Florale Delikatessen

Kerstin Demm Mode und Blumen

Florale Delikatessen

"Do you sell soil? And can I pay with credit card?" Wer in Kerstin Demm-Gerths Blumenladen arbeitet, braucht mindestens Grundkenntnisse in Englisch, um die Kundenwünsche zu erfüllen. Kein Wunder, denn das Geschäft befindet sich dort, wo Berlin besonders international ist: in der Spandauer Vorstadt, Tucholsky-, Ecke Torstraße.

"Als wir vor 20 Jahren eingezogen sind, sah das hier noch ganz anders aus, absolutes Niemandsland", erzählt die Besitzerin. Ihre Erinnerungen reichen aber noch weiter zurück. Denn Kerstin ist im Kiez aufgewachsen. "Ich hab gesehen, wie der Bau hochgezogen wurde. Und kann mich noch erinnern, dass hier ein Fress-Ex drin war", erzählt sie. So nannte man in der DDR umgangssprachlich Geschäfte für Lebensmittel des gehobenen Bedarfs. Die offizielle Bezeichnung war Delikatladen.

Kerstin Gerth-Demm
Blumen & Mode
Tucholskystraße 51
10117 Berlin

Öffnungszeiten:
Montag bis Sonntag 08.00 – 20.00 Uhr

Telefon: 030/2815143

Dass die 49-jährige in das Erdgeschoss des Plattenbaus Typ WBS 70 zog, hat aber nichts damit zu tun, dass sie in unmittelbarer Nähe ihre Kindheit verbracht hat. Es war Zufall: "Der Grund, warum wir uns hier eingemietet haben, ist ganz simpel: weil die Räume frei waren." Das war ein Glücksgriff, denn heute hat der Kiez Top-Lage.

Wer nun angesichts des Mitte-Hypes durchgestylte Ladenräume erwartet, täuscht sich. Außer einem Spiegel, der den ersten Verkaufsraum optisch vergrößert, findet sich nicht allzu viel Dekoration – es sei denn, sie gehört zum Warenbestand. "Ich mag es nicht zu exklusiv, einen Kronleuchter zum Beispiel würde ich mir nie in den Laden hängen." Denn sie will auch die alteingesessenen Kiezbewohner erreichen und diese nicht durch zu viel Design abschrecken: "Die Omis, die sich ab und an einen kleinen Strauß gönnen, bis zu solchen, die die Sonnenbrille auflassen, um unerkannt zu bleiben", so beschreibt sie ihre Kunden.
 

Sowieso würde jede noch so originelle Einrichtungsidee Gefahr laufen, gar nicht wahrgenommen zu werden. Denn wer den 56 Quadratmeter großen Laden betritt, sieht sich von Blumen, Blumen und nochmals Blumen umgeben. Viel freier Platz bleibt da nicht übrig. Es ist ein bisschen, wie man sich den Urwald vorstellt – fast ist man überrascht, dass einem keine exotischen Tiere begegnen.

Dafür entdeckt man im zweiten Verkaufsraum eine kleine, feine Auswahl an Damenmode. Kerstin ist gelernte Maßschneiderin. Vor der Wende fertigte sie Kostüme für den Friedrichsstadt-Palast an, steuerte Kleider für Modeaufnahmen in der Sybille bei und war auch für das Bolschoi-Theater in Moskau tätig. Auch  wenn die Floristik mittlerweile das Kerngeschäft darstellt, für sie gehört beides zusammen. "Ob Hochzeiten oder Trauerfeier, Freud oder Leid: Wo Blumen gebraucht werden, ist oft auch besondere Kleidung gewünscht."
 

Das, was es in den beiden Verkaufsräumen und auch davor auf der Straße zu sehen gibt, ist dabei nur ein Teil des Angebotes. Zu Hause hat sie auch noch eine Garage, in der sie Großpflanzen aufbewahrt, zur Begrünung von Gärten, Balkonen und Terrassen. Und das, was sie selbst nicht hat, kann sie organisieren. "Vier Meter hohe Palmen? Kann ich besorgen."

Von der übermannsgroßen Pflanze bis zum Topfgewächs – die "Blumenfee", wie die Berlinerin von ihren Freunden genannt wird, hat alles im Programm. Ganz besonders im Trend liegt derzeit Kulinarisches: ausgefallene Kräuter wie Schokominze oder Gyros-Kraut, aber auch essbare Rosen- und  Ananasblüten. So gehören auch Köche zu ihrem festen Kundenstamm.

Neben Farbenpracht und Blütenduft auch Gaumenfreude – der Laden spricht viele Sinne an. Hier gibt es also nicht nur "Blumen und Mode", wie Kerstins Betrieb offiziell heißt: Ein bisschen Delikatladen ist das kleine Geschäft mitten in Mitte immer noch.