Wunderkammer hinter Waschbeton

Zu Besuch im Designpanoptikum

Wunderkammer hinter Waschbeton

Vlad Korneev inmitten seiner Ausstellung

"Museum" prangt in mannshohen roten Lettern an der Waschbeton-Fassade des Plattenbaus in der Torstraße 201 – ein ungewöhnlicher Ort für Ausstellungen. Das Plattenbau-Ensemble in der Torstraße entstand 1984-88 beim Wiederauf der Spandauer Vorstadt. Hier entsandte der damalige Bezirk Neubrandenburg die Architekten Iris Grund und Manfred Hartung, um ein zeitgenössisches und sich doch in die Altbaustrukturen einpassendes Wohngebiet zu entwerfen. 

Auch im Inneren der Räume des Designpanoptikums ist vieles anders als das, was man erwartet, wenn sich Kunst oder Design präsentieren: 1.000 ausrangierte industrielle Objekte – einige raumfüllend, andere nur wenige Zentimeter groß – entführen den Besucher in ein Labyrinth vergessener Dinge. Hinweise darauf, was diese Gegenstände einmal für einen Nutzen hatten, gibt die Ausstellung nicht: In Vlad Korneevs "Designpanoptikum" geht es nicht um den Gewinn von Wissen, sondern um das Eintauchen in eine surreale Wunderwelt.

Designpanoptikum
Surreales Museum für industrielle Objekte
Torstraße 201  
10115 Berlin


Öffnungszeiten: 

Montag bis Samstag, 11 bis 18 Uhr
(Führungen zu jeder vollen Stunde)
Preis: 8 Euro 

Telefon: 0157 74 01 29 91
E-Mail: designpanoptikum(at)googlemail.com


www.designpanpotikum.de

Alles, was der Fotograf hier ausstellt, war einmal High-Tech in der Filmindustrie, Medizin, Luftfahrt und im Sport. Irgendwann musterte der Fortschritt die Objekte aus. So landeten sie in Kellern, Scheunen, beim Trödler oder auf Online-Marktplätzen – bis Korneev die ausrangierten Dinge entdeckte. Ursprünglich trug er die außergewöhnlichen Objekte zusammen, um sie als Requisiten in seinen Fotos einzusetzen. Mit ihrem Formenreichtum und ihrer geheimnisvollen Aura faszinierten sie ihn jedoch so sehr, dass sie immer mehr ins Zentrum seines Interesses rückten. Schließlich befreiten sie sich aus ihrer Rolle als Beiwerk seiner Fotografien und verwandelten sich zu einer großen, rätselhaften Installation auf 160 Quadratmetern.

Filmkameras, Fotoapparate und Industrieleuchten gesellen sich zu alten Röntgenmaschinen und Prothesen aus der Anfangszeit der modernen Medizin. Anästhesiegeräte aus dem frühen 20. Jahrhundert stehen neben beräderten Vehikeln, die rätseln lassen, was oder wen sie einst transportierten. Dazwischen platziert der selbst ernannte Museumsdirektor immer wieder menschliche Figuren, mal Schaufensterpuppen, mal anatomische Lehrmodelle mit freigelegten Organen. Wie ein lebender Organismus scheinen die Gegenstände über Wände, Decken und Böden zu wuchern. "Es wächst wie im Dschungel, beschreibt Korneev die Überfülle an Formen und Materialien.

Für den Besucher stellt sich zu allererst die Frage nach der ehemaligen Nutzen der mysteriösen Objekte. Schriftliche Hinweise finden sich nirgends. Korneev will seine Gäste dazu bringen, erst einmal zu rätseln und zu staunen, bevor er die wahre Bedeutung der Exponate offenbart. Dass dabei manchmal auch ein wenig Grusel mit ins Spiel kommt, ist durchaus gewünscht. Denn dann ist die Überraschung umso größer. So entpuppt sich das sargähnliche Konstrukt, das den Besucher zu Beginn der Ausstellung empfängt, als Eiserne Lunge, die es ermöglichte, Menschen maschinell zu beatmen.

Auch das organisch geformte Objekt, das Korneev am Anfang seiner Führungen zeigt, ist nicht das, was es scheint. Bestehend aus zwei identischen Teilen, die lose miteinander verbunden sind, könnte man den silbrig glänzenden Gegenstand leicht für eine antiquierte Apparatur zum Schienen von Knochenbrüchen halten. Die banale Lösung erfährt der Besucher am Ende des Rundganges: Es sind zusammengeschraubte Türklinken. Lösgelöst von ihrer Funktion und als eigenständiges Gebilde betrachtet, sollen sie ihre eigentliche Bestimmung verschleiern und die Phantasie des Betrachters stimulieren – denn, so Korneevs Credo: "Es geht mir nicht um das Verstehen, es geht um Kreativität."

Vor acht Jahren zog er in das Erdgeschoss des Plattenbaus in der Torstraße, das davor verschiedene Restaurants beherbergte. Bewusst bewahrte der gebürtige Moskowiter den Kontrast zwischen den unterschiedlichen Bereichen: Die Kacheln und rohen Wände im hinteren Teil lassen erahnen, dass sich dort Küche und Sanitäranlagen befanden. Im vorderen Bereich hingegen erschaffen dunkle Holzdielen und Kassettendecken eine gediegene Stimmung und verweisen darauf, dass hier einst die Gäste aßen.

So sind auch die ostasiatischen Schriftzeichen an den Türrahmen keine Fundstücke, sondern Relikte der Vergangenheit des Raumes: Die Immobilie beheimatete einst ein Chinarestaurant. Heute erscheinen sie wie Hieroglyphen und tragen so zur geheimnisvollen Atmosphäre des "Designpanoptikums" bei. Noch auffälliger sind die Wandreliefs, die mit ihrer schwarzen Übermalung im Halbdunklen des Raumes organisch anmuten. Bei näherer Betrachtung erkennt man in ihnen stilisierte vegetabile Formen.  Sie entstanden zu DDR-Zeiten, als die Räume die gehobene Gastronomie des "Brandenburger Hofes" beherbergten.

In Korneevs Wunderkammer sind es also nicht nur die Exponate, die Vergangenes gegenwärtig machen. 30 Jahre nach seinem Entstehen  zeigt der Plattenbau, dass auch er eine Historie hat, die es zu entdecken gilt.
 

Redaktion: Dr. Roland Ernst, TEMA Technologie Marketing AG
Gestaltung Content: Martin Püschel
Fotos: Andreas [Franz Xaver] Süß