Zeitgenössische Kunst im Plattenbau

Plattenbau-Interior: Zu Besuch in der Galerie Neu

Zeitgenössische Kunst im Plattenbau

„Wir waren einfach an einem sehr speziellen Ort interessiert.“

Wer die Galerie Neu im Epizentrum der Berliner Galerien-Szene sucht, läuft möglicher Weise daran vorbei. Denn Galerist Thilo Wermke und sein Team entschieden sich zur Präsentation zeitgenössischer Kunst nicht für eine gewöhnliche Gewerbefläche mit Schaufenster, sondern für einen äußerst  ungewöhnlichen Ort: Das Heizhaus im Hof des original erhaltenen WBS 70-Plattenbau-Karrees in der Linienstraße.

Vor dem großen Tor wird der Besucher jedoch fündig. Eine übergroße Klingelanlage darf die Galerie ihr Eigen nennen. Schon in der Durchfahrt wird der Blick auf die Kunst gelenkt. Eingerahmt von Plattenbau-Balkonen und Ligusterhecken steht mitten im Hof Tom Burrs skulpturale Installation 'Room 4' – ein sinnlicher Verweis auf Jim Morrisons letztes Zimmer im Pariser Hotel de Medicis.

Nach dem Betreten des Hofes erscheint gleich links der zweistöckige Flachbau. Außen dominiert reiner Waschbeton, die Fassade blieb größtenteils unangetastet. Nur im neuen Eingangsbereich wurden die Wände für eine großzügige Verglasung des Erdgeschosses geöffnet. Wie Tore laden die Scheiben ein, hereinzuschauen, hereinzukommen. 

Galerie Neu
Linienstraße 119 abc
10115 Berlin
www.galerieneu.net

Was zieht eine Galerie in die Platte? Das Hörensagen und das Interesse an speziellen Orten. Zunächst residierte die Galerie in der Berliner Philippstraße, gleich hinter dem Hochhaus der Charité. Nach vielen Jahren der Nutzung und dem Ende des Mietvertrages, wagte sich das Team an das nicht mehr benötigte Heizhaus, das ein Freund empfohlen hatte. "Als ich drin stand, war sofort klar, das ist perfekt für eine Galerie" sagt Thilo Wermke mit einem großen Lächeln im Gesicht. Der Vermieter war zwar überrascht, aber nicht abgeneigt. So einigte man sich auf einen langen Nutzungsvertrag und im Gegenzug einen Umbau in Eigenregie.

Geplant wurden die neuen Räumlichkeiten vom Architekturbüro Kühn Malvezzi. Was einem Rohbau gleichkam, wandelte sich innen zu lichtdurchfluteten Räumen, welche nicht nur inspirieren, sondern sich auch perfekt zum Zeigen großformatiger Kunstwerke eigenen – ein Glücksfall mitten in der Innenstadt. Der riesige Ausstellungsraum erstreckt sich über die gesamte Höhe beider Stockwerke.

Das Erdgeschoss wurde entkernt, eine Fußbodenheizung verlegt und neuer Estrich gegossen, der "benutzt" aussehen sollte. Die im Erdgeschoss installierten großen Fenster und Tore Richtung Süden sind eine Einladung an den Besucher. Die restlichen Wände wurden mit Holz verplankt, um große, schwere Kunstwerke problemlos aufhängen zu können. Im hinteren Bereich wurde eine neue Wand eingezogen, hinter der nun Büroräume Platz finden – genau wie im kleinen Obergeschoss, das über die originale Stahltreppe erreichbar ist. Der dortige Besprechungsraum und die Arbeitsplätze erlauben einen Blick über den begrünten Hof. Doch damit nicht genug der guten Arbeitsbedingungen. Ein Gang auf das WC der Galerie lässt wohl jeden Besucher staunen: So viel freie Entscheidungsmöglichkeiten gibt es selten (doch schauen Sie selbst …).

Ganze drei Monate dauerte der Umbau. Voll im Zeitrahmen und pünktlich zum 20. Geburtstag der Galerie Neu wurden die neuen Räumlichkeiten im Mai 2014 eröffnet. 

Und wie ist es mit den Nachbarn? Schließlich liegt die Galerie mitten im Hof eines Wohnensembles der 1980er Jahre. "Unsere Bedenken haben sich nicht erfüllt" meint Thilo Wermke. Die Anwohner seien anfangs sehr skeptisch gewesen, vor allem als die tonnenschwere Skulptur auf der Rasenfläche vor der Galerie aufgestellt wurde. Mittlerweile ist die Skepsis einer Mischung aus Interesse und friedlicher Koexistenz gewichen, die Kinder der Nachbarn nutzen Room 4 als Spielplatz. Außerdem bringt der Kubus aus Waschbeton dank wechselnder Kunstinstallationen an der Außenwand auch einen Hauch Extravaganz mitten in den Plattenbau-Kiez.

 

Die Fotostrecke entstand im Frühjahr 2015. Die Bilder zum EG zeigen die Installation World of Hope von Yngve Holen (on view 20.03. bis 18.04.2015).

Redaktion & Gestaltung Content: Martin Püschel
Fotos: Claudius Pflug