkeit zählt ja bekanntlich nicht unbedingt zu den Stärken der Berliner. Dass das hier im Haus dennoch funktioniert, macht das Wohnen umso entspannter und schöner.

Koordinierung: Rahel Morgen
Fotos: Mirjam Wählen
Film: Directed by Jessica-Joyce Sidon / Kamera + Schnitt Annikki Heinemann/Anna Piltz www.oddisseefilm.de